Vom Rheine bis nach Siegburg
Die Sieg-Mündung. – Die alte Sieg. – Regulirung der Flussmündung. – Isabellen-Insel. – Kriegsgeschichte. – Fischfang, Alsen und Salme. – Die Kirche zu Schwarz-Rheindorf. – Maibeiern. – Mai-Lehen. – Maibaum. – Thierjagen. – Spinnstuben-Abende. – Volksgebräuche. – Martinsfeuer. – Bittwoche. – Spielbaehn. – Glockengiesser Claren. – Siegburg.
Die Sieg-Mündung
Ziehen wir von der jetzigen Mündung der Sieg, Grafen oder Grau-Rheindorf gegenüber, stromaufwärts dem Flusse entgegen, werden wir uns bald überzeugen, dass derselbe seinen Lauf geändert hat.
Die alte Sieg
Die Sieg mündete noch im zwölften Jahrhundert bei der tiefer gelegenen Villa „Munnenthorp”, dem jetzigen Dorfe Mondorf, dessen Hafen noch den Namen „die alte Sieg” führt. Das ursprüngliche Flussbett lässt sich über die Dörfer Bergheim, Müllekoven, Eschmar und Sieglar ganz genau erkennen, wie sich dies auch aus Urkunden des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts ergiebt. In der Stiftungs-Urkunde der Abtei Siegburg vom Jahre 1064 durch Erzbischof Anno II. werden die in den jetzt auf beiden Ufern der untern Sieg gelegenen Höfe und Dörfer der Abtei gemachten Schenkungen aufgeführt, und zwar Eschmar unter dem Namen Ascmere, Sieglar als Lara, Menden als Menedon, Siegburg-Mühlendorf als Mulindorf.
Das ganze untere Siegthal war mithin um diese Zeit schon fleissig angebaut und bevölkert, der Fluss selbst bis über Siegburg hinaus für grössere Schiffe schiffbar; ob bis nach Eitorf, lasse ich dahingestellt sein. Jetzt trägt die Sieg bis Siegburg nur Schiffe , die höchstens 200 Centner laden. Wann und wie die Sieg ihren Lauf der Mündung zu geändert hat, lässt sich urkundlich nicht nachweisen. Die Mündung war nach und nach versandet, ausserordentlich breit und seicht geworden, erstreckte sich so weit in den Rhein, dass das Fahrwasser dem linken Ufer zu immer mehr eingeengt wurde. Sehr gefährlich war die Stelle für die Schifffahrt, da viele Schiffe und Flösse auf dem seichten Grunde auffuhren oder festgetrieben wurden und nicht selten völlig untergingen.
Regulirung der Flussmündung
Um diesen Übelständen abzuhelfen, unternahm es die Königl. Regierung im Jahre 1852 die Mündung zu reguliren, das Siegbett hier zu verlegen.
Isabellen-Insel
Es wurden zu diesem Zwecke mehr als 100,000 Thlr. verwandt, nämlich das vor der Mündung liegende Werth, die sogenannte Isabellen-Insel, durch einen gewaltigen Damm aus Holz und Stein mit dem linken Sieg-Ufer verbunden und so dem Laufe des Flusses eine andere Richtung gegeben. Derselbe fliesst jetzt zwischen dem rechten Ufer und der Isabellen-Insel und fällt erst am nördlichen Ende dieser Insel in den Rhein.
Kriegsgeschichte
In der Kriegsgeschichte des Niederrheins hat die Isabellen-Insel eine gewisse Bedeutung. Nachdem der bekannte abenteuernde Parteigänger Martin Schenk von Nideck, ein tollkühner, kriegserfahrener, protestantischer Condottiere, während des truchsessischen Krieges das von den Baiern besetzte Bonn in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1578 durch Überrumpelung genommen, war es seine erste Sorge, sich in der Nähe desselben festzusetzen. Beuel wurde stark verschanzt, und auf dem am Ausflusse der Sieg liegenden Werth liess er auch eine feste Schanze anlegen, welche er in seinem Übermuthe, dem geistlichen Kurfürsten Ernst von Baiern (1583 — 1612) zum Spotte „Pfaffenmütz” nannte.
Im März des folgenden Jahres begann die Belagerung Bonn’s durch den Prinzen Chimay, zu dem gegen Ende Mai der Statthalter von Friesland, der von dem Herzoge Alexander von Parma gesandte General Verdugo mit frischen Truppen stiess. Auf Verdugo’s Rath wurde die Schanze von Beuel nach förmlicher Belagerung und mehreren blutigen Stürmen genommen, wie auch die Pfaffenmütz, und zuletzt Bonn, das hart beschossen worden, zur Capitulation gezwungen. Am 28. Sptbr. verliess die Besatzung Bonn’s mit Wehr und Waffen die Festung. Martin Schenk wandte sich nach den Niederlanden, wo er am 14. Aug. 1589 bei der Überrumpelung von Nymwegen, als er sich nach vierstündigem Gefechte aus der Stadt zurückziehen musste, zu seinem Schiffe zurückkehrend, in der Waal ertrank. Die Spanier liessen seinen Körper viertheilen und öffentlich ausstellen. General Marquis de Varambon befahl aber den Körper abzunehmen und in einem Sarge aufzubewahren.
Erst zwei Jahre später wurden diese Überreste durch den Grafen Mauritz von Nassau in dem Familiengrabe der Herzoge von Geldern beigesetzt.
Martin Schenk von Nideck war kaum vierzig Jahre alt, als ihn der Tod ereilte.
Mit dem Jahre 1622 wurde auch der Niederrhein, bis dahin unmittelbar von den Stürmen des dreissigjährigen Krieges verschont, plötzlich von demselben bedroht. Holländische Truppen unter Ludwig Heinrich von Hatzfeld drangen rheinaufwärts und setzten sich auf dem Werthe in den Schanzen der Pfaffenmütz fest. Von hier aus schädigten sie nach allen Seiten das Land und errichteten auf dem linken Ufer der Sieg, zwischen diesem Flusse und dem Rhein, eine starke Schanze, ein Hornwerk in den Schweizerquartieren, so genannt, weil dort früher Schweizer gelegen hatten.
Sehr unwillkommene Gäste waren die Holländer an diesem Punkte, den ganzen Verkehr auf dem Rheine beherrschend. Viel hing davon ab, sie aus demselben zu vertreiben. Die Infantin Isabella Clara Eugenia, Tochter Philipps I., Gouvernantin der Niederlande, gab daher dem Grafen Heinrich von Berg von Brüssel aus den ausdrücklichen Befehl, Alles aufzubieten, Herr der Schanzen zu werden.
Graf Heinrich von Berg liess sofort auf dem rechten Ufer der Sieg bei Bergheim zwei Schanzen errichten, die er „Schnaufkatz” und „Kickin die Mütz” nannte, um aus denselben die Schanzen des Schweizerquartiers und die Pfaffenmütze zu beschiessen. So hartnäckig der Angriff immer sein mochte, nicht minder hartnäckig war der Widerstand.
Wütheten auch Scorbut und Ruhr in den Schanzen der Holländer, an keine Übergabe war zu denken.
Man sah sich zuletzt genöthigt, auf dem linken Rheinufer bei Grafen-Rheindorf, der Pfaffenmütz gegenüber, eine mächtige Batterie anzulegen, welche den Namen „Mundzu” erhielt, um durch dieselbe die feindlichen Schanzen von zwei Seiten beschiessen zu können und zum Schweigen zu bringen. Wie verzweifelt auch die Gegenwehr der Holländer, sie mussten dem mit dem grössten Nachdrucke fortgesetzten Doppel-Angriffe, dem Doppelfeuer endlich weichen, konnten sich gegen die von zwei Seiten Tag und Nacht auf sie niederhagelnden Wurfgeschosse nicht mehr schützen, mussten capituliren.
Gestattet ward es ihnen, mit Fahnen, Waffen und Bagage abzuziehen, Geschütz und Munition zurücklassend. Die abziehenden Holländer wurden von den Bergischen Truppen bis nach Arnheim eskortirt.
Das Schanzenwerk auf dem Werth und auf beiden Seiten der Sieg wurde zerstört, das Werth selbst aber, des Sieges wegen „Isabellen-Insel” genannt, welchen Namen es noch führt.
Unternehmen wir unsere Siegfahrt im Frühling wenn der unermüdliche Kukuk ruft, ein geheimnissvolles Leben und Weben durch Flur und Anger, über Höhen und Halden zieht, wenn der Wald grün aufflammt, sich mit frischen Maien schmückt, wenn die Nachtigallen in dem Buschwerk der Ufer der Sieg am Frühmorgen, in der andächtigen Feier des Abends, oder in der wundervollen Stille der Nacht ihre Liebe singen, ihre Sehnsucht nach dem zauberischen Osten, dann regt sich auch ein neues stilles Leben in dem Flusse.
Fischfang, Alsen und Salme
Reich an Fischen ist die Sieg. Seit der Zeit, dass wir Kunde haben von den Anwohnern des Flusses, beanspruchten die Kaiser als Regale, dann die Geistlichkeit und der Adel auch das Gerechtsam der Fischerei, als eines ihrer bedeutsamsten Privilegien. Schon im Monate März melden sich die ersten Zugfische, namentlich die Makreele (Sc. scomber) und die Gusshechte (Esox lucius). Aus dem fernen Meere kommend, ziehen sie rheinaufwärts und suchen, in dichte Schaaren die Sieg hinaufschwimmend, die seichten Stellen, um hier zu laichen. Die Makreele ist kennbar durch die vielen weissen Pöckchen auf dem Kopfe. Es fängt jetzt die Thätigkeit der Fischer an, da der Fischfang von der Regierung verpachtet ist. Nach den Makreelen kommen im Mai die Alsen (Culpea alosa), welche man am Niederrhein, nach der Zeit ihres Erscheinens, Maifische nennt. Ihr Fang ist oft sehr ergiebig, oft unglaublich die Menge der Fische, die sich den Fluss hinaufdrängen. Ein Fischerei-Pächter in Mondorf machte in einem Jahre allein durch den Alsenfang 2100 Thlr. Gefangen werden diese Fische mit Streichnetzen, die Hechte jedoch auch mit Speeren und Schlingen.
Am einträglichsten war früher der Salmen- oder Lachsfang. Der Lachs (Salmo solar) geht Ende Juli und Anfang August aus dem Meere rheinaufwärts und sucht die Nebenflüsse, um zu laichen.
Bei hohem Wasserstande steigen viele Lachse die Sieg hinauf, deren Fang die Fischer besonders beschäftigt, da derselbe am lohnendsten. Die Fische schnellen beim Steigen über kleine Hindernisse, indem sie den Schwanz bis zum Maule krümmen, und dann mit Kraft ihre horizontale Stellung einzunehmen suchen, sich eine springende Bewegung geben. Hat man doch den lateinischen Namen: Salmo von dem Zeitwort: salire, springen, herleiten wollen, so dass salmo nichts Anderes als der Springer bedeutet.
Man hat bei Siegburg und am Einfluss der Agger, wo die Sieg nicht mehr schiffbar ist, grosse Deiche in den Fluss gebaut, so dass das Wasser 5 oder 6 Fuss tief fällt, und die Fische natürlich nicht über diese Wehre hinweg kommen können. Auch den Übergang versuchen sie, werden aber vor den Deichen durch Hebegarne, „Blitze” genannt, in Menge gefangen, da sie sich hier zusammendrängen.
Viele werden aber auch die Beute der Schleif- oder Streichnetze der Fischer.
Eine grosse Unterhaltung gewährt das Speerfischen, auf welches sich besonders die Fischereifrevler verlegen. Zur Laichzeit graben sich die Lachse in den Furten und an seichten Stellen des Flusses Vertiefungen, um in denselben ihre Laiche abzulegen. Seinem Naturtriebe folgend, ahnt der Fisch, gleichsam taub und blind, den auf ihn lauernden Jäger nicht, dessen Faust mit der grössten Sicherheit die an einer langen Stange befestigte dreizinkige Harpune schleudert und fast nie seine Beute verfehlt. Auch die Stille der Nacht wird zum Speerfischen benutzt. Grosse Strohfackeln erleuchten die Ufer des Flusses, dessen Furten mit Steinen verlegt sind, über welche der steigende Lachs schnellen will, um in demselben Augenblicke das Opfer des Speerfischers zu werden. Es kommen im Siegflusse bis zu 30 Pfund schwere Lachse vor. In der letzten Zeit hat der Lachsfang in der Sieg und in den anderen Nebenflüssen des Rheins jedoch bedeutend abgenommen, weil in Holland am Ausfluss der Rheinarme zu Viele weggefangen werden, wenn sie das Meer verlassen um flussaufwärts zu steigen.
Als Salmling, Säbling oder Schwarzreiterlein steuert später der junge Lachs, ein Leckerbissen für Feinschmecker, siegabwärts, um mit dem Rheine, seinem eigentlichen natürlichen Aufenthaltsorte, dem Meere zuzuschwimmen, und, ausgewachsen, entgeht er den tausenden ihm in seinem Elemente drohenden Gefahren, wer weiss, auch einmal die Sommer-Rheinfahrt zu wagen.
Für den Freund des Fischfangs sattsame Gelegenheit, seine Lust zu büssen. Wir werden aber auf unserer Siegfahrt noch oft der Unterhaltungen gedenken müssen, welche die Sieg und ihre Nebenbäche namentlich dem Angler in so reichem Masse bieten.
Die Kirche zu Schwarz-Rheindorf
Ehe wir dem Flusse entgegenziehen, wird ein Besuch der etwa eine kleine 1/2 Stunde, südlich, am Rheine gelegenen Kirche von Schwarz-Rheindorf den Kunstfreund mehr als reichlichst für den kleinen Abstecher entschädigen.
Diese romanische Doppelkirche, in der Form eines griechischen Kreuzes von 1149 bis 1151 erbaut, aber durch den Erzbischof Kölns Arnold II. von Wied (1151—1159) schon 1157 erweitert, ist in ihren Details eine der bauzierlichsten Kirchen, die der Niederrhein aus dieser Periode aufzuweisen hat. Dieselbe gehörte zu dem, vom Grafen Mengingoz und seiner Gemahlin Gerburga im Gebiete des Pfalzgrafen Hermann vom Auelgau erbauten Frauenkloster zu Vilich, dessen besonderer Gönner König Otto II., seine Mutter Adelheidis und seine Gemahlin Theophana. Papst Gregor V. nahm im Jahre 996 das Kloster unter seinen unmittelbaren Schutz und stellte dasselbe unter die Regel des hlg. Benedict, wie er ihm auch das Recht verlieh, sich selbst seine Abtissin zu wählen. Im Jahre 1156 nahm Kaiser Friedrich I, der Rothbart, Kirche, Kloster und seine Besitzungen unter seinen Schutz.
Bis zum Jahre 1290 waren die Grafen von Jülich Schirmvögte des Klosters. In diesem Jahre kam die Vogtei vom Grafen Walram von Jülich an den Erzbischof Siegfried von Köln.
Die zierliche Kirche war ursprünglich mit Absiden an den gleichlangen Kreuzarmen geschlossen, über deren Vierung sich ein viereckiger Thurm erhebt, der mit Ecksäulen, Bogenfries, Lisenen, Blenden und Doppelfenstern malerisch belebt ist. Durch Erzbischof Arnold II. wurde die westliche Abside um ein aus zwei Kreuzgewölben bestehendes Schiff verlängert. Gar zierlich ist die um den Bau geführte Zwerggallerie, deren Säulchen, theils einfach, theils gekuppelt oder an die Pfeiler gelehnt, sich durch die niedlichsten Laubkapitäler auszeichnen und an den Basen mitunter, statt der Eckblätter, Füsse und Löwen haben. Ein durch Lisenen verbundenes Rundbogenfries erhebt sich über dem Dache der Gallerie. Die östliche Absis beleben Wandsäulchen und Rundbogenblenden.
Durch ein Gewölbe ist das Innere der Kirche in zwei Theile oder Geschosse getheilt, deren unteres für das Volk bestimmt, während das obere, durch eine achteckige Öffnung im Gewölbe mit der untern Kirche verbunden, den Nonnenchor bildete, zu dem eine Treppe in der Mauerstärke der westlichen Apside führt. Die Kreuzarme endigen in Nischen, doch ist nur die östliche auch aussen sichtbar, die andern sind aussen flach. Im Innern waren die Absiden mit Wandmalereien geschmückt: Bildnisse der vier Evangelisten und Otto III., und in der westlichen Kuppel der Heiland, die Krämer aus dem Tempel treibend. Wenn auch sehr verwittert, zeichnen sich diese auf trockenem Kalk und blauem Grund gemalte Bilder durch Freiheit und Schwung der Umrisse aus; man fühlt, dass der Maler Meister der Linien, unter dem Einfluss eines naturalistischen Strebens arbeitete. Von hoher Bedeutung sind diese Wandgemälde, gleich aus dem Anfang der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts in der niederrheinischen Kunstgeschichte. Ich bin der Ansicht, dass Erzbischof Arnold von Wied, der Vergrösserer der Kirche, von seiner Fahrt nach Italien die Maler an den Rhein brachte zur Auschmückung der Kirche, die er sich zu seiner letzten Ruhestätte erkoren, und wo er auch begraben liegt. Die jetzt verwahrloste Kirche soll völlig wiederhergestellt werden.
Kehren wir zur Sieg zurück. Welches Ufer wir auch zu unserer Wanderung wählen, allenthalben umgiebt uns der blühendste Ackerbau, und hoch überragt die Abtei Siegburg, das nächste Ziel unserer Fahrt, die ganze Gegend.
Maibeiern
Von Ostern bis Pfingsten erklingen jeden Abend aus den freundlichen, im Segen ihrer Obstgärten und Feldmarken gelegenen Dörfern, nach uraltem Herkommen, die Glocken. Einen eigenthümlichen Eindruck macht dies Abendläuten, dies Festgebeier in der Feierstille, welche über der ganzen Umgebung ruht, die Seele friedlich wehmüthig stimmend. Nur zuweilen wird die Ruhe vom Trillern einer Lerche, die verspätet ihr Nest sucht, unterbrochen, oder von dem Geplätscher eines Kahnes, der dem Rheine zusteuert oder den Fluss aufwärts gezogen wird, aber die in den Ufergebüschen schlagende Nachtigall nicht stört.
Mai-Lehen
Noch mancher alte Brauch hat sich in den Dorfgemeinden erhalten, wenn auch der Strom der Zeit immer mehr das eigenthümliche Gepräge des Volkskarakters verwischt. Unter den alten Bräuchen seien nur die „Mai-Lehen” genannt. Früher unter dem Maibaume auf dem Dorfplatze, jetzt in der Dorfschenke versammeln sich die jungen Burschen einer jeden Dorfschaft, die „Reijungen”, um die Mai-Lehen anzusteigern. Die einzelnen Mädchen des Dorfes werden nach einander von dem Ältesten, dem Rei-Könige, mit Namen aufgerufen, und jeder Bursche hat das Recht, auf dieselben zu bieten. Dem Meistbietenden wird die Schöne zugeschlagen, und sie ist für das ganze Jahr seine Tänzerin, wenn sie den Burschen, der sie angesteigert hat, als Tänzer annimmt. Schlägt sie denselben aus, wird sie von Neuem versteigert. Selbstredend, dass Stolz und Eifersucht es bei diesen Gelegenheiten mitunter zu Thätlichkeiten kommen lassen.
Maibaum
In der Mainacht werden die Häuser der Schönen mit grünen Maien geschmückt, und um so stolzer fühlt sich die Dirne, je höher die Maien, oft selbst bis auf die First des Daches aufgesteckt sind.
Vor den Wohnungen der Mädchen, die in üblem Rufe stehen, oder gar ihr Kränzlein eingebüsst haben wird Häcksel gestreut, oder dürre Reiser, selbst mit kleinen Puppen verziert, aufgesteckt. Jetzt sucht die Polizei diesem Unfug nach Kräften zu steuern.
Der Mai bringt den „Rei”, den Tanz. Vor dem Hause, wo der Tanz Statt findet, ist der Maibaum aufgepflanzt, von den Dorfschönen mit Bändern, bunten Papier- und Goldfähnchen und einer Krone geschmückt. Sonntag Nachmittag nach dem Gottesdienste beginnt der Tanz. Die Mädchen schmückten sonst die Hüte ihrer Reijungen mit bunten Bändern und Blumensträussen. Das bei dem Versteigern der Schönen aufgebrachte Geld bestreitet die Kosten des Tanzes. Besucht ein Fremder den Rei, wird er unter gewissen Förmlichkeiten mit vorgehaltenem Teller um eine Beisteuer angegangen, und hat, sobald er seinen Beitrag entrichtet, freien Tanz, darf aber in seinen Courtoisien nicht zu weit gehen, denn die Eifersucht auf dem Lande wird leicht handgreiflich.
Die Osterfeuer, Johannisfeuer und Martinsfeuer sind am Verglimmen, selbst die uralten Weisen, wie sie bei diesen Feierlichkeiten gesungen zu werden pflegten, verklingen, aber zum Pfingstfest lässt sich mancher Landmann den alten Häuserschmuck mit Laub und Blumenkronen und buntgeschmückten Eierschalen-Girlanden nicht nehmen.
Thierjagen
Auch üben die Burschen noch zuweilen in den Gemeinden die altherkömmliche Volksjustiz des „Thierjagens” wider Ehemänner, die nicht allzu zärtlich gegen ihre Ehehälften. Mit allen nur denkbaren lärmmachenden Instrumenten ziehen die Burschen in der Nacht vor die Wohnung des zu Züchtigenden. Je toller das Peitschengeknalle, das Kettengerassel, das Schallen der Pfannen und Kessel, je ungestümer das Heulen und Toben und Brüllen, als wenn das wilde Heer im Anzuge, um so grösser ist das Vergnügen, von dem aber die Ortspolizei nichts wissen will. In diesem auch bald vergessenen Brauche des Thierjagens haben Manche unserer Alterthümler eine Bezüglichkeit auf den altnordischen, altdeutschen Kriegsgott Tyr finden wollen. Jeder hat sein Steckenpferd. Man kann aber auch in solchen Schlüssen zu weit gehen, wenn sich auch nicht leugnen lässt, dass manche unserer alten Volksgebräuche, die in den Städten und auf dem Lande immer mehr veraufklärt werden, an altgermanische religiöse Feierlichkeiten erinnern, altgermanischen Aberglauben zum Grunde haben.
[Vergl. über das Thierjagen: Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen von Karl Simrock, S. 552. — In Köln und Umgegend hört man noch den sprüchwörtlichen Ausdruck: „Hae haet et kod Déér om Liv!]
Spinnstuben-Abende
In den Feldmarken, die wir durchwandern, erfreut im Sommer das liebliche Blau der grösseren und kleineren Flachsfelder das Auge. An der unteren Sieg, aber besonders im oberen Siegthale, baut der Landmann selbst den Flachs zu seinem häuslichen Bedarf. Welche Unterhaltung gewährt die Flachsbereitung! Welche Freuden bietet das gemeinschaftliche Brechen des Flachses, wenn die von den Frauen und Mädchen gehandhabten Flachsbrechen im Takte die alten Volkslieder begleiten, die leider auch dem modernen Singsang immer mehr weichen müssen. Welche Quelle der gesellschaftlichen Lust bei Scherz und Lied findet das junge Volk an den Schwingabenden! In dem reichen Schatze der Volkslieder, welche in einzelnen Versen oder Strophen noch hier und da im Siegthale nachklingen, meist epischer Gattung, hat sich eines erhalten mit schöner Weise:
Nichts mehr thut mich erfreuen,
Ja, ja erfreuen,
Als wenn der Sommer ankömmt,
Dann blühen die Rosen im Garten,
Ja, ja im Garten,
Husaren marschiren in’s Feld.
In den Spinnstuben verkürzt sich das junge Volk die langen Winterabende. Frauen und Mädchen finden sich mit ihren Spinnrädern in dem zur Vereinigung bestimmten Locale ein, zu dem auch die Burschen Zutritt haben. Munter schnurren die Räder, es kichern die Spinnerinnen über die Spässe der, Taback rauchend, umherlungernden Galane, doch laut schallt Gelächter, hat Einer der Burschen einen derben Witz zum Besten gegeben. Nicht selten überläuft im zweifelhaften Lichte der Öllampen eine Gänsehaut die Schönen, überfährt sie ein Grieseln, hat der Rhapsode des Dorfes eine recht schauerliche Gespenstergeschichte oder sonst etwas recht Ungeheuerliches erzählt, je haarsträubender, um so schöner.
Und welche Lust, zieht die Gesellschaft heim, die Burschen mit den Spinnrädern beladen, und schnalzen die Küsse durch die Stille der Nacht, heischen die Burschen beim Abschiede ihren Trägerlohn.
Volksgebräuche
Abgeschafft ist das alte Herkommen, dass die gefallenen Mädchen einen eigenen Platz in der Kirche hatten, dass der Rasen, das Pflaster um den Maibaum aufgerissen wurden, auf welchem die Dirnen in dem Jahre, wo sie ihre Kränzlein verloren, getanzt hatten.
Beim Freien ist das „Fenstern”, niederrheinisch „op Schnut gon”, noch gebräuchlich, kam und kommt es noch oft unter den Burschen zu Thätigkeiten, wobei die Schnuthölzer eine grosse Rolle spielen.
Oft muss die Braut erkämpft werden. Früher glaubte man auch kein Kirchweihfest gefeiert zu haben, hatte keine derbe Holzerei Statt gefunden.
Im oberen Siegthale ist das Freien, wie wir noch hören werden, ein eigenes Geschäft. Der zu werdende Ehemann muss aber vor Allem einen Brandeimer der Gemeinde stellen. Sonst wurde er nicht getraut, wenn dies nicht geschehen war.
Kommt eine Frau nieder, besorgen die Frauen der Nachbarschaft in den ersten Tagen die Wöchnerin und den neu angekommenen Weltbürger. Die Taufe bringt einen guten Kaffe und frischen Weck, und wird in den katholischen Gemeinden an der untern Sieg, wo die grosse Mehrzahl der Bauern katholisch eine Kindbetterin in der Kirche ausgesegnet, fehlt zu Hause für die Nachbarinnen; das „Kümpchen” nicht, eine Terrine mit Branntwein, in die Lebkuchen gebrockt, welche in der Gesellschaft die Runde macht und deren Inhalt mit Löffeln genossen wird.
Beim Tode eines Kindes kommen Abends die Burschen und Mädchen, auch wohl kleinere Kinder, in dem Hause zur Todtenwache zusammen. Mit Scherzen und Gesellschaftsspielen vertreibt man sich die Zeit, und ehe man aufbricht, muss das Kümpchen die Runde machen. Solche Todtenwachen sind für die jüngeren Leute wahre Festabende. Ernster sind die Todtenwachen bei Erwachsenen. Es ist die letzte Ehre, welche die Nachbarschaft nebst dem Geleit zum Kirchhof, dessen Kreuze stets mit bunten Papierblumen, Flittergold und in der Jahreszeit auch mit frischen Blumen geschmückt sind, dem Heimgegangenen erweisen kann. Die uralten „Reuessen” nach den Begräbnissen werden in den begüterten Familien auch noch gehalten, bei denen es eben nicht sonderlich traurig zugeht. Bei geringeren Leuten vertritt ein Kaffe das Reuessen.
Ein Festtag war sonst an der unteren Sieg der Abend des Drei-Königen-Tages, an welchem in den wohlhabenderen Familien nie der Reisbrei mit Zucker und Zimmet fehlte. Konnte man an dem Abende durch den offenen Schornstein drei Sterne sehen, rechnete man auf ein gutes Weinjahr. In früheren Zeiten wurde ebenfalls in diesem Striche der Sieg viel Wein gebaut.
Martinsfeuer
Acht Tage vor Martinstag zieht die Jugend in den Gemeinden umher, um unter Absingung der alten Martinsliedeı Holz, Reisig und Stroh zu dem Martinsfeuer zu sammeln. Selbst das Dürrholz wird aus den Waldungen, den Haubergen zusammengeschleppt. Je höher der Holzstoss an dem Martins-Abend lodert, um so stolzer und grösser ist die Freude der Jugend, welche, ihre Lieder singend und die Strohfackeln schwingend, den Reihen um das Martinsfeuer tanzt, und sich etwas zu gut darauf thut, wenn ihr Martinsfeuer die Feuer, welche rings in den Thalgründen und auf den Höhen flammen, überstrahlt. Die herkömmliche Zugabe, welche das Fest beschloss, war der Reisbrei.
Bittwoche
Am Markus-Tage zieht in den katholischen Gemeinden eine Prozession durch die Feldfluren. Die Woche vor Pfingsten ist die Bittwoche, jeden Tag wird in der Frühe ein feierlicher Umgang durch die Felder gehalten, alle Wegkreuze sind mit Grün und Blumen geschmückt. Der Landmann erfleht des Himmels Segen für die bevorstehende Ernte. Auch die Prozession des Kirchweihfestes zieht unter Glockengebeier um die ganze Gemarkung des Dorfes.
Ob wir nun dem linken, oder rechten Ufer der Sieg folgen, rings umgrünen uns die ergiebigsten Fruchtfelder, blicken die Dörfer freundlich aus den Obstgärten (Bungerten), in denen auch die einzelnen Gehöfte versteckt sind.
Am Flusse selbst lässt der Kibitz (Vancllus cristatus) seinen Ruf ertönen, in den Sümpfen stelzt kollernd die Rohrdommel (Ardea cinerea), und scheu flattern die Seeschwalben (Sterna hirundo) und der grüne, blau und roth schimmernde Eisvogel (Alcedo hispida) umher, welche in den Höhlungen der Ufer der untern Sieg und der Agger ihre Nester bauen.
Spielbaehn
Auf dem rechten Siegufer, etwas vom Flusse entfernt, liegt Eschmar, die Geburtsstätte des im Lande vielberühmten Propheten, des Spielbaehn, eines fahrenden Musikanten, der mit seinen Weissagungen und seiner Fidel im Lande umherzog und noch seine Gläubigen hat. Er fand sein Ende in einer Strassenpfütze, in die er wahrscheinlich in illuminirtem Zustande gefallen war.
Glockengiesser Claren
Dann das freundliche Sieglar, das alte Lara, wo die Gebrüder Claren, recht geschickte Glockengiesser, ihre Giessstätte haben, deren Besuch der Mühe lohnt, da die wackern Meister stets beschäftigt sind. Bei Sieglar in dem Winkel, den die hier in die Sieg mündende Agger bildet, erhebt die Friedrich-Wilhelms-Hütte, eine bedeutende Eisenschmelz- und Eisengiesserei ihre, Tag und Nacht qualmenden Schornsteine.
Siegburg
Die einladendsten Spaziergänge führen uns von hier nach dem, im Schutze seiner Abtei sich lagernden gastlichen Städtchen Siegburg.