Von Wissen nach Kirchen
Die Eiche bei Wissen. – Die Wingertshardts-Grube. – Erlaubnissscheine zum Besuch der Gruben. – Dasberg. – Betzdorf. – Ausflug nach dem Hellerthal. – Bergbau. – Hohenselbachs-Kopf. – Geschichtliches. – Die Buchensteine. – Wildhandel. – Der Hickengrund. – Seine Bewohner. – Zigeuner. – Die Meckeser. – Kirchen. – Der Druidenstein. – Botanisches. – Das Küppelsfest. – Weg nach Wildenburg.
Die Eiche bei Wissen
Wir überschreiten gleich oberhalb Wissen die neue Brücke der Landstrasse und statten der Eiche einen Besuch ab. Ein mächtig schöner, ehrwürdiger Baum, ein Wahrzeichen der Gegend. Dicht an der Sieg, den launenhaften Krümmungen des Flusses, folgt die dem Felsenufer abgetrotzte Strasse. Es wechseln uns zur Linken bald nackte Schieferlagen und Klüftungen, bald malerisch mit Busch und Niederwald bestanden, aus dem die Siefen, murmeln und sickern, während zur Rechten die Sieg an den üppigsten und saftig frischen Wiesengründen vorbei rauscht, deren regelmässiger Bau mit den, im Winkel angelegten Rinnsalen und ihren Schleusen Jeden, welchem diese Wiesenkultur fremd, überrascht und erfreut.
Die Wingertshardts-Grube
Die Wingertshardts-Grube öffnet links an der Strasse ihren 112 Lachter (6 1/2 Fuss das Lachter) in den Berg getriebenen Stollen, von dem ein sogenanntes, 45 Lachter tief in den Berg gebautes „Kunstgezeuch” hinabgeht, so dass die Sohle 600 F. unter der Spitze des Berges liegt. Gebaut wird auf Spath und Brauneisenstein, Kupfer- und Blei-Erze.
Erlaubnisscheine zum Besuch der Gruben
Da die Grube unter dem Reviere Friesenhagen steht, so kann der dortige Berggeschworne auch allein einen Erlaubnissschein zum Befahren derselben geben, wie wir einen Erlaubnissschein von dem Berggeschwornen des Reviers Hamm mitbringen müssen, wollen wir die gegenüber auf dem linken Siegufer liegenden Gruben in Augenschein nehmen. Der Mineraloge findet bei dem Steiger der Wingertshardts-Grube eine interessante Sammlung von Mineralien, welche ihm einen übersichtlichen Aufschluss gibt über den Metallreichthum, den das Siegthal und seine Nebenthäler bergen, und Kunde über die manchfaltigen Bildungen, in denen die verschiedenen Erze vorkommen.
Glück auf! tönt’s von allen Seiten, je weiter wir siegaufwärts kommen in das eigentliche Siegnerland, dem Sitze des blühendsten Bergbaues und Hüttenbetriebs.
Hier gibt es Gelegenheit genug, die frommen Bergleute in ihrem geheimnissvollen Wirken und Schaffen in den Tiefen der Erde zu belauschen, staunend zu bewundern die Mystik der Natur in ihren unterirdischen Werkstätten !
[Der Mineraloge und Bergbaukundige findet eine Beschreibung der Gangzüge in der untern Grauwacke des obern Siegthales in der „Geognostischen Übersicht des Regierungs-Bezirks Arnsberg von Dr. H. von Dechen”, Jahrg. 1855 S.203 flgde. Abgedruckt.]
Dasberg
Wir folgen der Strasse bis nach Dasberg, wo sich tief unten die Sieg an mächtigen Felsblöcken brausend bricht, welche von einem Felssturze herrühren, der am Frohnleichnamstage 1843 Statt fand beim Baue der Landstrasse. Die untersprengten Felsen wichen ihrer Last, stürzten über die neuangelegte Strasse in das Bett des Flusses, den ihre Massen staueten, bis man den Wassern die Bahn wieder geöffnet.
Von Dasberg führt der Weg bergan. Heimliches Waldesdunkel umfängt uns mit seiner geheimnissvollen Stille. Einzelne Stellen gewähren zwischen starren Felsgebilden und Baumgruppen Blicke auf die tief unten in ihrem Felsenbette oft stürmisch hinbrausende Sieg, gewöhnlich aber freundlich mit ihrem klaren Wasserspiegel zu uns hinaufblickend.
Das Auge wird gefesselt durch die in den Tiefen hinsausenden Eisenbahnzüge.
Aus dem Walde treten wir am Bergabhange in eine Lichtung, die uns die Aussicht auf den Segen eines weiten Thales erölfnet, dessen Hintergrund der Kegel des sogenannten Druidensteins bildet.
Betzdorf
Dem Wege abwärts über die Brücke der Landstrasse folgend, gelangen wir zu dem auf dem linken Flussufer sich hindehnenden, freundlich einladenden Betzdorf, welches uns in seinem Stationsgebäude Rast und Erquickung bietet. Von hier aus geht die Deutz-Giessener Bahn links durch das Hellerthal, den Windungen des der Sieg zueilenden Hellerbaches folgend, nach Wetzlar und Giessen. Hier schliesst sich die Zweigbahn nach Siegen an die Hauptbahn.
Ausflug nach dem Hellerthal
Von Betzdorf ladet das Hellerthal mit seinem Bergbau und Hüttenbetrieb zum Besuche, und wär’ es auch nur, um die merkwürdige Basaltkuppe des isolirt liegenden Hohenselbachs-Kopf zu besteigen und die Rundsicht zu geniessen. Dem Bache folgend, haben wir in 1 1/2 Stunden Neunkirchen erreicht, um von hier aus die Kuppe zu besuchen. In kurzer Frist führt uns die Eisenbahn nach der Station Herdorf, von der rechts ab die Basaltkuppen Mahlscheid und der Hohenselbachskopf, welche sich in den Zeiten, von denen Überlieferung und Geschichte schweigt, den Grauwackenschiefer durchbrechend, emporgethürmt haben und deren schlanke Basaltsäulen wie riesige Äolsharfen mit tiefergreifendem Klange tönen, wenn der Wind oder gar der Sturm durch dieselben streift.
Bergbau
Es sind im Berg-Revier Heller auf beiden Seiten des Baches und rechts und links der Daaden mit der Bürgermeisterei Gebhardshain wenigstens 200 Gruben auf Eisenstein und Kupfererze beliehen, und in den Revieren Grund,- Seel- und Burbach auch vielleicht an 100 Gruben.
Dem Freunde der Natur rathe ich diesen Abstecher zu Fusse zu machen, da der Weg sehr romantisch ist und zudem mancherlei Belehrungen in Bezug auf Geologie, Mineralogie und Botanik gibt.
Namentlich trifft der Pflanzenkundige hier verschiedene seltene Pflanzen, ein ergiebiges Feld für seine Wissenschaft.
Hohenselbachs-Kopf
Auf dem Hohenselbach drohte vor Jahrhunderten die Stammveste der weitverbreiteten Familie deren von Selbach, von der wir nicht weniger als elf Linien kennen: Selbach zu Selbach, Selbach gen. Burbach, Selbach Cruttorf, Selbach Dernbach, Selbach Gilsbach, Selbach hohen Selbach, Selbach Lange, Selbach Lohe, Selbach-Neunkirchen, Selbach Quadfusel und Selbach Zeppenfeld.
Geschichtliches
Wild haus’ten die Herren von Selbach auf ihrer Veste. Der Oberherrlichkeit der Grafen von Nassau und Sayn spottend, wie auch jedem Landfrieden, trieben sie nach allen Richtungen hin die ärgste Wegelagerei, schatzten und plünderten, wie es ihrem Willen zustand. Am Schlimmsten trieb es aber zur Zeit Kaiser Karls IV. (1346 — 1378) und des Erzbischofs von Trier, Baldewin von Lützelburg (1307 — 1354), ein Herr von Selbach, der sich „Gottes Freund und aller Welt Feind” nannte, und sich ebensowenig um die Landfriedensbündnisse des thatgewaltigen Erzbischofes, als um den allgemeinen Landfrieden des Kaisers kümmerte.
Erzbischof Baldewin übernahm es, die Raubritter in seiner Erzdiözese zu bändigen, ihre Burgen zu brechen. Mit der unerbittlichsten Strenge ging Baldewin gegen die Landfriedensbrüchigen zu Werke.
Belagerte er eine Burg, so liess er sofort vor derselben einen hohen Galgen errichten, den Raubrittern anzeigend, welches Schicksal ihrer harrte, so dass Viele die Belagerung ihrer Vesten nicht abwarteten, sondern ihr Heil vor dem Gewaltigen in der Flucht suchten. So geschah es auch mit Hohenselbach, welches Baldewin verlassen fand, als er mit seiner Heerfahrt heranzog und die Veste zerstörte.
[Vgl. Al. Dominicus, Baldewin von Lützelburg, Erzbischof und Kurfürst von Trier, ein Zeitbild aus der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts. S. 570.]
Nach Andern währte die Belagerung der äusserst starken Veste aber ein ganzes Jahr. Die Burg wurde mit Sturm genommen, ohne dass jedoch den Ritter das Loos des Stranges traf. Als es mit der Veste aufs Äusserste gekommen, bat die Hausfrau des Ritters den Erzbischof Baldewin, ihr zu gestatten, ihren Brautschatz mit hinwegnehmen zu dürfen. Der Erzbischof bewilligte die Gunst und sieh, „do hatte sy Iren Man uffgenomen und hynweggetragen, nit weiter hat man Ir erlaubt, dan soviltragen kundt, hat sy in do in Grundt zu Zepfelt getragen und haben gedacht, es heltfe kein berghuss mer, haben do im grundt gebawet”, so schreibt 1567 Wilhelm von Selbach zu Zeppenfelt an den Grafen Johann den Ältern von Dillenburg.
Hohenselbach wurde von Grund aus gebrochen und zerstört, und wie aus Urkunden hervorgeht, vor dem Jahre 1350, denn am Tage Johann des Täufers 1350 überlässt der Graf Johann von Sayn den Ganerben Selbach die dem Hohenselbach gegenüber liegende Kuppe Malsch d. h. Mahlscheid zur Erbauung einer neuen Burg, die den Namen Hohenselbach führen sollte. Der Bau kam nicht zu Stande, weil der Graf von Sayn darauf beharrte, dass die Pförtner und Thurmknechte auch ihm neben dem Burgherrn huldigen sollten. In einer Urkunde vom 22. Aug. 1352 bekennen die Ganerben von Hohenselbach und mehrere ihrer Magen, „dass sie den Berg von Hohenselbach, do etzwan „eine Feste auflag, welche die Herren brachen, nimmermehr verbauen sollen.” Demgemäss muss die Burg vor 1352 zerstört gewesen sein, worauf auch das „etzwan” hindeutet.
Bei der Belagerung hatte sich der Ritter von Hohenselbach vermessen, zu schwören: „So möglich als der Bochenbaum vor dem Huss Hoeselbach zu einem Stein wordt, So möglich sollt auch Boldewinus ein Bischoeff von Trier, wilch von K. Majestat dazu verordnet, wilcher ein Jahr dar vor Hoeselbach gelegen, So moglich sollt sein, dass er Hoeselbach gewonnen, So hater Boldewinus Hoeselbach gewonnen, und de Boche ist zu einem Stein worden, wie E. Gn. he zu sehn hat. Denn by Got ist alle Ding moglich, das by menschen unmoglich ist.
[Arnoldi theilt Bd. I S. 137-139 seiner Geschichte der oranien-nassauischen Länder den vorstehenden Brief mit.]
Die Buchensteine
Wilhelm von Selbach sandte dem Grafen zum Beleg Buchensteine, die man auf der Kuppe Hohenselbach gefunden hatte. Übrigens fand man noch im Jahre 1837 in der Nähe des Hohenselbachs-Kopfes beim Nachforschen nach Braunkohlen in bröcklichem Basalt aufrechtstehende fossile Holzstämme, die man für Buchenholz erkannte. Versteinerte Holzstämme hat man ebenfalls im Siebengebirge gefunden.
Die Ruinen der alten Burg, die 1798 noch theilweise zu sehen waren, sind jetzt ganz verschwunden.
Der späte Wanderer sieht aber, so erzählt die Sage, bei nächtlicher Weile einen stattlichen Burgbau auf dem Joche der Kuppe. Eine gewaltige Heerfahrt stürmt hoch zu Ross, den Ritter von Selbach und sein treues Gemahl an der Spitze, den Burgberg hinan. Sie suchen die frischbelaubte Buche vor dem Burgthore, finden aber die steinerne — und mit Sturmgewimmer ist der ganze Spuk verschwunden.
Wildhandel
Wer gern des edlen Waidwerks pfleget, der kann im Hellerthale seine Lust büssen, und der Freund schmackhaft zubereiteten Wildprets findet bei Dilthey in Burbach während der ganzen Jagdzeit stets wohlbesetzte Tafel. Nicht unbedeutend ist der Wildprethandel des Wirthes. Im Hellerbache selbst und in seinen Nebenbächlein hat die Angel auch Beschäftigung; kostbar sind die Forellen.
Der Hickengrund
Das Bodengepräge der ganzen Umgebung, der malerische Wechsel von Berg und Thal, Wald und Fels, Wiesen und Öde, die Fernsichten nach den bergzügen des Westerwaldes und den Höhen des Ederkopfes haben so viel des romantisch Anziehenden, dass sie den Naturfreund zu weitern Streifereien veranlassen und durch die Eisenbahn, wählt er nicht von Burbach aus den Weg über den Berg, auch wohl zu einem Besuche des Hickengrundes, wie man den nach Süden sich hinziehenden Thalgrund nennt, welchen die Eisenbahn in ganz eigenthümlicher, durch das Terrain bedingten Anlage, nach Süden eine schmale, enge Curve bildend, umschliesst.
Der im Süden von dem Wetterbache oder Winterbache durchflossene Hickengrund besteht aus vier Dörfern, von denen Holzhausen und Oberdresselndorf in der Curve liegen, südlich ausserhalb derselben Niederdresselndorf und westlich am Lützelbach Lützeln.
Seine Bewohner
Auffallen muss Jedem die Erscheinung der Bewohner dieser Dörfer, der Hickenleute sein, welche eine eigne, durch Lebensweise, Sitte und Brauch von den Umwohnern sonst streng geschiedene Kaste bildeten. Wer weiss, wie viele Jahrhunderte sie vielleicht in ihrer Abgeschiedenheit, da sie sonst nur unter einander heiratheten, ihre naturwüchsige Originalität bewahrt haben? Die Männer sind schlank, mager, aber sehnig stark gebaut, nicht muskulös, daher der Volkswitz behauptet, sie hätten die Waden vorne. Ihre Kleidung ist, trotz der Strenge des Clima, Sommers und Winters eben leicht, und zeichnet sich karakteristisch durch den allgemein getragenen kurzen blauen leinenen, vorn mit ziemlich grossen Porzelan-Knöpfen besetzten Kittel aus, über den sie in der Strenge des Winters wohl ein wollenes Camisol ziehen. Eben so hager, aber auch kräftig gebaut sind die häufig schwarzhaarigen und schwarzäugigen Frauen, welche über einem einfachen langen Rocke auch einen, beinah auf die Schuhe reichenden blauen Kittel tragen. Ein schwarzes oder buntes Halstuch ist der Hauptputz. Die zurückgekämmten Haare bergen sie unter einem kleinen, oben auf dem Kopfe sitzenden Käppchen, das nach hinten mit Bändern geschmückt und unter dem Kinne festgebunden ist.
Früher trieben die Hickenmänner als Fuhrleute ein wanderndes Leben, beschäftigen sich aber jetzt mit Ackerbau, Viehzucht und mit der Jagd. Im Hickengrunde finden wir gut gepflegte Wiesen und Äcker, wenn auch nicht so üppig blühend, wie in dem eigentlichen Siegerlande. Die wildreichen Jagdgründe, die rings den Thalkessel umgeben, bieten der Waidmannslust und dem Wilderer ein gar ergiebiges Feld. Leichtern Absatz, denn früher, findet die Jagdbeute jetzt durch die, seit 1861 in Betrieb zesetzte Deutz-Giessener Bahn. Wildhandel ist eine Nahrungsquelle der Hickengründer.
Während die Männer jagen, Acker und Wiesen bestellen, Haus und Hof, Stall und Küche besorgen, den Frauen die grössten Mühen des Hauswesens abnehmen, ziehen diese mit Butter, Eiern, Geflügel, Wild nach der Jahreszeit zum Verkaufe in die Stadt Siegen, nach Wetzlar, deren auffallende Markt-Staffage gerade für den Fremden die Hickenweiber sind.
In der frühern Abgeschlossenheit mehr oder minder auf den Verkehr unter sich beschränkt, hatten die Hicken lange in ihrem Grunde die naturwüchsige Einfachheit in Sitte und Brauch bewahrt.
Man begegnete in den sonst eben nicht einladenden Dörfern mitunter Kindern in halb adamitischem Urzustande, Frauen, die Säuglinge und kleineren Kinder auf dem Rücken tragend. Jetzt hat die immer mehr fortschreitende Gesittung, die alles Urthümliche bannende Aufklärung sich auch schon im Hickengrunde fühlbar geltend gemacht. Es wird von den Hicken nicht mehr so strenge darauf gehalten, dass die Ehen nur unter den Hickengründern geschlossen werden; wohnlicher sind die Häuser der Dörfer, als ich dieselben noch vor wenigen Jahrzehenten fand. Die Dörfer haben ihre Schulen, die Kinder stehen unter dem Schulzwange, und im Allgemeinen werden die Hickengründer als streng kirchliche Protestanten geschildert.
Hicken nennen sich die Bewohner des Grundes selbst. Woher die Benennung, wusste mir Niemand bestimmt zu deuten. Ich möchte den Namen von dem norddeutschen hicken — sich bergen, verstecken, hüten herleiten, indem mir die Herleitung des Wortes von hegen, das im dortigen Dialekte hieken heissen soll, gar zu gesucht erscheint. Es soll nämlich den Bewohnern des Hickengrundes das Gericht gehegt worden sein, daher der Name Hicken und Hickengrund im Gegensatze zu dem benachbarten Freiengrunde im Hellerthale. Selbst unter den Bewohnern des Hickengrundes besitzt die Überlieferung keine Kunde mehr über ihre Abstammung, ihre Herkunft. Schwerlich möchte historisch zu bestimmen sein, wie lange die Hicken in dem Thalgrunde hausen, und noch schwerer den Beweis zu führen, dass sie von den Usipeten und Tenchteren stammen, welche bei den Sigambern gastliche Aufnahme fanden, als Julius Caesar 55 v. Chr. diese Volksstämme Galliens in blutiger Feldschlacht fast gänzlich aufgerieben hatte, so dass die flüchtigen spärlichen Überreste derselben jenseits des Rheines eine neue Heimat zu suchen gezwungen waren. Eben so gewagt ist es, die Hicken von Ungarn herzuleiten; denn wann und wie kamen diese hierher? oder von Zigeunern, die bekanntlich erst am Anfange des 15. Jahrhunderts in Deutschland auftreten, mahnt auch der Hicken ursprüngliche Lebensweise, manche ihrer Sitten und Bräuche, ihr früheres Wanderleben an dies Nomadenvolk.
Zigeuner
Zigeuner haben aber noch am Anfange des vorigen Jahrhunderts im Siegener Lande und den angränzenden Distrikten gehaus’t. Im Munde des Volkes lebt noch der Name „Schnuse” als einer übelberüchtigten Zauberin und Anführerin einer Zigeunerbande, deren Geschäft Raub und Mord. Sie soll mit einem Nagelschmied Kittenhannes in Driesbach verheirathet gewesen sein, sich gewöhnlich aber in Deutz an der Sieg aufgehalten haben. Unter dem Namen eines Baron Schnaus, oder Barons von Schnausenberg zog sie beritten an der Spitze ihrer Räuberbande umher, kam selbst mitunter in Scharlach gekleidet, begleitet von einer berittenen Schaar, nach Siegen. Sie starb 1726 mit vielen ihrer Spiessgesellen in Netphen durch Henkershand.
Um dieselbe Zeit traf eine, meist aus Zigeunern bestehende Räuberbande, welche sieben Jahre lang in der Wetterau ihr blutiges Unwesen getrieben, Raub und Mord geübt, am hellen Tage Dörfer überfallen und den Landreitern förmliche Treffen geliefert hatte, der strafende Arm der Gerechtigkeit.
Eine grosse Menge dieser Räuber, Männer und Frauen, sammt ihrem Anführer Johannes la Fortune, genannt Hemperla, wurden am 14. und 15. Nov. 1726 in Giessen durch’s Rad, Schwert und Strang hingerichtet. Im Wittgensteinschen an der Lause bei Berleburg und im Dorfe Sassmannshausen leben noch Abkömmlinge von Zigeunern, noch umherwandernd wahrsagend und mit Korbflechten sich beschäftigend, deren Clan um das Jahr 1715, aus Ungarn kommend, das mittlere Deutschland heimsuchte.
Die Meckeser
Ein wahres Zigeunerleben führen aber in dem Kreise noch heutzutage die sogenannten Meckeser, welche, mit Töpferwaaren handelnd, ohne eigentliche Heimath mit ihren Familien im Lande umherziehen.
Der Himmel ist ihr Zelt, der Wälder Dunkel ihr Obdach, Schutz gegen Wetter und Wind bieten verlassene Gruben oder die Scheunen mitleidiger Bauern.
Bis dahin ist es der Regierung noch nicht ganz gelungen, sie an ein sesshaftes Leben zu gewöhnen, wenn die Meckeser auch ihr Domizil in elenden Hütten bei der Stadt Freudenberg aufgeschlagen haben.
Kirchen
Entweder mit der Eisenbahn, wenn wir den Ausflug nach Hohenselbach und dem Hickengrunde zu Fuss gemacht haben, oder, ist dies nicht der Fall, kehren wir durch das Thal schlendernd nach Betzdorf zurück. Wir ziehen siegaufwärts, auf der linken Seite des Flusses die Landstrasse, auf der rechten die Eisenbahn, vor uns die Kuppe des Druidensteins, und plötzlich lacht uns von seinem Abhange das malerisch gelegene Kirchen mit seiner einfachen Kirche, seinen gar freundlichen, wohnlichen in Baumgruppen zerstreuten Häusern entgegen. Der über 650 Einwohner zählende Ort, grösstentheils katholisch, seine heitere Umgebung, die Bestellung seiner Äcker und Wiesen, verkündet Wohlhäbigkeit, Wohlstand, Reichthum. Hier blüht Bergbau, Hüttenbetrieb und Fabrikwesen. Bedeutend sind die Saynschen Hüttenwerke. In dem idyllisch malerischen Jungen-Thal, zwischen der Sieg und dem Bache Asdorf, der oberhalb Kirchen mündet, schnurren die Spindeln der von seinem Gefälle getriebenen Baumwoll-Spinnereien der Herren Jung. Sie haben dem Thal den Namen gegeben, wo früher 5500 Spindeln in Thätigkeit, die vor der Baumwollen-Krisis 300,000 Pfund Garn lieferten.
Im Geschwornen-Revier Kirchen, rechts und links von der Asdorf und auf dem rechten und linken Ufer der Sieg sind weit über 200 Gruben auf Eisenstein, Erze, Bleierz und Kobalt beliehen und noch viele Muthungsgruben.
Der Druidenstein
Von unserem Spaziergange und einem nur ja nicht zu unterlassenden Ausfluge nach dem Druidensteine, kehren wir nach dem einladenden Gasthofe zur Post im Thale zurück, den ich aus eigner Erfahrung in jeder Beziehung den Siegfahrern empfehlen kann. Sie finden mehr, als sie erwarten.
Botanisches
Im Asdorf-Thälchen, sowie auf dem Wege zum Druidensteine überraschen den Botaniker einige seltene Pflanzen, unter denen ich nur den deutschen Straussenfarn (Struthiopteris germanica), den Streifenfarn (Asplenium Breynii), die Avena flavescens, im Hochsommer die Campanula cervicaria und einige Verbascum-Arten hervorhebe.
Ausser der Fernsicht, welche sich vom Druidenstein dem Besucher über das Siegthal und seine Ufergelände eröffnet, wird er von einer der merkwürdigsten Naturerscheinungen der Basaltbildungen am Niederrhein, überrascht. Durch den Grauwackenschiefer und den bunten Sandstein ist eine Basaltmasse gebrochen, die sich über der Spitze des Berges wie der Hut eines Pilzes ausgebreitet hat, und jetzt dessen Kuppe bildet. Woher die Kuppe den Namen Druidenstein erhalten, weiss ich nicht anzugeben. Die Bezeichnung ist jedenfalls neueren Ursprungs. Die Druidenaltäre, die sogenannten Dolmen, in der Bretagne, in Schottland und Irland sind bekanntlich schwere Steinmassen, die man auf andern freiliegenden Steinblöcken im Kreise aufgethürmt hatte.
Das Küppelsfest
Ein altherkömmliches Volksfest wird jedes Jahr am Christi-Himmelfahrtstage, vierzig Tage nach dem Osterfeste, auf dem Druidensteine begangen, von den Umwohnern das „Küppelsfest” genannt.
Küppel bedeutet im Siegener Dialekte Bergkuppe.
Die Bewohner der ganzen Umgegend, von Nah’ und Fern, Alt und Jung, versammelten sich sonst zu dem Feste, ein wahres Volksfest! Leider nimmt auch dieses Fest mit jedem Jahre mehr ab.
Weg nach Wildenburg
Von Kirchen aus können wir den oben geschilderten Ausflug nach der Ruine Wildenberg machen, eben so lohnend, so reich an Wechsel, wie der angegebene Weg von Wissen aus. Auf den bereits angedeuteten Berg- und Waldpfaden kehren wir auf dem rechten Ufer der Sieg über den Bergkamm nach Kirchen zurück.