Von Siegburg nach Eitorf
Geognostisches. – Rittersitz zur Mühle. – Legende. – Weinbau. – Seligenthal. – Schöne Aussichten. – Geistingen. – Hennef. – Schloß Allner. – Der Schloßwald. – Geschichte. – Meroderer-Brüder. – Fürst Franz Ludwig von Hatzfeld. – Broelthal. – Ausflug in’s Broelthal. – Geognostisches. – Kloster Bödingen. – Legende. – Der Silberling. – Rittersitz Attenbach. – Freiherr Theodor von Hallberg.
Ehe wir unseren Wanderstab weiter setzen, wollen wir versuchen, uns ein möglich klares Bild von den geognostischen Verhältnissen des mittleren und oberen Siegthales zu verschaffen.
Geognostisches
Von Siegburg aufwärts begegnen wir auf dem rechten Ufer der Sieg bis oberhalb Allner oder oberhalb der Mündung des Broelthales der mittleren Abtheilung der devonischen Grauwacke, dem sogenannten Lemmschiefer, auf der linken Seite der unteren Abtheilung der devonischen Grauwacke. Zwischen der Muschmühle und Lauthausen gegenüber von Wildergoven bei Warth treffen wir auf dem rechten Ufer die devonische Grauwacke. Von hier aus zieht sich die Grenzlinie zwischen ihr und der mittleren devonischen Grauwacke über die Höhe zwischen dem Sieg- und dem Broelthale ungefähr 1 1/2 Meile südöstlich an Ruppichteroth, Waldbroel und Olpe vorbei, sich immer weiter aus dem Gebiete des Siegthales entfernend.
Das Siegthal selbst durchschneidet von dem bezeichneten Grenzpunkte aus bis zu seiner Quelle unausgesetzt die ältere rheinische Grauwacke, nur an einzelnen Punkten, so in der Nähe von Blankenberg, Eitorf und Dattenfeld sind Gerölle und Sandmassen auf der Grauwacke abgelagert.
Die durchschnittliche Richtung des Thales geht von Westen nach Osten, bald quer durch Felsschichten, bald sich mehr oder weniger der Richtung der Gebirgsschichten anschliessend, wodurch eine Menge scharfer Thalbiegungen mit vorspringenden Felsrücken und mitunter scharfen Felsrippen gebildet wird, welche zum grossen Theile durch Einschnitte und Tunnel der Eisenbahn durchschnitten sind. In geognostischer Beziehung zeigt das Siegthal daher wenig Mannigfaltigkeit, da die untere Abtheilung der devonischen Grauwacke (Schiefer von Coblenz, Spiriferen-Sandstein, ältere rheinische Grauwacke) aus einem fortgesetzten Wechsel von Thonschiefer und Grauwackenschichten, bald von geringerer, bald von grösserer Mächtigkeit besteht.
Die allgemeine Streichungslinie der Gebirgsschichten geht von Nordosten nach Südosten. Das normale Einfallen ist, den aufwärts folgenden jüngeren Gebirgsschichten entsprechend, nach Nordwesten gerichtet. In Folge vielfacher Sattel- und Muldenbildungen findet man aber fast ebenso häufig ein südöstliches Einfallen der Gebirgsschichten. Die häufige Sattel- und Muldenbildungen in Verbindung mit dem ebenso vielfachen Vorkommen von Klüftungen, welche die Gebirgsschichten in verschiedenen Richtungen durchschneiden, zeigen dem Wanderer im Siegthale viele höchst interessante Profile des Gebirges, welche namentlich durch den Bau der Chaussee und der Eisenbahn aufgeschlossen wurden, und an manchen Punkten der Ausführung dieser Bauten vielfache Schwierigkeiten entgegenstellten. In dem oberen Theile des Siegthales erhält die Einförmigkeit des Grauwacken-Gebirgs eine nicht erhebliche Abwechselung durch das Auftreten von Dachschieferlagern, in der Umgegend von Siegen Gegenstand der Gewinnung, sowie durch das Vorkommen einzelner Kalkpartieen, die jedoch in so schwachen Bänken auftreten, dass ihre Gewinnung nicht lohnend sein kann.
Rittersitz zur Mühle
Wir folgen bald der Landstrasse, bald dem Schlangenlaufe der Sieg, vertiefen uns bald in ihre Nebenthälchen, lassen uns die Mühe nicht verdriessen, einzelne der Höhen zu ersteigen, und werden unsere Streifereien stets reichlichst belohnt finden, denn unerschöpflich ist die Natur in ihren Schönheiten, und nicht minder reich das Thal an historischen Erinnerungen, welche in den Hünengräbern oder Hünenbetten, den riesenhaften Grabhügeln, die wir in der Thalebene der untern Sieg antreffen, hinauf bis zur grauesten germanischen Vorzeit reichen. Diese Heldengräber mahnen an die alten tapferen Sigambrer, deren Sitze die Gauen der Sieg gewesen sein sollen. Schlagen wir von Siegburg aus den Weg der Landstrasse ein, die bei Buisdorf über eine neue Brücke führt, neben welcher jetzt die Eisenbahn den Fluss ebenfalls überbrückt hat, oder folgen wir dem einladenden Wege der Thalschlucht zwischen den Wolsbergen, welcher uns bei seinem Ausgange durch ein reizendes landschaftliches Bild überrascht, umrahmt von den waldigen Höhen des rechten Siegufers, in welchem das freundliche Geistingen und die Ruine Blankenberg die Hauptpunkte, so fällt uns zunächst das Rittergut Zur Mühle in die Augen.
Der Rittersitz trägt seinen Namen von einer durch einen Arm der Sieg getriebenen Mühle, die Herzog Wilhelm II. von Berg (1360 – 1408) im Jahre 1369 zu Gunsten eines Ritters Johann von Attenbach zur Bannmühle für viele umliegende Dorfschaften und Höfe erhob. Die Besitzer des Gutes wechselten im Laufe der Jahrhunderte durch Erbschaft und Verkauf. Es fiel durch Erbschaft am Ende des achtzehnten Jahrhunderts 1791 in den Besitz der kölnischen Familie von Mering. Der vorletzte Eigenthümer von Klitzing gab dem Gute einen modernen Anstrich und verschönerte dasselbe mit manchfachen Anlagen. Durch Kauf ist dieser Rittersitz jetzt Eigenthum des Fürsten von Salm geworden.
Legende
Nicht weit von diesem Gute finden wir rechts am Wege ein Heiligenhäuschen, wo früher eine Kapelle stand zur Erinnerung an eine mit der Abtei Siegburg in Verbindung stehende Legende. Die Legende erzählt:
„Ein Knäblein, Johannes genannt, besuchte von seinem Geburtsorte Troisdorf aus die Schule im Minoriten-Kloster zu Seligenthal. Auf seinem Heimwege lauerten Juden eines Tages dem Knäblein auf und ermordeten dasselbe, um, wie der krasse Aberglaube und Volkshass meinte, Christenblut zur Passahfeier zu erhalten. Die Leiche verscharrten sie in der Nähe des Hauses Zur Mühle an der Stelle, wo früher zur Erinnerung an die Begebenheit die Kapelle stand und jetzt das Heiligenhäuschen steht. Schweine wühlten den Körper aus der Erde, und die von dem Funde benachrichtigten Eltern schickten sich an, die Leiche mit einem Karren abholen zu lassen. Als sie nach Siegburg gekommen, blieb das Pferd plötzlich in der, aus diesen Grunde noch „Kindsgasse” genannten Strasse stehen und wollte nicht weiter. Als die Begleiter der Leiche nun inbrünstig zu Gott beteten, ihnen dies Geheimniss aufzuklären, wie gross war da ihr Staunen, als sie sahen, dass das Kind ein Händchen aus der Bahre streckte und nach der Abtei hindeutete. Sofort brachte man das Geschehene dem Abte zur Anzeige. In feierlicher Prozessioa der Conventualen liess er den Sarg abholen, und sieh, sogleich wandte das Pferd um und trabte munter den Abteiberg hinan. In der Krypta der Kirche neben dem Grabe des heil. Anno wurde die Leiche des Kindes beigesetzt. Das Händchen, mit dem der Knabe nach der Abtei gedeutet, wurde abgelöst und in einem Reliquiarium aufbewahrt. Um ein Andenken ihres Lieblings zu besitzen, liess sich die Mutter des Knaben verleiten, der Hand einen Finger abzuschneiden. Unmöglich war es ihr aber, die Kirche zu verlassen, nur einen Fuss zu regen, bis sie ihre That eingestanden und die Reliquie zurückerstattet hatte.”
Weinbau
Unser Weg führt uns noch immer auf dem rechten Ufer der Sieg entgegen. Weinberganlagen erfreuen uns in ihrem frischen Laube an den Höhen des rechten Ufers, denn es wird bis hinauf nach Bödingen und Blankenberg rother und weisser Wein gezogen, so besonders zwischen dem Dorfe Weingartsgasse und Happerschoss und im Seligenthal auf dem Mühlberge, welcher die Blume des Siegweines liefern soll. In guten Jahrgängen ein angenehm mundender, feuriger Wein, den Mancher nicht an der Sieg sucht und im Handel unter der Himmel weiss welchen Namen findet.
In den Buchenwaldungen der Berggehänge duftet auch im Frühlinge der würzige Waldmeister (Asperula odorata), die Hauptessenz des rheinischen Würzweines. Was dem Weine fehlt, ersetzt die Frühlingswürze, kann in der schönen Natur zur heitersten Fröhlichkeit stimmen.
Seligenthal
Über Kaldauen gelangen wir in das friedliche Dorf Seligenthal und folgen, an dem rebengeschmückten Mühlenberge vorbei, dem Wehrbache dorfaufwärts, um in wenigen Minuten das waldumkränzte Kesselthal zu erreichen, in dessen heiligen Frieden uns die Überreste des ehemaligen Minoriten – Klosters „Seligenthal” überraschen.
Ein seliges Gefühl des alle Erdenwünsche stillenden Seelenfriedens muss sich jedes Naturfreundes an dieser heiligen Stätte der Ruhe bemächtigen. Hier in dieser freundlichen Waldeinsamkeit, welche nur der Amselschlag, das Picken des Waldspechtes und das Rieseln des Wehrbaches, oder des Johannes-Brünnchen, das Surren der Käfer, der Blätter Gesäusel unterbricht, kann sich der Mensch einmal rein als Mensch fühlen. Hier kann man sich wirklich selig träumen! Der Weg nach Seligenthal wird Niemand reuen.
An der Berghalde hinter dem Kloster sprudelt aus einer alten Mauernische, welche die Künstlerin Natur auf’s Herrlichste und Malerischste staffirt hat, das Johannis-Börnlein, einst, wie das Kloster, ein vielbesuchter Wallfahrtsort, denn der kindliche Glauben schrieb dem eisig kalten Wasser Heilkräfte zu.
Vielleicht schon ein Heilborn in den Zeiten der alten Sigambrer, zu welchem sie ihre Waldfahrten hielten.
Über das Schicksal dieses Friedenssitzes der Entsagung ist uns keine nähere Kunde geworden.
Da Bettelmönche das Kloster bewohnten, kann sein Alter nicht über den Anfang des 13. Jahrhunderts hinaufreichen, indem die Gründung des Bettler-Ordens erst in diese Zeit fällt. Die Kirche des Klosters, eine Grabstätte des früher umwohnenden Adels, ist den Verhältnissen ganz angemessen wiederhergestellt und wird regelmässig zum Gottesdienste benutzt. Ein Flügel des erhaltenen Klostergebäudes dient als Pfarrwohnung und Schule. Zu der äusserst romantischen Umgebung passt die gegenüberliegende alte Rochuskapelle, auch noch von vielen Fremden besucht.
Schöne Aussichten
Nicht gern scheidet man aus dieser, zur Andacht stimmenden Thal- und Waldeinsamkeit, aber wir haben noch einen guten Weg vor uns. Auf der Höhe über dem Dorfe Happerschoss, das in früheren Zeiten eine Freibank besessen, deren Schöffen das Siegel von Blankenberg borgten, hat man eine herrliche Fernsicht auf Siegburg, das idyllische Aggerthal, das untere Siegthal, Hennef, Bonn und seine Umgebung, den Rhein bis Zündorf, und im Nebel der Ferne Köln mit seinem Dome und seinen Kirchen.
Auf der Höhe bleibend, gelangt man auf einem reizenden Waldwege zu dem schönen an der Berghalde angelegten Parke des Schlosses Allner, das mit dem Dorfe gleichen Namens in einer Windung der Sieg sich am Ufer des Flusses hindehnt.
Hennef
Das auf dem linken Ufer gelegene, im Segen seiner Gärten und Fluren versteckte, gar freundlich einladende Hennef, eine Eisenbahn-Station, das alte Hanepha oder Hannapha, dessen Kirche Erzbischof Anno II. 1064 der von ihm gegründeten Abtei auf dem Siegberge schenkte, verdient auch einen Besuch. Einladend ist ebenfalls der Weg nach dem an der Berghalde sich lehnenden gar freundlichen Geistingen, dessen halbe Kirche auch zu den angeführten Schenkungen gehörte.
Über dem Orte geniesst man die schon angedeuteten Aussichten nur in anderer malerischer Verschiebung. Man beherrscht eine Strecke der Deutz-Giessener Bahn, und ein scharfes Auge unterscheidet, dem waldigen Gebirgssaume folgend, in der Ferne Schloss Bensberg. Nicht minder lohnend sind die Fernsichten auf dem nahebei gelegenen Steimelsberge.
In der schönen Jahreszeit begegnen dem Wanderer zuweilen auf diesem Wege Gruppen von Männern, die entweder in lebendiger Unterhaltung, oder mit stummem Ernste neben einander daherschreiten. Es sind Pfleglinge der Irren-Heilanstalt, welche, unter sorgsamer Obhut, Ausflüge nach Hennef oder Geistingen machen, um dort bei einer Schale Kaffe ein Paar Stunden im Freien zuzubringen.
Schloß Allner
Der Schloßwald
Eine Brücke führt uns bei Warth, wo Landstrasse und Schienenweg hart am Flusse vorbeilaufen, wieder auf das rechte Ufer nach dem Schlosse Allner, welches sich malerisch an eine reich bewaldete Berghalde, den so genannten Schlosswald lehnt.
Geschichte
Das in verschiedenen Perioden gebaute Schloss wurde am Ende des 16. Jahrhunderts durch den Amtmann von Blankenberg, den Freiherrn Bertram Scheiffart von Merode angelegt und zwar in Kreuzform. Spätere unregelmässige Vergrösserungsbauten, Anlagen von neuen Thürmen gaben dem Schlosse seinen malerischen Karakter, der in seiner östlichen Ansicht besonders überrascht.
Durch Heirath kam das Schloss an die Familie der Freiherren von Spies-Büllesheim, nachdem die Familie der Scheiffart von Merode ausgestorben war.
Meroderer-Brüder
Wir können die von Merode urkundlich bis in’s dreizehnte Jahrhundert verfolgen, denn ein Herr Werner von Merode war als Ministerial des Herzogs Wilhelm von Jülich unter den Zeugen, als dieser 1263 am 7. Mai Bürger von Köln ward und sich verpflichtete, sich der Stadt in ihren Fehden mit 9 Rittern und 15 Knappen zu stellen, wogegen Köln ihm den Zuzug von 25 Mannen aus den Geschlechtern verspricht, „mit vunfinzwenzich mannin gewapint van geslechten in Kolne mit overdeckdin orsin (Rossen) na ieren eren up unse kost” heisst es in der Urkunde. Die Stadt musste den 9 Rittern und 15 Knappen, die sich aber auch „mit den wappinen up overdeekdin orsin” zu stellen hatten, für jeden Tag und Nacht fünf Mark kölnischer Pfennige als Kostgeld vergüten — „also dat si uns mit den vurgenumedin ludin gevin sulin ze unsir kost over dach inde over naht vunf marc kolschin penninge.”
Dieser Werner von Merode, urkundlich nach dem Stammschlosse auch de Rode genannt, war ebenfalls Bürger von Köln, wie denn auch 1308 seine Söhne und Enkel Johannes de Rode und Johannes genannt Scheyvart de Rode gegen ein Manngeld von 10 Mark. In den Urkunden des 14. Jahrhunderts wird diese mächtige Familie des Jülicher Landes, deren Stammschloss bei Düren liegt, bald Scheyvart van Meroide oder Merode genannt, bald Scheivart vamme Royde oder Meroyde als Herren zu Hemersberg, Bornheim u. s. w.
Im dreissigjährigen Kriege war ein von Merode Anführer eines Österreichischen Freikorps, welches sich unter dem Namen „Meroderenbrüder” im Laufe des Kriegs einen so übel berüchtigtem Namen machte, dass die Franzosen ihr „maraudeur” und „marauder” von diesem Worte herleiteten. Dieser von Merode fiel in Köln im Zweikampfe mit Johann von Werth, dem er bei einem Banket auf dem Stadthause seine niedrige Herkunft vorgeworfen hatte. An Ort und Stelle wurde der Kampf ausgefochten.
Ein Zweig der Familie lebt noch in Belgien und, wie bekannt, ist ein von Merode jetzt päpstlicher Minister.
Fürst Franz Ludwig von Hatzfeld
Nach einem langwierigen, über ein halbes Jahrhundert dauernden Prozesse, den die Familie Spies-Büllesheim mit dem Grafen von Hatzfeld (Haitzfeld) um die freiadliche Herrschaft Merten führte, entschied das Reichskammergericht zu Wetzlar endlich zu Gunsten des Grafen Clemens August von Hatzfeld. Die von Spies mussten die Herrschaft Merten abtreten und, um die zu einer ungeheuern Summe herangewachsenen Prozesskosten zu decken, sah sich die Familie genöthigt, Schloss Allner mit seinen Dependenzien an den Grafen von Hatzfeld zu verkaufen. Nach dem Tode des Grafen Clemens August von Hatzfeld 1790, fielen dessen Besitzungen an der Sieg seinem Bruder Franz Ludwig von Hatzfeld zu, den unser König Friedrich Wilhelm III. 1803 in den Fürstenstand erhob, die fürstliche Linie Hatzfeld-Wildenburg-Werther. Fürst Franz Ludwig von Hatzfeld, geb. 1756, war es, den Napoleon 1806 am 28. Oct. in Berlin verhaften liess, weil ein Brief von ihm aufgefangen, welchen er an den Major vom Generalstabe von Knesebeck geschrieben mit einigen Andeutungen über das französische Heer, aber noch sieben Stunden vor dem Einmarsche der französischen Avantgarde. Der Brief enthielt nichts Straffälliges, konnte aber in der Hand Napoleons zu einer den Tod fordernden Anklage werden. Des Fürsten Gemahlin, eine Gräfin von Schulenburg-Kehnert eilt zu Napoleon, um Gnade für ihren Gemahl zu erflehen. Der Kaiser übergiebt ihr den Brief, den einzigen Beweis der angeblichen Schuld ihres Gemahls und somit die Freiheit desselben. Im Jahre 1807 nahm Fürst Franz Ludwig seinen Abschied als Generallieutenant und starb 1827 am 3. Febr. als preussischer Gesandter in Wien.
Im Besitze des Fürsten von Hatzfeld, dessen Andenken die ganze Gegend ehrt, war Schloss Allner jedes Jahr während einiger Monate der Sitz einer wahrhaft fürstlichen Hofhaltung. Der Schwiegersohn des Fürsten, der Freiherr Clemens von Loé, erhielt, nach des Fürsten Tod, 1827 Schloss Allner, dessen Besitzungen er durch Ankäufe bedeutend erweiterte. Freiherr von Loé vertrat mit männlicher Festigkeit, ganz liberal auf dem Provinzial-Landtage den Katholizismus und die Rechte seines Standes. Er starb 1850, geistverwirrt, in der vollen Kraft des Lebens.
Schloss Allner ist jetzt gewöhnlich unbewohnt, seine Gärten und Parkanlagen sind aber dem Besucher geöffnet. Der Park, mit den Eichen- und Buchenwaldungen des Schlosswaldes zusammenhängend, ladet in das Dunkel seiner Schatten und hat in den, an seinem Ost- und Westende erbauten Pavillons malerisch reizende Aussichten.
Broelthal
Von dem östlichen Punkte beherrscht das Auge das ganze Broelthal, Bödingen mit seinem Kloster, Winterscheid, und als Hintergrund des Bildes die Ruinen von Blankenberg, während das Thal selbst von den Dörfern Lauthausen, Waltershoven, und Muschmühle belebt ist. Aus dem tiefgesenkten Broelthal stürzt der Broelbach in die Sieg, braust jetzt die Locomotive, denn man hat auf der durch das Thal neugebauten Chaussee an Ruppichteroth, dem alten Ruprechterode vorbei bis Waldbroel, vom ersten Orte einen Schienenweg angelegt zum Transport der hier gewonnenen Eisenerze und Kalksteine nach der Warth.
Der am Westende des Parks gelegene Pavillon eröffnet uns eine äusserst malerische Aussicht auf das Siebengebirge, dessen Gruppirung, überragt von den Höhen der Berge der Eifel, im reizenden Wechsel der Beleuchtung Jeden fesselt, entzückt. Bonn, Poppelsdorf mit seinem Baumgange, überragt von dem Kreuzberge, bilden ein Mittelbild, das mehr nordwestlich durch das Aufblitzen des Rheines und der Sieg einen neuen Reiz empfängt, und dessen überreicher Vordergrund in der Abtei Siegburg, den Wolsbergen, den an der nördlichen Abdachung des Siebengebirgs gelegenen Ortschaften und im ersten Plan aus den in ihrem Segen sich bergenden Dörfern Geistingen, Hennef, Warth und dem zu unsern Füssen liegenden Schlosse Allner besteht. Es ist dies ein Punkt, an den sich Jeder gefesselt fühlen muss, und welcher bei jeder Zeit des Tages dem Auge neu, überreich an malerischen Effecten.
Das Grauwackengebirge ist sehr reich an Erzen, welche hier fast allenthalben auf Gängen auftreten, wie dies schon auf beiden Seiten des untern Siegthals zwischen den Stationen Hennef und Au der Fall ist. Die Gänge durchschneiden das Grauwackengebirge und führen, in Begleitung von Quarz, Blei, Zink und Kupfererze, die aber im Allgemeinen wenig untersucht sind. Im Lemmschiefer unterhalb Allner befindet sich die Blei- und Zinkgrube „Ziethen”, so bei Merten die Grube „Clara” und die Gruben „Harmonie”, „Hatzfeld’” und „Silberseifen’ bei Eitorf.
Ausflug in’s Broelthal
Ein Ausflug in das Broelthal selbst, ist äusserst lohnend durch den Unterschied des Karakters der Umgebung, im Vergleich zum frischgrünen Siegthale, welche uns durch äusserst malerische Punkte überrascht. Über das Dorf Winterscheid hinaus liegt an der Landstrasse der alte Rittersitz Herrenstein, jetzt Eigenthum des Grafen Droste-Vischering von Nesselrode-Reichenstein, und die Kapelle zu Schöneberg, die Ruhestätte der alten Geschlechter der Umgegend, wie dies ihre Sterbeschilder und Grabsteine bekunden.
Geognostisches
Der Geognost findet in dem malerisch schönen Broelthale manche sehr interessante Erscheinungen.
Er hat hier Gelegenheit, die mittlere Abtheilung der devonischen Grauwacke, den sogenannten Lemmschiefer zu beobachten. Besteht auch der grössere Theil der Gebirgsmasse eben so, wie bei den untern Abtheilungen aus Grauwacke und Thonschiefer, so treten doch auch hier, besonders bei Schöneberg und Ruppichteroth, mächtige Kalklager auf, welche nicht allein ihrer geognostischen Verhältnisse wegen, sondern auch wegen ihrer Gewinnung zu landwirthschaftlichen und hüttenmännischen Zwecken von Interesse sind. Neben den Kalkschichten treten mächtige Ablagerungen von Thoneisenstein auf, über dessen Gewinnung uns die Gruben bei Ruppichteroth, namentlich die Grube „Sperber” Aufschluss geben.
Lohnend ist ihr Besuch, wie auch der der Bleierzgrube „Aachen” in der Nähe von Schöneberg.
Kloster Bödingen
Aus dem untern Broelthale führt uns eine Brücke über den Bach und dann der Weg durch das Dorf Muschmühle bergan nach dem auf waldigem Felsenvorsprunge liegenden Kloster Bödingen, wo vom Jahre 1424 bis zur Aufhebung der Klöster Augustiner dem Herrn dienten, und welches jetzt zur Wohnung des Pfarrers und Bürgermeisters umgeschaffen ist. Die restaurirte Klosterkirche birgt eine Menge von Grabsteinen und Sterbeschildern der meist in der Umgegend angesessenen adlichen Familien. Hier mag der Heraldiker seine Wissenschaft üben.
Legende
Des Klosters Gründung berichtet die Legende:
„Im Walde, an der Stelle, wo jetzt Altenbödingen liegt, findet ein Bauer, Christian von Lauthausen, beim Holzfällen ein Muttergottesbild. Der fromme Mann fasst den Entschluss, an dem durch den Fund geheiligten Orte eine Kapelle zu bauen, Rasch giebt er sich ans Werk, findet aber jeden Morgen die Frucht seines Fleisses zerstört. Was er am Tage gefördert, ist am folgenden Morgen wieder niedergerissen. In der Noth seines Herzens entschliesst er sich, seinen geheiligten Fund, das Muttergottesbild, auf einen Esel zu laden, dem er seinen freien Lauf lässt, und welcher plötzlich in dem Walde an einer Stelle stille steht, wo der Fromme nun ohne weitere Anfechtung seine Kapelle baut, die Herzog Adolph IX. von Berg später in ein Kloster verwandelt.
Das Kloster war eine viel besuchte Wallfahrtsstätte, wo gewiss manches fromme Gemüth in seiner Andacht Trost und Friede fand.”
Ähnliches erzählt die Legende über die Gründung des Klosters zu Heisterbach.
[Vergl. meine Geschichte des Siebengebirges 2. Auflage Seite 160 fflg.]
Der Silberling
Ein Besuch der Höhe des Silberling, ein schöner Weinberg, Eigenthum des Herrn Bürgermeisters Eich, wo in guten Jahren gar trefflicher Bleichart erzielt wird, lohnt die Mühe des Steigens, denn fesselnd sind von dem hier angelegten Sommerhause die Fernsichten nach Nord, West und Süd und siegaufwärts über den Schmelz der Wiesen ein reizendes Landschaftsbild. Tief im Thale, das hier anfängt sich zu verengen, liegt der Rittersitz Attenbach, schlängelt sich die in die Felsen gesprengte Landstrasse auf dem linken Siegufer, und läuft der Schienenweg zweimal über eine Krümmung des Flusses, wo die stattliche thurmreiche Ruine der Veste Blankenberg den Prospect schliesst.
Rittersitz Attenbach
Abwärts führt der Weg nach Oberauel an einer Kapelle vorbei zu einer Fähre, die uns auf das linke Ufer bringt, wo das Haus Attenbach, dem Verfalle entgegen trauernd, in seiner idyllischen blühen den Einsamkeit liegt, mit seiner Umgebung eines der schönsten Landschaftsbilder der untern Sieg.
Nach dem Burghause Attenbach war früher eine edle bergische Familie benannt, denn in der Urkunde, welche am 24. October 1397 die Ritterschaft von Berge „wir gemeyne ritter in knechte imme lande van dem Berge” zur Bestätigung der Erbtheilung des Herzogs Wilhelm von Berg und Söhnen Gerhard, Adolph und Wilhelm vollzog, kommt unter den Rittern ein Johann von Attenbach vor. Attenbach wurde ein Besitzthum der Familie von Wiederstein, von der dasselbe an Arnold von Vunfzahl kam, welcher die letzte Erbtochter der Wiedersteinschen Familie Rina von Wiederstein ehelichte. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter Maria von Vunfzahl († 1566), die sich mit Wilhelm von Gevertshagen († 1555) vermählte. So kam die Burg an diese Familie, deren Eigenthum sie fünf Generationen hindurch blieb.
Maria von Vunfzahl, verehelichte von Gevertshagen, scheint die Burg in ihrer jetzigen Gestalt restaurirt zu haben, denn über dem Burgthor gewahren wir noch die Wappen der Familien Vunfzahl und Gevertshagen mit einer schwer zu entziffernden Inschrift. Im Jahre 1733 erlosch mit dem Absterben Joh. Wilh. von Gevertshagen der Mannsstamm dieses Geschlechtes zu Attenbach. Seine Schwester Anna Mathilde, Erbin von Attenbach, hatte sich 1699 mit Salentin Bertolf von Belven zu Venau und Elsfeld vermählt, so dass die Besitzung an die Familie von Belven kam. Der Sohn Salentin’s hatte zwei Söhne, Franz Max und Bertram Joseph, welcher Letztere 1764 starb und vier Töchter hinterliess, von denen die jüngste Eva Franziska († 1797) nach dem Tode ihrer Schwestern, Erbin der Besitzung Attenbach. Sie brachte den Burgsitz an Franz Caspar von Franken-Siersdorff, mit dem sie seit 1768 vermählt war. Der aus dieser Ehe stammende Sohn Franz Caspar verkaufte im Jahre 1810 den Burgsitz Attenbach an den Freiherrn Theodor von Hallberg-Broich.
Freiherr Theodor von Hallberg
Der Freiherr von Hallberg machte sich 1814 einen Namen als Feldobrist des bergischen Landsturms. Noch seh’ ich ihn in der Erinnerung in phantastischer Kleidung durch die Strassen Kölns reiten, gefolgt von seinem Adjutanten, seiner Frau zu Pferde in Kosaken-Uniform. Es waren die mannichfaltigsten Anekdoten über den excentrischen Sonderling im Umlauf, wie er einst auf Haus Wissen seine Gattin gezwungen, aus dem Fenster in den Schlossweiher zu springen, als Probe ihrer Liebe zu ihm, wie er die gesammte Bürgerschaft Siegburgs zu Gevatter gebeten und seiner Gemahlin ein gar strenger, launischer Herr, der noch mittelalterliches Hausherrenrecht übte. Zuletzt, nachdem er 1817 unsere Provinz verlassen hatte, tauchte er unter dem Namen des Eremiten von Gauting wieder auf, machte Reisen nach dem Orient, versuchte sich als Schriftsteller in den tollsten Absonderlichkeiten, und war der Strassenjugend Kölns ein herzergötzendes Schauspiel, wenn er mit seinem auf den Gürtel reichenden schneeweissen Barte, im abenteuerlichsten Costüme, Hals und Brust mit Orden geschmückt, in den Strassen paradirte. Oft nahm er hier sein Absteigequartier im kaiserlichen Hofe. Eine gelungenere Roman-Figur kann nicht erfunden werden.
Er verkaufte 1817 den Burgsitz Attenbach an Mathias Heister zu Menden, dessen Erben, die Geschwister Heister zu Uckerath und der Gutsbesitzer Crumbach zu Oberpleis noch jetzt im Besitze des Burghauses und seiner äusserst fruchtbaren Ländereien sind.
Der Freiherr Theodor von Hallberg starb erblindet am 17. April 1862. Er hat auch seinen Biographen gefunden in dem Prof. Dr. Johannes Gistel.
[Leben des preuss. Generals Freiherrn von Hallberg-Broich, genannt Eremit von Gauting. Skizzirt durch Prof. Dr. Joh. Gistel, gen. G. Tilesius. Mit Hallbergs Bildniss. Berlin 1863. Ausführlicher ist die Biographie des Sonderlings in Brockhaus’ Conversations-Lexikon der Gegenwart.]
Das nächste Ziel unserer Wanderung sind die sich über der Landstrasse erhebenden Ruinen der Herrenveste Blankenberg, zu denen ein bequemer Weg, der alte Heerweg, den Berg, welchen sie krönen, hinanführt. Am Fusse des Berges ist während der Sommermonate eine Haltestelle der Eisenbahn, so dass man an Sonn- und Feiertagen in den Ruinen stets zahlreiche Gesellschaft antrifft, da für die leiblichen Bedürfnisse auch sattsam gesorgt ist.
In der Mitte des saubergehaltenen Weges ist an der Felsenwand rechts beim Hinaufsteigen ein Kreuz angebracht mit der auffallenden Inschrift: „Vivat Jesus”. Der Sage nach, zur Erinnerung an den Tod eines Glockengiesser-Lehrlings, der von seinem Meister erstochen wurde, weil er bei einem Glockengusse im Blankenberge gegen das Verbot des Meisters den Zapfen der Giesspfanne ausgestossen hatte. Der Meister kam dazu, als der Guss vollendet, und in seiner Wuth erstach er den Lehrling.