Siegburg und seine Umgebung
Geschichte Siegburg’s. – Anno, der Heilige. – Legende. – Die Abtei. – Anno-Lied. – Schicksale der Stadt. – Hexenwesen in Siegburg und in Bonn. – Schicksale der Abtei. – Die Stadtkirche des h. Servatius. – Der Reliquien-Schatz. – Die Provinzial-Irren-Heilanstalt. – Ihre Einrichtung. – Garten-Anlagen. – Aussicht vom Kirchthurme – Die Wolsberge. – Geognostisches. – Botanisches.
Dem linken Siegufer entlang über die Dörfer Menden, die alte Villa Menedon und Siegburg-Mühlendorf, das alte Muhlindorf kommen wir zu der neuerbauten steinernen Siegbrücke, die nach der jetzigen Kreisstadt Siegburg führt. Vor uns erheben sich auf mässiger, jedoch ziemlich steiler Höhe die weitläufigen Abtei-Gebäulichkeiten, unter deren Schutz sich nach und nach das jetzt freundlich einladende Städtchen Siegburg, in den ältesten Urkunden, die von dem Orte reden, Villa Sigebergensis genannt, angebaut hat. So freundlich das Städtchen, so einladend sind für den Wanderer dessen Umgebungen, welche den Aufenthalt reichlichst lohnen, da zudem der Gasthof zum „Stern” in jeder Beziehung empfehlenswerth, und man sich unter den leutseligen Bewohnern Siegburg’s bald heimisch fühlt.
Geschichte Siegburg’s
Auf der 400 Fuss über der Nordsee sich erhebenden Basaltkuppe, der letzten vulkanischen Hebung und Bildung auf dem rechten Rheinufer, ein Basalt-Conglomerat, welches jetzt die Abtei mit ihrer Kirche trägt, drohte im eilften Jahrhunderte eine Herrenveste, der Sitz Heinrich’s I., des Pfalzgrafen bei Rhein (1047-1064), der Wüthende, Furiosus, zubenannt. Wahrscheinlich war die Veste schon im zehnten Jahrhundert erbaut, denn urkundlich können wir um 996 einen Pfalzgrafen Herimannus nachweisen, unter welchem der Auelgau stand.
Pfalzgraf Heinrich I. war dem thatgewaltigen Erzbischofe Anno II. von Köln (1056—1076) ein störender Nachbar, denn er trieb von seiner Veste auf dem Siegberge Wegelagerei, machte Fluss und Strasse unsicher. Er überschritt auch seine Gewalt als Schirmvogt der Güter, welche die Kinder der Stifter der Benediktiner-Abtei Brauweiler, Pfalzgraf Erenfrid und seine Gemahlin Mathilde, Heriman, Erzbischof von Cöln, Richeza, Königin von Polen, Wittwe Miczislaws II., Theophanie, Äbtissin von Essen dem Kloster 1051 abgetreten hatten.
Erzbischof Anno II. nahm, mit welchem Rechte wissen wir nicht, diese Liegenschaften in Besitz, sie der Stiftskirche Maria zu den Staffeln in Köln überweisend, in welcher Kirche Richeza 1057 ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte. Es kam zur Fehde. Pfalzgraf Heinrich, mit dem Banne belegt, wurde besiegt, gefänglich nach Köln gebracht, und trat hier seine Veste Siegeberg an Erzbischof Anno II. ab.
Dieser unterdrückte die späteren Versuche des Pfalzgrafen, wieder in Besitz seiner Güter zu gelangen, mit Waffengewalt, nachdem Heinrich I. selbst den Erzbischof vergeblich in Köln belagert hatte. Dies Misslingen seiner Anschläge verwirrte des Pfalzgrafen Verstand. Auf seiner Burg zu Cochem an der Mosel erschlug Pfalzgraf Heinrich in einem Wuthanfalle seine Gemahlin Mathilde oder Adelaide, Tochter Gothilons I., Herzogs von Niederlothringen, mit der Streitaxt. Seine Mannen, vor denen er sich seiner That rühmte, ihnen den bluttriefenden Kopf zeigend, bemächtigten sich des Wüthenden, und Erzbischof Eberhard von Trier (1047—1066) liess ihn nach dem Kloster Echternach bringen, wo er im Wahnsinn starb.
Anno, der Heilige
Anno verwandelte die Burg auf dem Siegberge in ein Kloster. Er selbst zog nach Italien, um aus dem Benedietiner-Kloster Fructuaria bei Turin, das als ein Musterkloster berühmt war, Bewohner für seine neue Stiftung, die urkundlich 1064 Statt fand, zu holen. Im Frühjahre 1065 kehrte er mit zwölf Mönchen über die Alpen heim. Hatte er das Kloster reich begabt, so wusste er auch Kaiser Heinrich IV. für dasselbe zu gewinnen, so dass der Kaiser, ausser namhaften Schenkungen, im Jahre 1069 die Abtei sammt ihrem Markt-, Zoll- und Münzrechte unter seinen Schutz nahm, und bestimmte, dass dieselbe auf ewige Zeiten einem Erzbischofe von Köln untergeben sein sollte. Im Jahre 1071 verlieh der Kaiser der Abtei die Strafgerichtsbarkeit auf den abteilichen Villen im Umkreise und die Fischerei in den stehenden und fliessenden Gewässern; die wilde Fischerei in den Wassern, die zum Wildbann gehörten.
Die letzten Jahre seines vielbewegten Lebens brachte Anno I. häufig im Kloster auf dem Siegberge zu, streng nach den Regeln des Ordens lebend. Noch vor seinem Ende hatte er einen harten Span mit der Stadt Köln zu bestehen, die sich gegen ihn, den strengen Herrn empört, ihn zur Flucht gezwungen hatte.
Ein Mann der That, unterwarf Anno die Stadt mit der grössten Strenge wieder seiner Botmässigkeit.
Nach Siegburg beschied er die Schöffen Köln’s, die am Rechte gefrevelt, und liess den ihres Vergehens überführten, wie jedoch nur eine Quelle berichtet, die Augen ausstechen, einem derselben aber ein Auge, damit er die Andern nach Hause geleiten könne.
[Das Mährchen, als habe Anno an den Häusern der Geblendeten in Köln steinerne Köpfe als Zeichen ihrer Strafe, die sogenannten ‚Greinköpfe’ anbringen lassen, widerlegt sich durch sich selbst. Am Anfange dieses Jahrhunderts sahen wir noch an sehr vielen Häusern über der Thür solche steinerne Köpfe, deren Bestimmung die Aufnahme der Schrottbäume war, um Fässer in die Keller zu schroten. Es gab fast keine Strasse, in welcher nicht solche Köpfe vorkamen, und wie gross hätte demnach die Zahl der geblendeten Schöffen sein müssen, wären die Köpfe eine Erinnerung an das grausame Verfahren des Erzbischofs gewesen?
Würden die Bürger der Stadt nicht nach Anno’s Tod diese Schandzeichen vernichtet haben?]
Angenommen, Anno’s grausames Verfahren sei historisch erwiesen, so dürfen wir dasselbe nicht nach den Ansichten unserer Zeit beurtheilen. Die Thaten der grossen Männer der Geschichte dürfen und können nur richtig nach der Anschauungsweise ihrer Zeit beurtheilt werden. Anno’s Jahrhundert war ein wildes, rohes, in welchem feinere Gesittung selbst in den höhern Kreisen der Gesellschaft durchaus keine feste Wurzel gefasst hatte. Nach diesem Massstabe sind die oft blutigen Gewaltthaten der Zeit Anno’s zu beurtheilen, wenn auch natürlich nicht zu rechtfertigen.
Anno selbst war ein Mann der That. Dies erprobt sein Auftreten gegen Papst und Kaiser. Er war von Natur heftig, von eiserner Willenskraft, und daher herrschsüchtig; wo es galt, der Gewalt kühne Gewalt entgegensetzend, so dass ihm sein Wille nicht selten Gesetz in einer Zeit, die gesetzlos für die Machthaber der Erde war. Manche seiner Thaten werden uns klar, wenn wir erwägen, dass er in seiner Jugend mit Ruhm das Waffenwerk gepflegt, ehe er durch seinen Oheim von mütterlicher Seite, Canonicus in Bamberg, bestimmt worden, sich dem geistlichen Stande zu widmen, und so Propst in Goslar geworden. Des deutschen Reiches Ansehen zu heben und zu festigen war seines Lebens Aufgabe, seit er Kanzler Heinrich’s III., seit er, als Erzbischof von Köln, Reichsverweser während der Minderjährigkeit Heinrich’s IV., dessen Erziehung er mit Strenge geleitet, und dem er ein treuer, umsichtiger Rathgeber bis zum Jahre 1073, wo er, sein Alter vorschützend, das Amt als Reichsverwalter niederlegte.
Anno war ein gar strenger rücksichtsloser Aufrechthalter der Zucht des Clerus und der Klöster, denen er, was tugendhaften Wandel und Sittenreinheit betrifft, ein Muster voranging. Er war dabei ein milder Vater der Armen und Bedrängten, ein freispendender Schützer der Künste und Wissenschaften. Hiervon geben Kunde seine milden Stiftungen und seine Kirchenbauten in Köln.
Als Anno sein Ende nahe fühlte, sühnte er sich aus mit der Stadt Köln, liess denen, die von ihm schwer gebüsst waren, die Bussgelder und eingezogenen Güter zurückerstatten, und starb nach einer langwierigen schmerzhaften Krankheit, am kalten Brande den 4. Dez. 1078 in seinem Palaste zu Köln.
Seine Leiche wurde, wie er bei Lebzeiten bestimmt hatte, nach Siegburg gebracht und hier in der Abteikirche beigesetzt. Kanonisirt wurde er im Jahre 1183 durch Papst Lucius III. (1181—1185.)
[Man fand bei der feierlichen Erhebung seiner Überreste im Sarge einen Bischofsring mit der Umschrift: Henricus Imperator Annoni Archiepiscopo; dann zwei bleierne Grabtafeln, von denen die eine die Inschrift trug: Hic requiescit Dominus Anno secundus, Coloniensis ecclesiao tricesimus tertius Archiepiscopus, huius coenobii fundator devotissimus. Obiit vero pridii non. Dec.; die Inschrift der zweiten lautet. Anno ab incarnatione Domini millesimo septuagesimo quinto, ind. tertia decima anno episc opatus sui vicesimo primo. In hoc autem sepulchro positus est tertio idus Dec. regnante rege quarto Henrico.]
Von ihrer Gründung bis zu ihrer Aufhebung, also während mehr als 700 Jahren, standen der reichen Abtei sechsundvierzig Äbte vor, von denen die achtzehn Ersten bürgerlichen Standes, die übrigen aber alle adlicher Herkunft waren.
Legende
Der erste Abt, ein Freund des Stifters, hiess Erpho und war während seiner Lebzeit seines gottgefälligen Wandels wegen schon allgemein verehrt. Von ihm berichtet die Legende, was sie auch von dem Mönche aus dem Kloster Heisterbach erzählt:
Eines Tages hatte Abt Erpho, dessen höchste Seelenwonne geistliche Betrachtungen, über den Vers des 89. Psalms: „Tausend Jahre sind vor Göttes Augen wie ein Tag, der gestern vorbeigegangen” lange nachgegrübelt und konnte sich, trotz aller Anstrengung, der Zweifel nicht entschlagen, welche bei ihm über den Gedanken rege wurden.
In seinem Zweifel befangen, und grübelnd dem Worte der Schrift nachhängend, erging sich Erpho im Klostergarten und verlor sich zuletzt in dem an den Klosterberg stossenden Walde.
Plötzlich störte ihn der liebliche Gesang eines Vogels, wie ihn sein Ohr nie vernommen, aus seinem Sinnen und Grübeln. Er schaute auf, und sah einen wunderprächtigen, in allen Farben des Regenbogens schillernden Vogel, der vor ihm von Zweig zu Zweig hüpfte, und dessen wundersames Lied, dem der Wald, die Vögel und alles Getier voller Entzücken lauschten, seine Seele mit so unaussprechlichen Wonnen füllte, dass er, sich selbst unbewusst, dem schönen Vogel und seinem bezaubernden Gesange immer tiefer in den Wald folgte, bis zuletzt des Vogels Lied verstummt und derselbe seinen Blicken entschwunden war.
Eine Viertelstunde vermeinte Erpho dem Vogel gefolgt zu sein, und wandte sich zur Rückkehr, sich selber zürnend, dass er sich also vom Sinnenreize hatte hinreissen lassen. Die Vesperglocke rief vom Thurm der Abtei, welche im Glanze der Abendsonne zu ihm herüberstrahlte. Wie gross, wie gewaltig war aber sein Staunen, als er die Abtei-Gebäude, Stadt und Umgebung völlig verändert, umgestaltet fand, ja selbst die ihm begegnenden Menschen, was Wesen und Tracht anging und ihre Sprache, eine ganz neue Welt ihn umgab.
Er glaubte in einem Traum befangen, und sein Staunen erreichte das höchste Mass, als ihn selbst der Pförtner nicht mehr als Abt erkennen wollte, wie denn auch der Abt nicht, vor den er gebracht wurde. Alles war ihm neu, keinen der Brüder erkannte er, und nicht minder gross war die Verwunderung, das Staunen des gesammten Conventes, als der altehrwürdige Greis sich Abt Erpho nannte. Aus den Annalen des Klosters wusste man, dass der erste Abt des Klosters Erpho vor 300 Jahren spurlos verschwunden sei. Des Greisen Rede, der von seinem Grübein über die Verse des Psalms und wie es ihm im Walde ergangen, berichtete, war so überzeugend, dass alle das Wunder des Herrn priesen, welches er an dem Wiedergefundenen bewährt hatte. Um Gott zu danken, geleiteten sie den auf so wunderbare Weise wiedergefundenen Abt in feierlichem Zuge nach der Kirche.
Aus den Händen des Abtes empfing Erpho das Abendmahl und Gott lobpreisend gab er, wie ein Heiliger verklärt, den Geist auf.
So berichtet der Chronist des Klosters, Propst von Zöllner, und setzt das Wiedererscheinen des Abtes Erpho in das Jahr 1367 am Tage nach Christi Himmelfahrt, an welcher dieser im Jahre 1067 auf unerklärliche Weise verschwunden war.
Die Abtei
Das Kloster auf dem Siegberge, dem Erzengel Michael geweiht, erfreute sich in den ersten Jahrhunderten nach seiner Gründung des Schutzes und der Freigebigkeit der Päpste, der Kaiser, der Erzbischöfe von Köln, der Edlen des Auelgaues und des bergischen Landes. Kaiser Heinrich IV. stiftete 1105 mit bedeutender Schenkung ein Jahrgedächtniss in der Kirche desselben, und Heinrich V. schenkte 1122 der Abtei alles Metall und Gold, das auf dem Boden ihrer Besitzungen gefunden wurde. Diese Schenkung lässt auf Bergbau schliessen, der von der Abtei nach Kräften gefördert wurde und dem Lande neuen Reichthum erschloss. – In den Bergwerken bei Uckerath findet man alte Bauten, deren Anlage und Construction uns noch Kunde geben von einem sehr frühen Bergbaubetriebe.
Kaiser Friedrich I., der Rothbart, bestätigte 1174 der reichsunmittelbaren Abtei alle ihre Privilegien, das Markt-, Zoll- und Münzrecht und den Gerichtsbann, der von drei Vögten derselben geübt wurde. Für die in einem Umkreise von vier bis fünf Meilen wohnenden Untergebenen der Abtei waren drei Ding- oder Gerichtstage, die am Fusse des Siegebergs abgehalten wurden, festgesetzt.
Der Abt musste dem Vogte für jeden Gerichtstag zwei Malter Korn, eine Ohm Wein, zwei Ohm Bier, zwei Schweine im Werthe von zwei Solidis, ein Spanferkel sechs Denaren werth, zwei Gänse, vier Hühner, zwanzig Eier und sechs Malter Hafer geben.
In Güls eben so viel, ausser dem Biere, da dort kein Bier gebraut wurde, in Bendorf eben so viel, in Straelen ein Malter Korn, ein Schwein, ein Solidus an Werth, ein Spanferkel zu sechs Denaren, eine Gans, vier Hühner, zehn Eier, ein Litula Wein und ein halb Ohm Bier und in Ulma dasselbe.
Auf zwei Meilen im Umkreise des Berges durfte kein neuer Öffentlicher Markt abgehalten werden.
Wer in irgend einer Weise den. Bestimmungen des Kaisers in Bezug auf die Gerechtsame der Abtei zuwiderhandelte, wurde mit 30 Pfund reinen Goldes gebüsst, deren eine Hälfte der kaiserlichen Kammer zufiel, während das Kloster die andere bezog.
[Vergl. Lacomblet Urkundenbuch B. I. Nro, 450.]
Unter dem Schutze der Herrenburg der Pfalzgrafen bei Rhein hatten sich die Dienstmannen und Hörigen derselben am Fusse des Siegberges bereits angesiedelt. Nach der Umgestaltung der Herrenburg in eine Abtei, den Schutz des Friedens gewährend, hatten diese Ansiedelungen bedeutend zugenommen, denn Erzbischof Friedrich I. von Schwarzenburg (1099—1131), welcher nach seinem Tode auf der von ihm erbauten Veste Wolkenburg, in der Abteikirche zu Siegburg seine letzte Ruhestätte fand, verleiht im Jahre 1125 allen Kaufleuten Siegburgs völlige Zollfreiheit in Köln. Heisst es in der Urkunde auch noch „negotiatores in villa Sigebergensi que sita estin pede montisejusdem coenobii”, so scheint der Ort doch bereits Stadtrecht — jus burgense — gehabt zu haben, denn in der Urkunde, mit der Erzbischof Philipp von Heinsberg (1163—1193) im Jahre 1182 den Streit der Abtei Siegburg und der Grafen Heinrich und Eberhard von Sayn wegen der von diesen auf abteilichem Boden erbauten Veste Blankenberg schlichtete, alle Privilegien und Gerechtsame der Abtei und auch das Stadtrecht Siegburgs bestätigte, heisst es ausdrücklich, dass Siegburg dies Recht „Oppidum Siegebergense” schon zur Zeit Anno’s, des Gründers der Abtei besessen habe.
[Vergl. Lacomblet Urkundenbuch B. I. Nro. 483. Die Stelle der Urkunde lautet: Item iudiciaria potestas et jus burgense quod oppidum Siogebergense eatenus dinoscitur habuisse secundum tenorem privilegiorum et secundam quod a tempore fundatoris sui beati Annonis predecessoris nostri ei constitit, manebunt ei in conuulse.]
Gewiss ist es, dass Anno’s Leiche, als dieselbe von Köln herübergebracht worden, zuerst in der Pfarrkirche aufbewahrt wurde, ehe man sie in der Abteikirche beisetzte.
Die Abtei zählte schon in der Mitte des 13. Jahrhunderts als ihr Eigenthum 70 Ortschaften und von ihr abhängig 6 Propsteien,
1. St. Apollinarisberg bei Remagen,
2. St. Cyriae in Overath,
3. Hirzenach,
4. Millen im Kreise Heinsberg,
5. Oberpleis und
6. Zülpich.
Es war die Zahl der Mönche für die Abtei auf 50 festgestellt, zu denen noch 40 für die auswärtigen Kirchen kamen, doch wurde diese vorgeschriebene Zahl nicht streng befolgt, denn am Anfange des 14. Jahrhunderts finden sich bei einer auf Befehl des Erzbischofs Heinrich II. 1317 veranstalteten Untersuchung, ohne den Abt und die Laienbrüder, 120 Conventualen im Kloster, die auf 90 herabgesetzt wurden, um die Schulden zu tilgen.
Es fand die Abtei besonderen Schutz bei den Päpsten. Schon Eugenius Ill. stellte sie 1151 unter seine unmittelbare Jurisdiktion und Gregor X. bestätigte 1273 alle ihre Privilegien. Dieselbe Gunst genoss sie bei den Kaisern bis auf Leopold I, der im Jahre 1671 ihr die Privilegien seiner Vorgänger bestätigte. Ehe Siegburg an Berg fiel, übte der Abt dort die höchste Gerichtsbarkeit, stand an den Höfen in Bonn und Düsseldorf im fürstlichen Range und bezog alle seine Bedürfnisse aus den allgemeinen Einkünften der Abtei, die auf 40 bis 50000 Reichsthaler angeschlagen wurden, hatte dabei aus gewissen Gefällen, Brüchten, Judengeleit u. s. w. noch ein jährliches Spielgeld von 2000 Reichsthalern.
Jährlich musste die Abtei am Vorabende St. Martini an den Propst, Dechant, Afterdechant, Chorbischof, Scholaster und Keppler des Erzstifts 42 Paar Mettenstiefel, „eoturnos nocturnales quales in claustro fieri solunt meliores” heisst es in einer Urkunde vom Jahre 1191, liefern. Die Überbringer erhielten für jedes Paar einen Groschen und eine Flasche Wein. Bis zum letzten Jahre 1753 bestand dieser Brauch für die dem Dom zunächst liegenden Benediktiner-Abteien, seitdem wurde für jedes Paar Stiefel ein Gulden entrichtet.
In dem Masse wie sich die Macht des Klosters hob, stieg auch das Ansehen der Stadt Siberg, wie sie in den ältesten Urkunden heisst. Mit dem Stadtrechte hatte dieselbe auch Mauern, Thore und Thürme erhalten, sich an die Nord-, Ost- und Südseite des Siegberges lehnend, auf welchem die nach Bedürfniss erweiterten Abteigebäude mit ihrer Kirche thronten. Von der Ringmauer eingeschlossen, lag am Ostende der Stadt die alte Burg, ein fester thurmgeschirmter Bau, über dessen Thor das bergische Wappen prangte. Als Schirmvögte Siegburgs waren die Grafen und später die Herzoge von Berg Eigenthümer der Burg, welche ihre Untervögte, die Zentgrafen, bewohnten, bis der Bau mit den Festungswerken zerstört wurde.
Schon im dreizehnten Jahrhunderte führte die Stadt ihr eigenes Siegel, welches eine gezinnte Ringmauer zeigt, die von sieben Thürmen geschützt, von denen fünf in einem Zinnenkranze unter dem Dache auslaufen, während sich am obern Rande eine förmliche Thorburg befindet. Die Ringmauer umgibt einen Berg, auf dem sich eine Kirche baut, deren östliche Abside von zwei Thürmen flankirt ist, wie auch der westliche Giebel. Über der Vierung erhebt sich ein fünfter Thurm. Alles im Rundbogenstil. Die Kirche umgiebt eine gezinnte Ringmauer mit drei Thürmen. Die schön geschnittene Umschrift lautet: Sigillum Civitatis Sibergensis.
Der Mauerbering der Abtei hing mit den eigentlichen Stadtmauern zusammen, bildete mit diesen ein Ganzes. Herr der Stadt war der reichsunmittelbare Abt, von dem die Wahl der Bürgermeister und Schöffen abhing und an den auch in letzter Instanz apellirt werden musste. Als Amt und Stadt Siegburg aber, nach so langjährigem Hader und Zwist um das Hoheitsrecht, im Jahre 1230 an die Grafen von Berg kam, hörte das Abhängigkeits- Verhältniss der Stadt zur Abtei theilweise auf. Noch 1355 wurde zwischen dem Abt Reinhard und der Stadt ein Vergleich gethätigt, durch welchen Jener der Stadt alle ihre Gerechtsamen und Privilegien bestätigt und verspricht, künftige Misshelligkeiten durch gütlichen Vergleich zu schlichten und sich gegenseitig zu unterstützen. Trotzdem fehlte es nie an Hader und Zank und langwierigen Prozessen zwischen der Abtei und der Stadt, oft um die geringfügigste Veranlassung, besonders wegen des Ungelds, der Acceise, die Beide beanspruchten.
In einer Schuldverschreibung des späteren Herzogs von Jülich Gerhard, Grafen von Berg und Ravensberg und seiner Gemahlin Margaretha, die ihm die Grafschaften Berg und Ravensberg in die Ehe gebracht hatte, an seinen Schwager, den Herrn von Schönforst vom 16. August 1358 wird auch Syberch unter den Städten der Grafschaft Berghe als Zeuge aufgeführt. Die Urkunde schliesst nämlich: „ind vortuns stede unser gravschaff van deym Berghe, dat is ze wissen unse scheffenen, burgermeister, raitind gemeinde unser stede van Syberch, Wippervurde, Lynnepe, Rathingen ind Dusseldorp datsiere segele an desen brieff willen duyn hanghen in gezuich der wairheit.”
Graf Wilhelm II. von Berg und Ravensberg, seit 1380 durch Kaiser Wenzel zum Herzoge von Berg erhoben, setzt im Jahre 1363 seiner Gemahlin Anna, Tochter des Pfalzgrafen Ruprecht des Jüngern, ein Witthum von 2400 Gulden auf das Schloss Bensberg und die Städte Siegburg und Remagen aus, was der Graf unter dem 20. September desselben Jahres urkundlich bestätigt: Die Urkunde besagt: „na inehalden der breyve dye darup gemaicht sint, an vier inde zwentzig hundert gulden geltz, der wir ir sesshundert bewyssthaen zo Remagen, ind hundert gulden geltz an unse burch ind ampt zo Syberg mit alle yrme zubehoire u. s. w.”
Handel und Verkehr der Stadt Siegberg, welche Papst Innocenz III. 1206, und König Richard im Jahre 1258 sammt der Abtei unter ihren besonderen Schutz genommen hatten, muss schon im 13. Jahrhundert nicht unbedeutend gewesen sein, besonders mit Köln, dessen Bürger 1234 das volle Schutzrecht vom Abt, den Schöffen und Bürgermeistern Siegburgs erhalten. Der innere Verkehr war am Ende des dreizehnten Jahrhunderts schon von Bedeutung; Unter den gewöhnlichen Zünften werden besonders die Gewandmacher, Weissgerber, Kürschner, Wollenweber, Kannenbäcker (Eueler, Oulner) aufgeführt.
Anno-Lied
Vielbesucht war die Stadt seit Erzbischof Anno heilig gesprochen, seine Grabstätte der Schauplatz mancher Wunder, und das Annolied, die Maere von Sente Annen:
„Wir hörten ie dicke singen von alten dingen
Wie snelle helide vuhten, wie sie veste burge brechen,
wie sich liebe winiscefte schieden, wie riche künige alzegiengen.
Nuist zitdaz wir denken wie wir selbe sullen enden.”
wahrscheinlich das Werk eines Mönchs der Abtei aus dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts, das Lob und den Ruhm, die Wunder des grossen Mannes durch die fahrenden Sänger auf allen Herrenburgen und Vesten des deutschen Vaterlandes verkündete.
Was poetische Tiefe und Auffassung angeht, schwunghafte Darstellung, ist das Annolied eines der grossartigsten Denkmäler deutscher Dichtkunst, Alles hoch überragend, was uns die seinem Erscheinen vorhergehende Periode geboten hat. Ein ausserordentlicher muss der Eindruck gewesen sein, den das Heldenlied hervorrief, als es zum ersten Male an den Höfen, auf den Herrenburgen und Vesten Deutschlands erklang. Wie der Dichter das Lob seines Helden sang mögen einige Stellen aus dem Liede selbst zeigen.
Von seiner Art, seinem Charakter heisst es:
„Wie die Sonne in den Lüften, die zwischen Erd und Himmel steht, beiden Hälften scheinet. Also ging vor Gott und den Menschen Bischof Anno: Offen war er in seinen Worten, für ‚die Wahrheit er Niemanden fürchtete, als ein Löwe sass er vor den Fürsten, als ein Lamm ging er unter den Dürftigen, den Bösen war er scharf, den Guten war er gnädig.”
Von seiner frommen Mildthätigkeit sagt das Lied:
„Wenn Nachts Alles schlafen ging, stand auf der viel gute, Mann; mit seiner lautern Andacht besucht er manche Münster, seine Liebesgaben er mit sich trug, der Armen fand er genug, die der Wohnungen nicht hatten, und auf ihn harrten. Wo ein armes Weib mit dem Kinde lag, die Niemand pflag, dahin ging der heilige Bischof und bettete sie selber gut. So konnte er mit Recht Vater aller Waisen heissen.”
Mit wenigen, aber kräftigen Zügen schildert der Dichter den Bischof als Staatsmann und Leiter des Reichs, und wie ergreifend schön sind seine Schilderungen der Noth und Wirren des Reichs unter Heinrich IV. Der Dichter singt:
„Darnach fing sich an der üble Streit, davon mancher Mann verlor den Leib, da dem vierten Heinrich verworren ward das Reich. Mord, Raub und Brand verheerten Kirchen und Land; von Dänemark bis Apulien, von Karolingen bis zu den Ungarn, denen Niemand mochte widerstehen, wenn sie wollten mit Treue zusammengehen, die stifteten Heerzüge gross wider Neffen und Hausgenoss. Das Reich all kehrte sein Gewaffen – in seine eignen Adern; mit siegehafter Rechten überwand es sich selbst, dass die getaufte Leichname unbegraben zerstreut lagen zum Aaase den bellenden, den grauen Waldhunden. Da das nicht hoffte zu versöhnen St. Anno, da verdross es ihn, länger zu leben.”
Nach seinem Tode singt der Dichter:
„Als er da zu Gottes Antlitz kam, zur ewigen Gnade, da that der Herr, edelgemuth, wie der Aar seinen Jungen thut, wenn er sie lehren will ausfliegen: er schwebet ob ihnen in Pracht, er schwingt sich auf zu Berge, das thun dann die Jungen gerne, also wollt’ er uns lehren, wohin wir nach ihm sollten fahren; er zeigt uns hienieden welch Leben sei im Himmel. An dem Grabe, da sie ihn wollten todt haben, da wirkte er schöne Zeichen: die Siechen und die Krummen, die wurden da gesund.”
Und schliesst seinen Lobgesang:
„Dann sollen wir verstehen des reichen Gottes Güte, wie er lohnt und vergilt, was man von seinen Geliebten spricht, der so süsse leitet bei der Hand zu dem schönen Paradiesesland”.
[Vrgl. H. Kurz, Geschichte der deutschen Literatur. B. I, S. 250 fflg.]
Schicksale der Stadt
Einen Beweis des Handelsverkehrs der Stadt finde ich darin, dass schon 1308 ein Lombarde, ein Geldhändler, Namens Ricardus als Bürger, opidanus in Syberg, in der Stadt sesshaft.
Derselbe stellt in diesem Jahre dem Grafen Adolph VII. von Berg über den Empfang von 3000 Mark Quittung aus, welche er dessen Vorgänger, dem Onkel Adolph’s, dem Grafen Wilhelm vorgeschossen hatte. Nur wo Aussicht auf Geschäfte, liessen sich die Lombarden, auch Cohorsinen, Cauwertschen, Cauwersinen u. s. w. genannt, als Geldhändler nieder, indem sie allein durch besondere päpstliche Dispensen neben den Juden, die auch in Siegburg eine Heimstätte gefunden hatten, unter dem Abte standen, welchem sie das Geleit zahlten, bis zum Jahre 1424 Geldgeschäfte oder Wucher, wie das Mittelalter solche Geschäfte nannte, treiben durften, die bis zu diesem Jahre allen Christen unter Strafe einer Todsünde von der Kirche untersagt waren.
Ein Hauptzweig des Handels der Stadt war Wein, denn bedeutende Weingärten hatte die Abtei, selbst die Sonnenseiten des Siegberges waren noch bis in’s 17. Jahrhundert mit Reben bepflanzt, und scheint der Verbrauch des edlen Saftes unter dem Convente kein geringer gewesen zu sein, denn, als die Abtei 1803 aufgehoben wurde, waren unter ihren Passiven die Weinschulden so bedeutend, 26,514 Rthlr. 54 Stbr., und doch hatte das Kloster noch 50,000 Reichsthaler Einkünfte, dass die baierische Regierung dem Weinhändler I. H. Pleunissen aus Köln das Kloster zu Altenberg, ausser der Kirche und ihren Kunstsachen, als Deckung der Schuld überwies. Im Jahre 1816 verkauften die Erben Pleunissen das Kloster zu 86,000 Reichsthaler an den Regierungsrath von Bülow in Düsseldorf.
[Vergl. Altenberg im Dhünthale. Von Vincenz von Zuccalmaglio. 3. Aufl. Düsseldorf 1861. 8.]
Im Laufe der Jahrhunderte waren die Rheinlande nicht selten von der Pest heimgesucht worden, so 990 und 1033, wo ganze Klöster ausstarben, wie das zu Königsdorf. Die Pest des Jahres 1348 und 49 der bekannte „„schwarze Tod” traf auch Siegburg, und scheinen auch hier Bewegungen gegen die Juden Statt gefunden zu haben, die man als Urheber der Seuche bezüchtigte. Dasselbe Elend suchte die Stadt 1434 und 1499 wieder heim und zuletzt noch 1578.
Nach dem Gründungs-Acte der Abtei sollte dieselbe unter den Erzbischöfen Köln’s stehen, wie dies Kaiser Heinrich IV. im Jahre 1069 urkundlich bestimmt hatte. Die Grafen von Berg, in deren Gebiet die Abtei lag, die sich seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts Vögte der Stadt Siegburg nannten, machten den Erzbischöfen von Köln stets das Vogtei-Recht über die Abtei streitig. Zu mancherlei blutigen Fehden gab dies Veranlassung, und mochte auch die Hauptursache sein, dass Erzbischof Siegfried von Westerburg von Köln (1275—1297) im Winter des Jahres 1287 das bergische Land mit Feuer und Schwert verwüstend überzog, und so auch die Stadt Siegburg. Am 5. Juni des folgenden Jahres traf ihn aber in der blutigen Schlacht bei Worringen die Vergeltung. Er ward selbst ein Gefangener des Grafen Adolph VII. von Berg, in dessen Gefangenschaft auf der neuen Burg an der Wupper der Erzbischof achtzehn Monate, und keine sieben Jahre, wie auch erzählt wird, schmachtete.
Zu offener Fehde brach der Zwist wegen des Schirmrechts über Siegburg aus, als der Abt Pilgrim von Drachenfels 1402 dem Herzoge Wilhelm vollständig abgesagt und das Schirmrecht aufgekündigt hatte. Jungherzog Adolph, Wilhelm’s Sohn, der eben mit dem Grafen von Heinsberg wegen Löwenburg in Fehde, rückte sofort mit seinen Rittern und Reisigen vor Siegburg. Im Einverständnisse mit den Bürgern, die auch mit dem Abte gespannt, nahm Adolph die Stadt und belagerte die Abtei. Er fand aber den hartnäckigsten Widerstand. Seine Stürme wurden alle zurückgewiesen und zuletzt, von der Abtei aus, die Stadt mit Feuerpfeilen in Brand geschossen, wodurch die Bürger gar grossen Schaden erlitten. Adolph übte jetzt das Wiedervergeltungsrecht an den Gütern der Abtei, indem er die ihr abhängigen Propsteien, ihre Meierhöfe und Güter mit Feuer und Raub heimsuchte.
Pilgrim sah sich durch die Noth gezwungen, die Schirmvogtei der Herzoge von Berg wieder anzuerkennen, und Adolph stellte den herkömmlichen Revers aus, dass dieselbe nur auf seine Person und blos auf Lebenszeit nicht durch Erbrecht, sondern ihm blos aus der Willkür des zeitlichen Abtes zustände.
Die Streitigkeiten wegen der Vogtei, der Schutzherrlichkeit über Siegburg, wurden aber erst 1420 zu Gunsten Adolph’s IX., Herzogs von Berg geschlichtet, wenn es auch später fortwährend zwischen den Herren von Berg und den reichsunmittelbaren Äbten, den Prälaten von Gottes Gnaden und vollberechtigten Reichsständen desshalb nicht an mancherlei Hader fehlte. Der Abt führte den Tittel: Von Gottes Gnaden Abt der freiadeligen Reichsabtei Siegburg, Herr daselbst und zu Hüls, Straelen, Euenheim und Weisskirchen.
In Folge des Jülich-Clevischen Erbfolge-Streites wurde 1667 dem Herzoge Karl Philipp Theodor von der sulzbach-pfälzischen Linie die Landeshoheit über die Abtei Siegburg förmlich zuerkannt.
Abt und Conventualen verzichteten auf ewige Zeiten auf die Reichsunmittelbarkeit der Abtei, der Stadt und der Vogtei Siegburg und traten alle desfallsigen Ansprüche dem Landesherrn und seinen Nachfolgern ab. Die Abtei wird eine bergische Unterherrschaft und nimmt die Jülich – bergische Landes- und Polizei-Ordnung an. Als Grund-, Erb- und Unterherr behält der Abt die Rechte und Gerichtsbarkeiten, welche diesem zustehen, darf in Stadt, Vogtei und Burgbann Schultheise, Schöffen, Bürgermeister, die Vorstände der Zünfte ernennen, bleibt im Genusse des Judengeleites, der Brüchten, Accisen, des Erbzinses, Zehnten und Rauchhühner, muss aber die herzogliche Steuerumlage in Stadt und Vogtei zulassen, bleibt jedoch unter landesherrlichem Schutze ungekränkt im Besitze aller Güter der Abtei. Dies waren die Hauptpunkte des Vertrags.
Während des sechszehnten, siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts war Siegburg der Schauplatz mancherlei Kriegsfahrnisse, da die befestigte Stadt mit der sie beherrschenden Abtei ein strategischer Punkt von Wichtigkeit.
Im sogenannten truchsessischen Kriege, der von 1583 bis 1588 das Erzstift verwüstete, weil der am 5. Dezember 1577 zum Erzbischofe von Köln gewählte Graf Gebhard II., Truchsess von Waldburg (1577-1583) sich für die neue Lehre erklärte, und sich, nachdem er den Protestanten freie Religionsübung im Erzstifte bewilligt, mit der Gräfin Agnes von Mannsfeld, Kanonissin zu Gerresheim vermählt hatte, ohne seiner erzbischöflichen und der Kurwürde entsagen zu wollen. Es kam zum Krieg. Papst Gregor XIII. entsetzte durch eine Bulle vom 1. April 1583 den Abtrünnigen seiner Würde, sprach den Bann über ihn aus, wie dann auch Kaiser Rudolph II. die Reichsacht. Die Landstände und das Domkapitel rüsteten gegen Gebhard, und der Bischof von Lüttich Ernst von Baiern wurde, als er mit einem Heere heranzog, vom Kapitel zum Erzbischofe gewählt. Gebhard’s Partei war zuletzt nur auf Bonn und einige Vesten beschränkt. Das Äusserste bot Gebhard auf, in Westphalen einen Heerhaufen von 600 Mann aufzubringen, mit dem er zu Anfange des Jahres 1582 in Siegburg erschien, um dieselben von hier aus seinem Bruder Karl in Bonn als Verstärkung zuzuführen. Er gelangte wirklich nach Bonn. Als aber Herzog Ferdinand von Baiern mit einer grossen aus Spaniern und Baiern bestehenden Streitmacht zur Belagerung Bonn’s heranzog, suchte Gebhard sein Heil in der Flucht, und starb, nachdem er fast zwanzig Jahre ein heimathloses Leben geführt, im Jahre 1601 in Strassburg.
Bonn war der Übergabe nahe, da erscholl die Kunde, Gebhard’s Anhänger Heinrich von Braunschweig und Adolph von Neuenar wären mit 500 Mann zum Entsatze Bonn’s aus Westphalen über Schönstein im Anzuge. Sofort führt Herzog Ferdinand von Bonn aus einen Theil der Belagerungstruppen über den Rhein und legt sich durch die Bürger Siegburgs und einen Haufen bewaffneten Landvolks verstärkt, bei Siegburg im Walde an der Agger in einen Hinterhalt. Nichts Arges ahnend, ziehen die Heerhaufen Heinrichs von Braunschweig und Adolphs von Neuenar heran und sind schon theilweise über die hölzerne Aggerbrücke, da ertönt Herzog Ferdinand’s Befehl zum Angriffe. So rasch ist der Überfall und so entschieden, dass die Mehrzahl der Anrückenden bald niedergehauen, mit der zusammenbrechenden Brücke in die Agger stürzen und von den Verfolgern noch zum grössten Theile in die Sieg gesprengt wurden.
Zu Grunde gerichtet ist auch diese letzte Hoffnung Gebhards. Im Triumphe kehrt Herzog Ferdinand mit 54 Wagen voller Heergeräthe und Proviant in sein Lager nach Bonn zurück, das auch zu Anfang des Jahres 1554 kapitulirt. Erzbischof Ernest von Baiern ist unumschränkter Herr des Erzstifts.
Während des Jülich-Clevischen Erbfolge-Streites hatte Siegburg mancherlei Unbilden zu erdulden, da der Kaiser dem Abte Gerhard von Kolff befohlen, die strengste Neutralität zu beobachten, Festung und Abtei wohl zu bewachen, dem Reiche zu erhalten. Kurbrandenburg forderte Übergabe der Stadt, die natürlich verweigert ward. Die Plackereien der die Stadt umlagernden Kurbrandenburger, ihre Eingriffe in die Rechte der Stadt und des Abtes waren aber so gross, dass der Abt von Kolff, der unter dem 6. September durch Papst Clemens VIII. die bischöflichen Insignien, Inful und Stab erhalten hatte, eine öffentliche Declaration, eine Beschwerdeschrift in Druck ergehen liess, gegen welche Doktor von Langenberg, kurbrandenburgischer Geheimrath und Kommissar in den Ländern Jülich, Cleve, Berg, eine Vertheidigung veröffentlichte. Ein paar Aktenstücke, die uns Ernst Schwaben in seiner Geschichte Siegburgs aufbewahrt, welche uns ein erbauliches Pröbchen des deutschen Kanzleistyls zu Anfang des 17. Jahrhunderts liefern.
[Ph. Ernst Schwaben, Geschichte der Stadt, Festung und Abtei Siegburg im Herzogthum Berg; Köln, 1826. Bei Peter Schmitz. Das Buch ist nach archivarischen Quellen bearbeitet und reich an Material, das uns manchen aufklärenden Blick in die kleinstädtischen Verhältnisse der früheren Jahrhunderte gewährt, immer empfehlenswerth.]
Unter dem Namen einer kaiserlichen Schutzwache, hatte der Abt von Kolff im Herbste 1614 eine kleine spanische Besatzung in die Festung aufgenommen. Der brandenburgische Hauptmann von Hatzfeld brach desshalb, im Februar des folgenden Jahres mit den bergischen Amtleuten von Windeck, Blankenberg und Löwenburg, einigen tausend Soldaten und Bauern gegen Siegburg auf, um den Abt zu zwingen, die Besatzung zu entlassen, die Stadt zu übergeben. Als er kein Gehör fand, schickte er sich zu einer förmlichen Belagerung der Stadt an. Schon waren unter dem wohlgenährten Feuer der Belagerten Schanzen angelegt, die Laufgräben eröffnet, als einige Kompagnien Spanier zum Entsatz heranrückten, und die Kurbrandenburger nöthigten, die Belagerung aufzuheben.
Zuvor plünderten und verwüsteten sie rings alle Klostergüter und besonders die Propstei Oberpleis, wo sie grosse Vorräthe aller Art fanden, und sogar die Kirchengeräthe raubten.
Am 22. März 1615 zogen die Feinde, die Siegburg so lange geängstigt hatten, ab; aber die Last der Bürger, allnächtlich die Abtei und den Berg in Kompagnien und Rotten zu bewachen, hörte nicht auf, trotz aller Beschwerden von Seiten der Stadt.
Erst 1656 wurde dieser Nachtwachtdienst, gegen eine Rekognition von 10 Rthlr. monatlich an den Abt, aufgehoben. Den Bürgern war ursprünglich die Vertheidigung der Stadt anvertraut, und sie, nach Rang und Stand mit Harnisch, Helm, Speer, Hellbarden, Knebelstäben, Schlagschwertern, Morgensternen, Hackenbüchsen, Stutzen, Rohr und Wehr bewaffnet, in Quartiere getheilt: Zur Zeit des dreissigjährigen Krieges war eine stehende Miliz eingeführt, die im Jahre 1667 noch 33 Soldaten, 30 Weiber und 63 Kinder zählte. Nach dem Vorbilde Ludwigs XIV. nahm um diese Zeit die Soldatenspielerei bei den grossen und kleinen Dynasten Deutschlands ihren Anfang, die im folgenden Jahrhunderte bei Manchem zu einer wahren Manie ausartete.
Als die ersten Zeichen des dreissigjährigen Krieges sich im Erzstifte in der Nähe Bonn’s kund gaben, wie wir oben erzählt, war auch Siegburg manchfach bedroht, mussten die Bürger Tag und Nacht auf der Hut sein, um sich gegen jedmöglichen Überfall zu schützen. Auf die Kunde, dass die Schweden unter Baudissin über den Westerwald im Anrücken, floh der Abt Bertram von Bellinghausen, Fürst von Fuld, der sieben und dreissigste in der Reihe der Äbte, mit dem Convent in solcher Hast nach Köln, dass sie sogar die werthvollsten Sachen im Stiche liessen. Der Abt schlug seinen Sitz im Siegburger Hofe unter Fettenhennen in Köln auf.
[Über den Siegburger Hof in Köln vergleiche man: Köln am Rhein vor fünfzig Jahren von Ernst Weyden. S. 144 folg.]
Am Vorabende von Simon und Juda 1632 überrumpelte General Baudissin die Stadt, nahm sie mit Sturm, wie die Sage erzählt, durch Verrath eines Rathsverwandten Blumenthal, der auch später in der Stadt auf dem runden Stein durch Henkers Hand den Lohn des Verrathes empfangen haben soll.
Alle Gräuel, welche uns die Geschichte von der schwedischen Soldateska aus dieser Periode des grossen deutschen Krieges berichtet, brachen über Siegburg herein und währten volle drei Jahre, denn so lange blieb Siegburg von den Schweden besetzt.
Den zügellosen Soldaten gingen ihre Führer mit den empörendsten Beispielen in Misshandlungen und Erpressungen aller Art voran. Das Kriegshandwerk war ihr Geschäft, das ihre Säckel füllen musste durch alle nur erdenklichen Mittel der rohesten, unmenschlichsten Gewalt. Auch der Kommandant Siegburgs, Abraham Loyson, Obristlieutenant des Görzischen Regiments, huldigte diesem Grundsatze, suchte nur Geld zu erpressen, und lebte mit seinem Stabe auf der Abtei, deren Keller und Vorrathskammern wohl versorgt gefunden worden, in Saus und Braus, nicht selten maskirt mit den reichen Chorgewändern, die sie in der Kirche entdeckt hatten, und aus den heiligen Gefässen, aus Kelchen und Ciborien schwelgend.
Baudissin hatte, nach der Einnahme von Siegburg, alle festen Punkte der Umgegend, so Blankenberg, Windeck und Linz besetzt, und war dann mit seinen Heerhaufen bis nach Deutz vorgedrungen. Er fand Deutz wohl befestigt. Sofort wurde zum Angriffe geschritten, im Sturm die Vorwerke genommen. Die Stadt Köln unterhielt aber von ihren Rondelen und von den am Rhein neu aufgeworfenen Schanzen ein so mörderisches und wohlgenährtes Feuer gegen die Schweden, dass Baudissin nicht weiter vordringen konnte, und sich zum Abzuge anschickte, als der Magistrat Kölns seinen Parlamentair mit Spott und Hohn abgewiesen hatte.
Sein Nachtrab wurde von der Deutzer Besatzung angegriffen und einige hundert Gefangene gemacht, die man in der St. Urbanus-Kirche einsperrte. Einer derselben, ein Engländer oder Schotte, zündete, ob mit Vorbedacht, ist natürlich nicht zu ermitteln, eine Pulvertonne an, und sprengte so die Kirche mit 300 in derselben befindlichen Gefangenen, sammt vielen umliegenden Häusern in die Luft.
Siegburg’s Wohlstand war vernichtet. Die Besatzung ersann jeden Tag neue Mittel, den Bürgern den letzten Heller abzuzwacken. Der Abt hatte bei dem Obristen Loyson Bestechung versucht, um wieder in Besitz der Abtei zu gelangen, aber ohne Erfolg. Was die List vergeblich angestrebt, sollte der Gewalt gelingen. Er brachte in Köln, Bonn und Andernach einen Haufen von 500 Mann zusammen‚ dem sich die Kurfüstl. 300 Mann starke Leibcompagnie anschloss, mit denen am 17. Juni 1633 die Stadt überfallen werden sollte. Unter dem Schutz der Nacht, war der Haufen bis zu den Gräben der Stadt vorgedrungen, hatte schon die schwarz angestrichenen Sturmleitern an verschiedenen Stellen angelegt, als die Besatzung Lärm schlug. So nachdrücklich war ihr Feuern, dass die Angreifenden mit Verlust mehrerer Todten und Verwundeten und Hinterlassung des sämmtlichen Heergeräthes und Sturmzeuges abziehen mussten.
Graf Mansfeld machte, auf des Abtes Bitte, im folgenden Jahre von Köln aus mit einer starken Abtheilung Reiter und Fusssoldaten und sechs Geschützen einen Streifzug gen Siegburg; erklärte aber, dass ohne förmliche Belagerung der Stadt nichts auszurichten, und zog sich wieder zurück.
Nachdem am 5. September 1635 in Worms zwischen der Krone Schweden, den conföderirten Ständen und dem Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm ein Tractat abgeschlossen, dass die Schweden die im bergischen Lande besetzten Schlösser und Ortschaften räumen sollten, wurde erst im Oktober zuerst Haus Landsberg, dann Siegburg und hierauf die Burgen Blankenberg und Windeck von den Schweden verlassen und pfalz-neuburgischer Besatzung übergeben. Aber schon 1640 bemächtigte sich ein kaiserlicher Obrist Mauter mit List durch einen Handstreich Siegburgs und vertrieb die Pfalz-Neuburger, welche das Brandschatzen eben so gut verstanden hatten, wie die Schweden und die sie ersetzenden Kaiserlichen.
Hexenwesen in Siegburg und in Bonn
Nach und nach erholte sich die Stadt, kehrten Handel und Gewerbthätigkeit wieder zurück. Aber in der wirren Zeit, nachdem die Schweden abgezogen in den Jahren 1636 bis 1638 traf die blutige Geissel der Hexenprozesse auch die Gemeinde. Der wilde Kriegssturm hatte die Gemüther nur um so empfänglicher für die schreckliche Verblendung dieses mehr als düstern Aberglaubens gemacht, und auch Siegburg sah nicht selten die Scheiterhaufen lodern, welche die irdischen Überreste der, von den Hexenrichtern Franz Baurmann und Caspar Liblar zum Tode Verurtheilten, verzehrten. Den Scharfrichter, Meister Hansen, welcher diese Executionen vollzogen, traf zuletzt unter derselben Anklage, dasselbe Schicksal.
[Vergleiche die Prozeduren bei Schwaben a. a. O. S. 225 folg. Der fleissige Sammler hat uns auch eine Siegburger Nachricher-Taxe aus dem Anfange des sechszehnten Jahrhunderts nach der peinlichen Halsgerichtsordnung Karls V. Erhalten:
Vom Rädern erhält der Nachrichter ... 4 Schilling.
Vom Pfählen ... 4 "
Vom Verbrennen per Kopf ... 6 "
Vom Enthaupten ... 10 "
Vom Aufhängen ... 10 "
Vom Viertheilen ... 12 "
Die vier Theile aufzurichten ... 2 "
Vom Ohren-Abhauen … 4 "
Vom Hand-Abschlagen ... 6 "
Vom Foltern durch alle Grade ... 8 "
Von der einfachen Tortur ... 6 "
In Köln war in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Taxe bedeutend höher. Vgl. Ernst Weyden a. a. O. S. 207 folg.]
Die düstern Gräuel der Hexenverfolgungen hatten in Bonn, der Residenz des Kurfürsten Ferdinand, Herzogs in Baiern (1612 – 1650) nicht minder grausenerregend gewüthet, schrecklicher, wie vielleicht an wenigen Orten Deutschlands. Der blutige Wahn war am Ende der zwanziger Jahre des siebenzehnten Jahrhunderts auf’s Höchste gestiegen. Ohne Unterschied des Standes, ob geistlich oder weltlich, noch des Geschlechtes und Alters, forderte er in Bonn seine zahlreichen Opfer. Sogar der Kanzler und seine Frau, die Gattin eines kurfürstlichen Geheimsekretairs, ein Domherr mit Namen Rotenhan, Kinder von drei bis vier Jahren, Studenten und Edelknaben vom neunten bis vierzehnten Jahre wurden den Flammen des Scheiterhaufens überliefert. In einem authentischen Berichte aus Bonn vom 29. Septbr. 1628 heisst es wörtlich:
„Solche seint aber mehrentheils Hexenmeister dieserort; gehet vor gewiss die halbe statt darauf, denn allhier seint schon professores et Candidati juris, Pastores, Canonici, Vicarü, Religiosi eingelegt und verbrennt.”
Eine Begnadigung war es, wenn man die Unglücklichen, ehe ihr Körper den Flammen übergeben wurde, enthauptete.
Solche schauderhafte Verirrungen des menschlichen Geistes, in welchen um jene Zeit die ganze Gesellschaft befangen, kann unser Jahrhundert sich kaum möglich denken. Diese in der Menschengeschichte beispiellose Schreckenszeit veranlasste schon 1631 den Kölner Jesuiten von Spee zur Herausgabe seiner:
„Cautio criminalis in processibus adversus sagas.”
Der erste Schritt, den ein deutscher menschenfreundlicher Ehrenmann zur Bekämpfung dieser Gräuel des düstersten Aberglaubens in Europa wagte.
Segen seinem Andenken!
Schicksale der Abtei
Eine schwere Feuersbrunst äscherte 1647 einen Theil der Stadt ein und schädigte auch die Pfarrkirche.
Die Streitigkeiten zwischen Pfalz-Neuburg und der Abtei von Siegburg wegen der Reichs-Unmittelbarkeit und der Oberherrlichkeit über die Stadt selbst dauerten nach dem dreissigjährigen Kriege noch fort, und gaben Veranlassungen zu manchen Gewaltstreichen und langwierigen Unterhandlungen, bis 1655 am letzten Mai eine Kapitulation zu Stande kam, nach welcher Pfalz-Neuburg die Stadt mit Truppen besetzte, deren Commandant der Abt zu ernennen hatte. Im Jahre 1670 machte sich der pfalzneuburgische Feldmarschall von Virmond aber mit Gewalt zum Herrn der Stadt, und schickte sich bereits an, die Abtei zu stürmen, als der Convent eine Kapitulation zu Stande brachte, welche der Feldmarschall, einmal im Besitz der Stadt, nicht achtete, und der Abt nicht anerkennen wollte. Kaiser und Papst, eine Menge Bischöfe, der Erzbischof von Köln an der Spitze, nahmen sich des Abtes an, aber der Herzog von Pfalz-Neuburg bestand auf seinem Rechte, indem er darthat, wie er und seine Vorfahren die Reichsunmittelbarkeit des Abtes stets bestritten, und Landeshoheit über Burg und Stadt und die Vogtei, sowie das Besteuerungsrecht immer als ihnen rechtlich und erblich zustehend beansprucht und behauptet, die Schutz- und Schirmvogtei noch dazu geübt hätten.
Zuletzt sagte der Convent zum grossen Theile dem Abte förmlich den Gehorsam auf. Es kam gegenseitig zu den ärgerlichsten Auftritten und Beschuldigungen; man vertrieb den Abt, bis der Fürst von Fulda, späterer Cardinal von Baden, zum Coadjutor und Verwalter erwählt wurde. Mit fester Willenskraft stellte der Coadjutor Ruhe und Ordnung in der Abtei wieder her, schloss auch mit Pfalz-Neuburg 1673 eine präliminäre Convention, nach welcher die Besatzung aus der Stadt genommen, die Festungswerke auf Kosten des Herzogs geschleift werden sollten, der herzoglichen Familie aber die Schirmvogtei erblich zuerkannt wurde.
Man fing sofort an, die Festungswerke niederzulegen, und drei Jahre später, am 18. Mai 1676, wurde zwischen dem Herzog Philipp Wilhelm und dem Abte Bernard Gustav, Markgraf von Baden-Durlach, Kardinal Fürst, Abt zu Fuld und Kempten der eben angeführte Erbvergleich geschlossen, nach welchem der Herzog und seine Nachkommen unumschränkte Herren der Stadt Siegburg wurden, die ihre Festungswerke, ausser einigen Thorbauten, ganz verlor. Die Reichs-Immediataet der Stadt hörte auf; sie trat in die Reihe der Unterherrschaften, es wurden zugleich die Jülich-bergischen Polizei- und Statutargesetze eingeführt, die früheren Partikularrechte für immer aufgehoben.
In den unseligen Wirren, welche der Sklave Ludwig’s XIV., der Kardinal-Erzbischof Franz Egon von Fürstenberg als Prätendent der Kurwürde gegen Joseph Clemens von Baiern über das Erzstift Köln brachte, blieb auch Siegburg nicht verschont. Eine Besatzung von 2000 Franzosen hatte der Kardinal im Jahre 1688 nach Siegburg geworfen, und mit diesen Räuber- und Mordbrenner-Horden das unsäglichste Elend über die Stadt und Umgegend verhängt. Ohne alle Schonung wurden die Bürger, Männer und Frauen, selbst die Kinder zum Schanzarbeiten gezwungen, und von den französischen Mordbrennern, die weder Geschlecht noch Alter schonten, auf’s grausamste misshandelt. Alle Gräuel des dreissigjährigen Krieges überboten diese, in Europa den feinen Ton angebenden, civilisirten Kannibalen, besonders durch die Art und Weise, wie sie ihre viehischen Gelüste stillten. Schwer fällt es, den uns über das mehr als zügellose Verfahren der Franzosen erhaltenen Schilderungen Glauben beizumessen, und doch, zur Schande der Menschheit, sind sie wahr. In nicht ganz drei Monaten hatten die Horden das bitterste Elend über die Stadt gebracht, dieselbe durch Contributionen aller Art ausgesogen, nämlich vom 19. Dezember 1688 bis zum 12. März 1689. Während dieser Zeit vertilgten der Kommandant und Unterkommandant, nebst 14 Offizieren und 20 Bedienten, die auf der Abtei hausten, nicht weniger als 272 Anker Wein. Die Stadt hatte, ausser der Verpflegung der Franzosen noch einen direkten Schaden von 4000 Reichsthalern, wie denn auch die Abtei einen Schaden von 5000 Rthlr. nachwies, ausser dass die Mordbrenner im Innern geraubt und mit wildem Frevelmuthe Vieles zerstört hatten.
Als die Alliirten, Österreicher, Brandenburger, Holländer und Münsterländer unter dem Kurfürsten von Brandenburg am 12. März 1689 im Anzuge, brachen die Franzosen in aller Eile auf und zogen sich über den Rhein zurück. Aber auch die Alliirten waren der Stadt theure Gäste, und bei einem Überfalle der Franzosen gegen 2 Regimenter Münsterländer Kavallerie, äscherten Jene den grössten Theil der Auelgasse ein.
Bonn wurde förmlich belagert. Die Alliirten warfen bei Beuel, Poppelsdorf und Kessenich ihre Schanzen auf, und fingen am 24. Juli an, die Stadt zu beschiessen, die sich aber erst am 5. Oktober, nachdem sie grösstentheils in einen Schutthaufen verwandelt worden, und trotz der furchtbarsten Hungersnoth, ergab. Der Cardinal von Fürstenberg hatte gleich bei Beginn der Belagerung das Weite gesucht. In Frankreich fand er ein Asyl, da ihn König Ludwig XIV. für seine Verluste in Deutschland zu entschädigen suchte, ihm unter anderem auch die Abtei St. Germain des Préz schenkte, wo er am 10 April 1704 starb.
Im spanischen Erbfolgekriege, in welchem, wie bekannt, der Kurfürst von Köln Joseph Clemens auf die Seite der Franzosen trat, war Siegburg wieder hart bedroht. Der Kurfürst Johann Wilhelm warf aber sofort ein Regiment unter dem Obristen von Janus in die Stadt, und dieser wusste durch seine Massregeln, indem er um die Stadt neue Schanzen aufwerfen liess und stets auf seiner Hut war, die Stadt und nächste Umgebung wenigstens vor den stets von Brand und Plünderung begleiteten Streifzügen der Franzosen zu schützen.
Der holländische General Coehorn hatte Bonn belagert, und begann im April 1703, die Stadt zu beschiessen, nachdem er das von den Franzosen auf dem rechten Rheinufer angelegte Fort de Bourgogne genommen und selbst gegen die Stadt benutzt hatte. Am 19. Mai war bereits an verschiedenen Stellen Bresche geschossen, und schon schickten sich die Belagerer zum Sturme an, als der französische Commandant Markis Dallegre Chamade schlagen liess, die Festung übergab. Die von 6000 auf 2500 Mann zusammengeschmolzene Garnison zog mit militaerischen Ehren ab, und die Festungswerke der Stadt wurden, gemäss der Kapitulation, geschleift.
Während des siebenjährigen Krieges, hatte Siegburg ebenfalls mancherlei Unbilden von Freund und Feind zu erdulden. Die Noth war durch die Kriegslasten zu einer solchen Höhe gestiegen, dass es vielen Bürgern am Nothdürftigsten mangelte. Nach den Schilderungen der Zeitgenossen überbot das Fischersche Freikorps, das eine Zeit lang in Siegburg und Umgegend hauste, selbst die Kroaten, Panduren und Rothmäntel an Rohheit, Raubsucht und Unmenschlichkeit. Ein eben so bitteres Andenken hinterliessen die Hanoveraner, die im Jahre 1758 in Siegburg brandschatzten, und sich in die Stadt geworfen, in der Absicht, den Abt aufzuheben, der sich aber frühzeitig mit den Schätzen der Abtei nach Köln geflüchtet hatte.
Am 1. Januar des Jahres 1772 traf die Abtei ein harter Schlag, bis auf die Kirche wurde dieselbe fast ganz der Flammen Raub. Der vier und vierzigste Abt Godfried Ferdinand von Schaumberg liess die Gebäulichkeiten in ihrer jetzigen Gestalt neu aufführen und gab der Gegend den imposanten, wenn auch gerade nicht kunstschönen Bauschmuck.
Mit dem Sept. des Jahres 1795 fing die Armee der französischen Republik im bergischen Lande zu hausen an, das an der Frankfurter Strasse gelegene Siegburg auf den Hin- und Hermärschen zu wiederholten Malen heimsuchend. Alle Leiden des Krieges, Brandschatzungen, Raub und Plünderung trafen das bald ausgesogene Land und die Stadt.
Jourdan, Kleber, Ney, Bernadotte, Championnet, Lefebvre, Bastoult, Soult, Debelle, die Generale der Republik, machten abwechselnd mit ihren Stabsoffizieren die Abtei zu ihrem Standquartier und waren unersättlich in ihren Requisitionen. Ney nahm dem Abte Johann Speyart von Woerden die Pferde weg, Debelle erhob für eine Nacht 100 Louisd’or, Jourdan besteuerte die Abtei mit 50000 Franken, und schleppte den Abt und Kellner als Geissel über den Rhein, bis die Summe aufgebracht war.
Durch den Frieden von Amiens 1802 wurde die Abtei sekularisirt und 1803 aufgehoben. Ihre Güter fielen an Max Joseph, Herzog von Pfalz-Zweibrücken, Berg und Baiern, welcher am 15. Mai 1806 das bergische Land als Grossherzogthum an Napoleon’s I. Schwager Joachim Mürat abtrat.
Als Mürat am 1. August 1808 zum Könige von Neapel erhoben, theilte Siegburg das Schicksal des bergischen Landes. Die Stadt konnte sich unter der Franzosen Herrschaft von den letzten Schlägen nicht erholen, sie siechte dahin. Auch die Abtei war dem Verfall Preis gegeben, wenn sie auch nicht auf den Abbruch verkauft wurde, wie andere Klöster und Kirchen. Die Reliquienschätze der Abtei, von ruchloser Hand zum grössten Theil ihres edlen Metallschmuckes beraubt, retteten die Bürger Siegburgs im Mai 1812 mit Gewalt aus den Händen der Bewohner von Birk, deren Pfarrkirche dieselben vom Präfekten des Rheindepartements als Geschenk überwiesen worden, und welche den Schatz zum Fortbringen bereits auf Karren geladen hatten. Im Triumph brachten die Bürger die Reliquien nach ihrer Pfarrkirche und erhielten sie auch endlich durch die Bemühungen des Pfarrers Zopus und des Bürgermeisters als rechtliches Eigenthum überwiesen, wie der Präfekt, unter dem 3. August 1812, der Pfarrkirche auch den Reliquienaltar der Abteikirche schenkte.
Am 18. Juli 1815 ergriff Preussen, nach den Bestimmungen des Wiener Congresses, Besitz vom Lande der Berge, nachdem schon Ende 1813 die Franzosen dasselbe verlassen hatten. Siegburg kam unter Preussens Scepter und blühte im Segen des Friedens, jetzt (1863 nämlich) 3451 Kathol., 433 Evangel. und 240 Juden, 4124 Einwohner zählend, als Kreisstadt immer mehr und mehr auf. Zum wahren Heile der leidenden Menschheit erhielt die Abtei eine neue, aber edle, menschenfreundliche Bestimmung. Die Regierung errichtete in derselben eine Provinzial-Irrenheilanstalt, welche unter der gewissenhaften, humanen Leitung des in der Seelenheilkunde vielerfahrenen, nun verstorbenen Ober-Medicinal-Raths Dr. Jacobi zu einer wahren Muster-Heil-Anstalt gediehen ist.
Die letzten Spuren der festen Thore und Mauerumwallungen der Stadt schwanden allmählig. Freundlich einladend ist ihre Umgebung, wohnlich ihr jetzt durch Gas erleuchtetes Inneres, das sich, Sitz des Landrathes, eines Friedensgerichts, eines bewährten Progymnasiums, einer höheren Töchterschule, manchfachen Verkehres erfreut. Ein gar angenehmer Aufenthalt.
Die Stadtkirche des h. Servatius
Unsern ersten Besuch in der Stadt widmen wir der Pfarrkirche zum heil. Servatius, ursprünglich eine rundbogige Pfeiler-Basilika. Der ältere, romanische Theil der Kirche, das Langhaus, rührt aus dem zwölften Jahrhunderte, der neuere, der schlichte gothische Chorbau aus dem Anfange der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und erinnert in seiner Anlage und in seinen Details an den Chorbau des Münsters zu München-Gladbach, möchte demnach, wie dieser, ein Werk des ersten Baumeisters des Kölner Domes, Gerhard von Ryle sein (?). Hoffentlich wird der Wiederherstellungsbau der Kirche bald in Angriff genommen.
Bei dem grossen Stadtbrande 1647 verlor die Kirche den Dachstuhl, die Glocken sammt dem Thurmhelme, welcher 1677 für die Summe von 250 Rchsthlr. wieder hergestellt wurde in seiner jetzigen Gestalt. Die Glocken wurden gegen eine Entschädigung von 160 Rchsthlr. von Claudius Lameral und Anton Pareis aus Arnsberg gegossen; die Gemeinde lieferte das Material.
Der Reliquien-Schatz
Die an den Pfeilern des Schiffes angebrachten grossen Apostelgestalten aus Holz fallen in die Mitte des 15. Jahrhunderts und geben Zeugniss von einer geübten Künstlerhand. Seit 1812 bewahrte die Kirche aber, wie wir oben gehört haben, einen seltenen Kunstschatz in den Reliquienschreinen und Tragaltärchen, aufgestellt in dem, aus der Abteikirche herrührenden Reliquien-Altare, einst der Schmuck der Abteikirche, welcher, wenn auch leider arg verstümmelt, aus dem Sturme der Zeiten gerettet wurde. Dem Freunde mittelalterlicher Kunst lohnt dieser merkwürdige Schatz allein den Besuch Siegburg’s.
Es besteht derselbe aus 5 grösseren und 3 kleineren Reliquienschreinen und zwei sogenannten höchst seltenen Reisealtärchen (altaria portatilia oder gestatoria). Das Reliquiarium des h. Anno (Secrinium majus S. Annonis) ist der an Kunstwerth und Grösse bedeutendste Schrein, aber auch seines Kunstschmuckes zum grössten Theile beraubt, und durch ungeübte Hand bei späterer Renovation leider verunstaltet. Der Reliquienschrein der heiligen Martyrer Mauritius und Innocentius (Scrinium S. Mauritii et 8. Innocentii) hat dieselbe kapellenartige Sarkophagenform, in welcher die meisten grösseren Reliquiarien des 12. und 13. Jahrhunderts gebildet sind. Angeführt sei noch der Reliquienschrein des h. Honoratus (Arca S. Honorati), ein kleinerer viereckiger Schrein mit einer nach den vier Seiten abgeflachten Dachhaube (Arca minor quadrata in sumitate altaris posita) und noch ein paar kapellenförmige Schreine, und vor Allen zwei Reisealtärchen. Das Eine (Arcula quae vocatur altare gesstatorium S. Gregorii P. p.) mit bildlichen, höchst originellen Darstellungen der Kreuzigung und der Himmelfahrt des Heilandes in goldenen Niellobildern auf Schmelzgrund, mit einem Altarsteine aus Serpentin. Das Andere (Altare portatile S. Mauritii) mit einem dunkelrothen weiss geaderten Porphyr als Altarstein, ist ausserordentlich reich in seinem Bild- und Email-Schmuck.
Alle diese Kunstwerke gehören der romanischen Periode an, dem 12. Jahrhunderte, und zeichnen sich durch ihren Emailschmuck, reiche Ormamentation der Säulchen und Flächen, in den mannigfaltigsten Farben eben so sehr aus, als durch die Metallarbeiten, theils getrieben, theils ciselirt und gravirt. In den Formen giebt sich ein bestimmter byzantinisirender Typus kund, an den ältesten roh und unbeholfen, an den späteren, so besonders an den Tragaltärchen, mit grösserer künstlerischer Freiheit in Bewegung und Faltenwurf behandelt.
Es reichen diese Kunstarbeiten in eine Zeit hinauf, wo die Goldschmiedekunst und die Schmelzmalerei hauptsächlich mit Vorliebe in den Klöstern von den Benediktinern betrieben wurden. Wahrscheinlich stammen diese Reliquienschreine aus den Werkstätten der Abtei auf dem Siegberge. Haben wir darüber auch keine historischen Nachrichten, so wissen wir doch zuverlässig, dass die prachtvollen kunstreichen Schreine der h. Albinus und Warinus, die jetzt in der Kirche Maria zur Schnurgasse in Köln aufbewahrt werden und derselben Periode angehören, in der Benediktiner-Abtei S. Pantaleon zu Köln angefertigt wurden.
Die Kirche bewahrt auch noch einen Bischofsstab (Pedium) aus Elfenbein in romanischem Style und einen Consecerationskamm aus demselben Stoffe mit geschnitzten Greifen, welche, angeblich, in dem Grabe des h. Anno bei der Erhebung seiner Gebeine sollen gefunden worden sein.
Die Stadt besass in der sogenannten Clause ein Nonnenkloster des Antoniter-Ordens unter dem Schutze der h. Anna. In Folge der Kirchentrennung verliessen aber die Nonnen das Kloster, welches erst 1673 den Minoriten, unter dem Namen einer Residenz, überwiesen wurde, und zwar 4 Mönchen und 3 Laienbrüdern, deren Zahl, ohne Gutheissen des Abtes, nicht vermehrt werden durfte.
Einer der Priester vertrat das Amt eines Beichtvaters und Predigers auf der Abtei, während ein Andrer Frühmessner in der Pfarrkirche war und Religionslehrer, wie er denn auch die Jugend bis zur Syntax unterrichten musste. Im Jahre 1803 wurde das Kloster aufgehoben und seine Gebäulichkeiten früher zu Schulzwecken benutzt.
Die Provinzial-Irren-Heilanstalt
Ein bequemer Weg führt zu der Abtei, seit 1825, wie bereits bemerkt, in eine Provinzial-Irrenheilanstalt verwandelt. Ohne spezielle Erlaubniss des Vorstehers der Anstalt, die aber bereitwilligst ertheilt wird, ist der Besuch derselben nicht gestattet. Mit doppelten Ringmauern ist der Berg und die Abtei eingefriedigt. Nicht ohne ein tiefes Gefühl der Wehmuth und des Beileids schreiten wir über die Vorschwelle der Abtei, jetzt ein trauriges Asyl des höchsten Elends, das den Menschen treffen kann, und welches hier die Wissenschaft, mit dem reinsten Humanismus gepaart, zu lindern und mit dem besten Erfolge zu heben sucht. Man kann sich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren beim Anblick einzelner oder ganzer Gruppen der Unglücklichen, die unter strenger Aufsicht umherspaziren, sich mit Gartenarbeit beschäftigen und sich zuweilen mit zutraulicher Geschwätzigkeit an den Fremden heran drängen, während Andere gar keine Notiz von ihm nehmen.
Die Tobsüchtigen, die gefährlichen Wahnsinnigen sind links vom Eingange im ehemaligen Kelterhause der Abtei untergebracht. Nicht gern gestattet man den Besuch dieser Zellen, der Schauder und Grauen erregenden Wohnung des grausenvollsten Elends. Die trefflich eingerichtete Badeanstalt, für beide Geschlechter getrennt, liegt daneben. Wie bekannt, ist die Anwendung der verschiedenen Bäder eines der vorzüglichsten Mittel der Seelenheilkunde.
Ihre Einrichtung
Das Refektorium, die Dormitorien der Abtei sind zu Gesellschaftssälen umgewandelt, und so die Zellen des ersten Geschosses zu Wohnungen der ersten Klasse der Unglücklichen, welche nach der Norm des jährlichen Pensionsbetrages in drei Klassen eingetheilt sind. Nach der Normalverpflegung entrichtet ein Pensionär der ersten Klasse 300 Thlr., die zweite 250 und die dritte 175 Thlr. Rheinländer zahlten sonst im Verhältnisse zur Wohnung, der gesammten Verpflegung und Bedienung 275 bis 425 Thlr., Preussen der anderen Provinzen 350 bis 525 Thlr. und Ausländer 400 bis 575 Thlr. jährlich.
Der Normal-Etat der zur Verpflegung aufzunehmenden Kranken ist auf 200 gesetzt, der aber leider nicht selten überschritten werden muss.
Die Irren-Heilanstalt zu Siegburg hatte am Anfange des Jahres 1863 einen Krankenbestand von 247.
Die neuen Aufnahmen während dieses Jahres betrugen 306
Es waren also im Jahre 1863 in Behandlung: 553
Hiervon schieden im Laufe des Jahres aus: 346
Bleibt Bestand Anfangs 1864 207.
Von den Ausgeschiedenen gehörten hinsichtlich ihres Domicil-Verhältnisses
a) zur Rheinprovinz und zwar zum Regierungsbezirk Coblenz 59, Trier 32, Aachen 37, Köln 86, Düsseldorf 126;
b) zu anderen preussischen Provinzen 5;
c) zu nicht preussischen Staaten 1, zusammen 346.
Unter denselben waren, der Confession nach: Katholiken 241, Evangelische 100, Juden 5, zusammen 346. Dem Geschlechte nach: Männlich 180, Weiblich 166, zusammen 346.
Der Cur-Erfolg war folgender: Von der Gesammtzahl der Ausgeschiedenen sind 13 Kranke abzuziehen, welche vor beendigtem Cur-Verfahren aus der Anstalt zurückgenommen worden sind.
Von den übrigen 333 Kranken wurden
als genesen entlassen 97, od. nach Proc. 29,13
" gebessert " 39, " " " 11,71
" ungeheilt " 182, " " " 54,66
Es starben ... 15, " " " 4,50
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Summa ... 333
Der Krankenbestand war am 1. Januar 1859 193
Es wurden neu aufgenommen im Jahre 1859 259
„ 1860 284
Es wurden neu aufgenommen im Jahre 1861 337
„ 1862 310
„ 1863 306
Mithin waren in dieser Zeit in Behandlung 1689
Davon wurden im Laufe dieser Jahre entlassen:
als genesen ... 489
" gebessert ... 184
" ungeheilt und nicht mehr geeignet... 646
Vor beendigtem Kurverfahren ... 56
Es starben ... 107
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zusammen 1482.
Mithin Bestand Ende 1863 ... 207
Der Einnahme- und Ausgabe-Etat pro 1863 – 64 beträgt im Ganzen 42,354 Thaler.
Nach dem Etat desselben Zeitraumes sind für die den 5 Rheinischen Regierungsbezirken angesetzten 171 Stellen für Normalkranke, a 178 Thaler jährlich, 30,438 Thaler aufzubringen.
Eitle Neugierde kann den gefühlvollen Menschen nicht an einen solchen Ort des Grausens führen. Der schmerzliche Eindruck wird aber in etwa gemildert, gewahrt man, welches Prinzip der edelsten Humanität in der Behandlung der Patienten, zu welcher Klasse sie auch zählen, vorwaltet, wie musterhaft die innere Einrichtung bis zu den kleinsten Einzelheiten, und mit welcher Aufopferung, mit welcher Hingebung Direktor und Assistenzärzte ihrem schweren Amte obliegen, das nur im innern Bewusstsein seinen Lohn finden kann und finden muss. Die schönen Resultate, welche die Anstalt seit ihrer Gründung erzielt hat, spenden derselben das schönste Lob, sichern den edlen Leitern den Dank der Menschheit!
Direktor der Anstalt ist jetzt der Medicinal-Rath Dr. Nasse, Sohn des um die Seelenheilkunde so hochverdienten, als Professor der Universität Bonn verstorbenen Geheimenraths Nasse.
Garten-Anlagen
Haben wir die Erlaubniss, die Anlagen zu besuchen, welche in den mannigfaltigsten Formen den Bau umgeben, den Berg schmücken, werden wir überrascht von den malerischen Aussichten, die sich auf Stadt und Fluss und das weite Thalgelände den Augen entfalten, besonders von dem Johannisthürmchen aus, das, ein Lug in’s Land, keck auf einen südlichen Felsenvorsprung hingebaut ist, und in dem mich als Knaben zum ersten Male die Wirkung einer Äols-Harfe fesselte — ein unvergesslicher Moment meines Lebens! Hier kann man vergessen, dass die Spaziergänger, die Arbeiter, welche wir in den Gartenanlagen beschäftigt finden, des Lichtes der Vernunft beraubt sind, denn nur zu schmerzlich berührt uns ein solcher schriller Misston in der unendlichen Harmonie, die uns rings umweht und umblüht.
Aussicht vom Kirchthurme
Ehe wir die Anstalt verlassen, müssen wir den Thurm der Abtei-Kirche besteigen. Die Kirche selbst ist ein Werk des siebzehnten Jahrhunderts und wurde 1667 unter dem sechs und dreissigten Abte Johann III. von Bock vollendet. Die fünfschiffige romanische Krypta rührt von der ersten Kirche her; ihr Bau fällt in die letzte Hälfte des elften Jahrhunderts. In der Krypta wurde der Stifter der Kirche, der h. Anno beigesetzt, wie dann in derselben auch die Äbte und Cenventualen der Abtei ihre letzte irdische Heimstätte fanden. Historisch steht fest, dass die Erzbischöfe Köln’s Hermann III., Graf von Nordheim, wie auch Friedrich I., Markgraf von Kaernthen auf dem Siegberge begraben wurden.
Vergebens suchen wir diese Grabstätten, die Zeit hat uns nicht die geringste Spur derselben gelassen.
[Anno’s Grab soll bei der Erhebung seiner Gebeine folgende Grabschrift gehabt haben:
Patribus egregiis ornata Colonia multis,
Ecclesie speculum misit adhunc tumulum,
Emiescit mundo nova Lux Annone secundo
Qui per cuncta suo par erat officio.
Mensibus decis annis octoque vicenis Quarta Decembris eum lux tulit ante Deum.
Sie lautet in der Übersetzung: „Das mit vielen vortrefflichen Vätern gezierte Köln sandte in dieses Grab den Mann, der ein Spiegel der Kirche. Der Welt ist ein neues Licht aufgegangen in Anno dem Zweiten, der in jeder Hinsicht seinem Amte gewachsen. Nach zehn Monaten und zwanzig Jahren brachte ihn das Licht vor Gott.”]
Nach der Angabe des Chronisten der Abtei von Zollner fanden die beiden Erzbischöfe ihr Grab im alten Capitelhause. Von einem derselben soll der Fischerring herrühren, den man beim Wiederaufbau der Abtei um 1772 gefunden und aufbewahrt hat.
Wir haben den Thurm erstiegen und sind hinaus getreten auf seine Gallerie. Unwillkürlich entpresst sich der Brust ein Ausruf des Staunens!
Unter uns die weitläufigen Abteigebäude mit ihren Garten-Anlagen, den Basaltklüftungen, auf denen sie fusst, und die Stadt, welche im mannigfaltigsten Wechsel der Zeit und Dinge sich fast 900 Jahre lang in ihren Vorwerken der Auelgasse und Driesch weit in die Ebene erstreckt. Wohin das Auge schweift, allüberall wird es von den reizendsten Landschaftsbildern entzückt. Nach Norden zieht in stiller Mäjestät der Rhein durch seine lachenden Ufer, und fern am Horizonte thürmt Köln’s Dom, der uns werde das Sinnbild eines mächtigen einigen Deutschlands, seine stolzen Massen. Mit Pfeiles Schnelle braus’t ein Dampfross daher an den Dörfern vorbei, welche die nördliche Ebene beleben, und am Fusse dampft der Schlott der bedeutenden an 400 Arbeiter beschäftigenden Kattun-Druckerei von Rolffs, hinter welcher die Kuppen der Wolsberge mit ihren Steinbrüchen und Anlagen sich erheben.
Wenden wir uns nach Westen, entzückt uns das fruchtbare untere Siegthal mit seinen segenschweren Fluren, aus denen eine Menge freundlicher Dorfschaften auftauchen, durch welche die Sieg gewöhnlich bedächtig dem Rheine zuströmt. Am diesseitigen Ufer des Rheines prangt die bauschöne Kirche von Schwarz-Rheindorf, und jenseits des Stromes dehnt der gar so freundliche Musensitz Bonn seine Häusergruppen, überragt von der bauherrlichen Münsterkirche und den Palästen der Coblenzer Strasse, diesen Denkmälern des Friedens. Das liebliche Vorgebirge schliesst hier den Prospect, der unwillkürlich den Blick nach Süden leitet. Von seiner Höhe winkt mehr südlich das freundliche Kirchlein des Kreuzberges. Entzückt folgt das Auge den Reizen des Vorgebirges bis zur Ruine Godesberg und schweift hinaus nach den Gipfeln der Ahrberge und den luftigen Höhen der Eifel.
Des Rheines Majestät, immer und ewig neu von diesem Punkte in der herrlichsten Fülle seiner Schönheiten, fesselt das hier nie gesättigte Auge, das stets neues Entzücken findet in der gar malerischen Gruppirung des Siebengebirgs, welche dasselbe von dieser Seite bietet, gehoben durch den anmuthigsten Vordergrund.
Im Osten sehen wir die idyllischen Bilder der Agger, und die Sieg durch einen lachenden Garten fliessend, dessen sanfte Höhen mit Reben bekränzt, und welchen im Vordergrunde die freundlichen Dörfer Hennef, Warth und Geistingen, Seligenthal, Schloss Allner und Bödingen beleben. Das Auge folgt dem Flusse, der Landstrasse und dem Fluss und Strasse durchschneidenden Schienenwege durch die blühende Ebene, welche der Unterlauf der Sieg bildet. Staunend ruht es auf den in ihrem Verfalle noch stattlichen Wartthürmen der Veste Blankenberg, die hier die Aussicht schliesst, einst drohend von ihrer Höhe eine mächtige Schutzwehr am Ufer des Flusses, wo derselbe aus seines Thales Enge in die Ebene tritt,
Dies Bild giebt uns einen Vorgeschmack von dem, was uns auf unseren Wanderungen durch das Thal in so mannigfaltigem Wechsel erwartet. Nicht gern verlässt man die Gallerie des Thurmes, denn wohin sich der Blick wendet, immer neue Ansichten erfreuen uns in magischem Zauber des Wechsels der Beleuchtung.
Die Wolsberge
Ehe wir Abschied nehmen von dem gastlichen im Segen das Friedens gedeihlich emporblühenden Siegburg, ladet uns seine nächste Umgebung zu den lohnendsten Spaziergängen ein. Den gewöhnlichsten Ausflug bilden die beiden Wolsberge, die sich eine Viertelstunde von der Stadt aus der thonreichen Ebene in malerischen Formen emporthürmen und, wie der Siegberg, ihr Entstehen den letzten vulkanischen Revolutionen am Niederrhein verdanken.
In der Zeit des Werdens unseres Planeten, von der weder Sage noch Geschichte auch nur dunkele Ahnung hat, durchbrach der glühend flüssige Basalt den Grauwackenschiefer, über welchem das Meer damals noch fluthete, und bildete, umschichtet von, bei der Abkühlung theilweise verschlackten Conglomeratmassen, diese beiden Erhöhungen oder Berge, mit dem Siegberg die letzten vulkanischen Aufwallungen in der Rheinebene. Der nördliche, sich 342 Fuss über dem Meere erhebende heisst in der Volkssprache Grimprichsberg, wird sonst aber auch Riemberg genannt, der südliche Kegel führt jedoch den Namen Wolsberg. Das sich mit seinen Häusern in das von beiden Bergen gebildete muldenförmige Thal zwängende Dorf heisst Wolsdorf und war schon am Ende des 12. Jahrhunderts seiner Weincultur wegen berühmt.
[Das Nähere in Dr. Jak. Noeggerath, die Entstehung und Ausbildung der Erde, S. 116 fllg.: Die drei Berge von Siegburg. — P. F. Huberti, die drei Berge von Siegburg.
Ein geognostischer Spazirgang. Progamm des Progymnasiums zu Siegburg 1860-64. Eine populär gehaltene, sehr verdienstvolle Monographie. — Wer sich speciell für geognostische Verhältnisse interessirt, dem seien die Sektionen Köln und Siegen, und wegen der Angabe der Farben die Sektion Cleve, der geologischen Karte der Rheinprovinz u. Westfalen, bearbeitet von dem wirkl. Geheimen Rathe, Herrn Ober-Berghauptmann von Dechen empfohlen.]
Der Geologe und Mineraloge findet in diesen Bergen, deren Inneres ihm durch die in den letzten Jahren wieder stark betriebenen Steinbrüche immer mehr erschlossen wurde, ein äusserst reichhaltiges Blatt der Urgeschichte unserer Erde, dessen Geheimnisse aber nur den Kundigen lesbar und entzifferbar. Die südliche Seite des eigentlichen Wolsberges trägt eine freundliche Wohnung, ist durch Garten- und Weinbauanlagen verschönert, während die Kuppe, sonst schön bewaldet, uns zu ihren schattenreichen Spaziergängen ladet. Im nördlich gelegenen Riemberge sind auch Steinbrüche eröffnet, doch erheben sich über seine glockenförmige Kuppe, die ebenfalls mit Wald bestanden ist, zwei mächtige, 40 und 50 Fuss hohe nackte Basaltmassen.
Den südöstlichen Fuss des Wolsberges bespült die Sieg, welche hier den Basalt zu Tage gelegt hat.
Gar wunderbare Formationen, so das kolossale Ei von Basalt in einem Conglomerat-Pfeiler der Ostseite des Wolsberges, die manchfaltigen Steinbildungen in den Brüchen geben der Phantasie das reichste Feld, und daher darf es uns gar nicht wundern, dass der Volksglaube die Klüftungen dieser Berge mit den niederrheinischen Quergen oder Heinzelmännchen, gutgearteten Kobolden belebte, von deren Wohlthaten die Volkssage gar mancherlei zu berichten weiss; die aber leider! menschlicher Vorwitz verbannte, und mit ihnen die gute alte Zeit.
Die Aussichten von der Höhe dieser Berge, zu welcher bequeme Wege durch frischduftenden Wald führen, sind dieselben, wie ich sie oben geschildert habe, nur dass der Standpunkt verschieden und daher auch die malerische Wirkung der einzelnen Landschaftsbilder. Auch der nicht der Geologie und Mineralogie Kundige wird die Mühe des Besteigens dieser beiden Berge reichlichst belohnt finden. Einer der Basaltpfeiler des Riemberges ist mit einer bequeımen Treppe und Geländer versehen und bietet eine wunderherrliche Rundsicht.
Geognostisches
Die geognostischen Verhältnisse des untern Siegthales von Siegburg bis zum Ausflusse der Sieg zeigen an seinen flachen Gehängen Gerölle, Sand, Lehm und Lörs, nur an einzelnen Punkten tritt die darunter liegende, der Grauwacke aufgelagerte Braunkohlenformation hervor. Das Braunkohlen-Gebirge erstreckt sich von Bergisch-Gladbach aus an dem Fusse des nach der Rheinebene flach abfallenden Gehänges bis in die Gegend von Siegburg, wird aber hier auch meistens von jüngern Sand- und Geröll-Massen überdeckt. Bei Spich wird die Braunkohle seit vielen Jahren zur Alaun-Bereitung verwendet. Wegen der Billigkeit der Steinkohlen, kann die Braunkohle mit denselben nicht als Brennmaterial konkurriren.
Von nutzbaren Mineralien finden wir Ablagerungen von Thonschieferstein, der in der ganzen Ausdehnung der hiesigen Braunkohle als deren Begleiter in Betten auftritt, namentlich in ungewöhnlicher Mächtigkeit zwischen dem untersten Theile der Sieg und des Rheines, in den Hochebenen zwischen dem Rheine und dem Pleisthal, und sich bis nach dem Honnefthale erstreckt. Die auf der ersten Hochebene vorkommende Braunkohle wird zur Alaunfabrikation verwandt, die in den letzten Strichen gewonnene Blätterkohle dient zur Bereitung des Mineralöls auf der Augusten-Hütte bei Beuel.
Ablagerungen der Braunkohlenformation begegnen wir nicht allein auf den Höhen, sondern auch an den nördlich abfallenden Gehängen bis in die Ebene. Die hier auftretende Braunkohlenformation besteht in ihrem unteren Theile aus mehr oder minder festem Braunkohlen-Sandstein, worauf mächtige Ablagerungen von Thon- und Braunkohlen-Lagern, so wie Sandschichten folgen. Sowohl unter wie über den Braunkohlen-Lagern treten werthvolle Ablagerungen von Thoneisenstein in Form grosser kugeliger Massen oder Nieren auf. Ausser diesem Vorkommen von Eisenstein, müssen noch die reichhaltigen Thoneisensteinlager erwähnt werden, die bei Dambruch in trachytischen Letten, von Basalttuff begleitet, auftreten. Feste Basaltmassen durchbrechen auf der linken Thalseite der Sieg an den verschiedenen Punkten das Gebirge von Limperich und Pützchen bis in die Gegend von Rott und Geistingen. Ein Besuch der Braunkohlengrube „Bleibtreu” auf der Hardt bei Pützchen und Romerike-Berge bei Rott, wo Blätterkohle gewonnen wird, so wie der Eisenstein-Grube „Gottessegen” bei Dambroich, „Engelberts-Glück” und „Gustav Adolph” bei Niederpleiss und Birlinghoven geben hier mehr Aufklärung und Belehrung, als noch so spezielle Beschreibungen. In der alten Grube „Satisfaction” bei Uttweiler im Pleissthale, die aber ausser Betrieb, finden wir, als ein sehr seltenes Vorkommen am Mittelrhein die Glanzkohle.
An verschiedenen Punkten liefert die Braunkohlenformation zu industriellen Zwecken, besonders im Pleissthale, vortrefflichen Thon, welcher zur Darstellung von feuerfesten Ziegeln und Drainirröhren gegraben wird.
Botanisches
Dem Pflanzenkundigen bietet die Umgebung Siegburg’s reiche Ausbeute, wie das ganze Siegthal und seine Nebenthäler. Es sollen im Laufe der Schilderungen die Hauptspecies der verschiedenen Pflanzenfamilien, die wir im Siegthale finden, nach ihren Standörtern angeführt werden. Um Siegburg herum blühen am Abteiberge die Sommerwurz (Orobanche-Hederae), das Conium maculatum, gefleckter Schirling, an der Sieg die Orobanche amethystia, im April und Mai das Waldwindröschen (Anemone sylvestris), der grosse Bocksbart (Tragopogon major), das gelbe Habichtskraut (Hieracium pollescens), im Juli und August die Campanula cervicaria und die schönblühende Andromeda(Andromeda polifolia),das goldgelbe Bitterblatt (Cieendia filiformis), der braune Schnabelsamen (Rhynchospora fusca), verschiedene Verbascum-Arten (V. floscosum, nigrum) und Münzarten; der Siebenstern (Trientalis europaea), die Hottonie (Hottonia palustris), das Wollkraut (Blattaria). An sumpfigen Stellen und an der Sieg erfreuen uns mehrere Myosotis- und Kresse-Arten, (Nasturtium palustre, sylvestre), die steife Segge (Carex stricta) und die fadenförmige (Carex filiformis), der Wasserhelm (Utricularia minor), der Strandling (Littorella 1acustris), der Schwimmfroschlöffel (Malaxis Sw. paludosa), die Sumpfschmiele (Aira uliginosa), das scheidige Wollgras (Euriophorum vaginatum), der Sumpf-Punctfarre (Polystichum Thelyptris). An Waldstellen blüht das Geranium phaeum, lucidum, der Tannen-Bärlapp (Lycopodium Selago, Lybanotis montana) und die deutsche Straussenfarrn (Struthiopteris germanica), der purpurrothe Fingerhut (Digitalis purpurea).
[Das Nähere findet der botanisirende Siegfahrer in Döll’s „Rheinischer Flora” und in Dr. Wirtgen „Flora der preussischen Rheinprovinz,” welche in diesem Gebiete ganz zuverlässige Führer sind. Dann in einer botanischen Exkursion von Rector Huberti im Schulprogramm des Siegburger Progymnasiums 1859—60.]