Ausflug nach Müsen
Weg nach Müsen. – Der Köln-Müsener Bergwerk-Verein. – Bergmännisches. – Besuch der Gruben. – Die Sagen vom Kindelsberg und Altenberg. – Die böse Stadt. – Die Linde auf Schloss Kindelsberg. – Der Gasthof zum Kronprinzen von Preusen in Hilchenbach. – Das Stift Keppel. – Rückkehr nach Siegen.
Das Revier Müsen ist von Siegen aus das nächste Ziel unserer Bergfahrt, wollen wir den Bergbau, das Hütten- und Hammer-Wesen kennen lernen.
Weg nach Müsen
Neben der Ruhr-Sieg-Bahn, die wir bis Kreuzthal benutzen, führt eine bequeme Fahrstrasse hin, ziehen wir es nicht vor, sind wir über Sieghütte und Fickenhütten hinaus, den der Sieg zueilenden Ferndorf-Bach zu unserem Führer zu wählen. Liebliche Wiesenthäler wechseln mit sorgfältig bestellten Äckern, und gar freundliche Dörfer lehnen sich, eine fast ununterbrochene Reihe, an die Ufer der Ferndorf. Bei Kreuzthal biegt die Strasse in steter Steigerung rechts ab über Ernsdorf, Ferndorf, in dessen Kirche ein Denkmal des Edlen Velten von der Hees, Amtmann zu Siegen, dann über Lohe bis nach Hillnhütten und Dahlbruch, von wo der Weg bergan nach Müsen führt. Von den Höhen hüpfen munter zahlreiche Bächlein, deren Wiege sich in herrlichem Hochwalde birgt, während Hauberge die Hänge der Berge schmücken.
Mitten im Gebiete reichgesegneten Bergbaues befinden wir uns. Ringsher Aufbereitungswerke, das Getöse, das Brausen und Zischen der Hütten-, Hammer- und Walzwerke. Unter der Erde eine geheimnissvolle, über derselben eine sinnverwirrende Lebensthätigkeit, die aber gar Viel des Neuen, des Interessanten und Belehrenden bietet. Überall die geregeltste Emsigkeit, überall ameisenthätiges Leben, überall sinnbetäubende Arbeit!
Der Köln-Müsener Bergwerk-Verein
Das reiche Revier von Müsen und sein mächtiges Grubenlabyrinth wird jetzt zum grössten Theil von dem Köln-Müsener Bergwerk-Vereine, mit 1 1/2 Million Stammkapital in 7500 Aktien, in grossartigster Weise ausgebeutet, wiewohl die alten Gewerkschaften: Silberart, Altenberg und Heinrichssegen noch bestehen. Um Erlaubniss zum Besuche der Müsener Werke hat man sich au den Geschwornen Herrn Schmidt zu wenden, der auch den Führer besorgt, dem, incl. des Beitrags zur Knappschaftskasse, 15 Sgr. as Führerlohn zu entrichten sind.
Bergmännisches
Bevor wir einfahren, müssen wir uns vollständig zum Bergmann metamorphosiren lassen, Blouse, Schurz und Filzmütze anlegen, und mit dem Grubenlicht versehen. Um nun die Erklärungen des uns begleitenden Steigers zu verstehen, sei hier eine Deutung der am häufigsten vorkommenden technischen Ausdrücke gegeben.
Der Bergbau des Siegener Landes ist Gangbergbau.
Gänge heissen senkrechte Spalten, welche bis zu einer unendlichen Tiefe „bis zu ewiger Teufe” in die Erde gehen und mit Erzen u.s.w. ausgefüllt sind. Sehr verschieden sind die Breite „Mächtigkeit” und die Länge „das Streichen” der Gänge. Erstere wechselt von 1/2 Zoll bis 140 Fuss, und was die Längenerstreckung angeht, gibt es Gruben, deren Gang nur wenige Fuss aufgeschlossen wurde, während das Streichen anderer Gangzüge auf 3 bis 4 Meilen bekannt ist. Sowohl bei den kleinern, als bei den grössern Gängen sind die Spalten nicht überall mit Erzen ausgefüllt. Nur Striche derselben sind die so genannten „edlen Mittel”, welche Erze enthalten, im Gegensatze zu den „tauben Mitteln”, die keine Erze bergen. In Bezug auf die Breite und Länge der Spalten und ihre Tiefe findet ein steter Wechsel Statt. Der Ausdruck der Gang geht senkrecht in die Tiefe, ist nicht wörtlich zu verstehen. Man nennt die Abweichung, d. h. die Steigung eines Ganges gegen eine wagerechte Ebene das „Fallen”, welches auch häufig wechselt, nie beständig ist.
Durch das „Fallen” entsteht das „Hangende” und „Liegende” eines Ganges. Letzteres bezeichnet das Gebirgsgestein, worauf der Erzgang ruht, Ersteres die über demselben befindliche Felsart. Mit dem „Ausgehenden” bezeichnet man das Ende eines Ganges gegen die Gebirgsoberfläche, mit dem „Tiefsten” nach dem Erdinnern zu. Während anderwärts Gruben bis auf 1400, 1600, 1800, ja im Harze bis auf 2,600 Fuss aufgebaut sind, ging man früher im Siegener Lande nur in sehr seltenen Fällen bis zu 70 oder 80 Lachter — ein Lachter = 6 2/3 Fuss — nieder. In dieser Beziehung hat sich der Betrieb in den letzten Jahren auch hier anders gestaltet.
Die Eisenerzgänge nehmen nach der Teufe an Mächtigkeit zu.
Die Gruben werden, nachdem sie gemuthet, in Belehung gegeben, vermessen und verlochsteint sind, entweder durch Stollen oder durch Schächte eröffnet. Erstere gehen horizontal in’s Gebirge, und da sie zur Förderung der Erze wie zur Lösung der Grubenwasser dienen, werden sie möglichst tief in den Thälern angelegt. Am Stollen unterscheidet man das „Mundloch”, den Eingang zu Tage, die Stösse, die beiden Seitenwände, die „Firste” die Decke, die „Sohle” den Fussboden, das „Ort” das Ende und die „Rösche”, wie man die Wasserstütze unter dem Fussboden bezeichnet, meist gewölbt oder gedeckelt, da sie auch zur Herbeiführung „frischer Wetter”, d. h. der Luft zum Athmen dient.
Strecker, Querschläge, Umbrüche und Örter sind stollenförmige Baue in der Grube.
Die „Schächte” werden in mehr oder weniger senkrechter Richtung in die Erdrinde getrieben. Den Eingang nennt man „Schachtöffnung” die Seitenwände heissen „Stösse”, das Ende in der Tiefe „Gesenk”, die Leitern „Fahrten”, die schachtförmigen Baue in den Gruben, nennt man Gesenke, Stollen, und Durchschnitte. Ohne Erlaubniss der Bergbehörde dürfen die Stollen und Schächte nicht verstürzt oder ihr Bau aufgegeben werden. Sobald eine Grube über Jahr und Tag verlassen, fällt sie, nach dem noch bestehenden Gesetze, mit den nicht fortgenommenen Wasserkünsten, Häuschen, Schuppen u.s.w. auf den Halden, an dem Ausgange als Zubehörungen in’s Freie, d. h. sie wird Eigenthum der Regierung.
Nach dem früheren Hammer- und Hüttenbetriebe produzirte man in 24 Stunden nur 46 bis 48 Stalle oder 7820 bis 8160 Pfund Roheisen, ausnahmsweise 52 bis 54 Stalle.
Die Rohstahleisenhütten lieferten in dieser Frist nur 400 bis 500 Pfund. Jetzt werden in 24 Stunden 15 bis 20000 Pfund Roheisen produzirt. Allgemein hat man statt der Eisen-Hämmer Puddlingswerke eingeführt, Coaks ersetzt die Holzkohlen. Bei den Puddlingswerken sind theils nur Hämmer, theils Hämmer und Walzen in Anwendung.
Auf einem Puddelofen werden jetzt in 24 Stunden, bei Verbrauch von 24 Scheffel Coaks, 4 bis 5000 Pfund Eisen dargestellt, indem man früher auf den Frischheerden bei vollem Wasser in derselben Frist nur 1 1/2 Wage = 4080 Pfund Roheisen frischte bei einem Kohlenaufgange von 1 Wage = 2500 bis 2600 Pfund Holzkohlen. Man stellt jetzt in den Puddelöfen auch den Rohstahl dar, was früher nur in offenem Heerde geschah.
Zum Segen der Eisenindustrie des Siegener Landes wird man endlich den so häufig und dringend ausgesprochenen Wünschen, die noch bei den 45 Gewerkschaften des Landes bestehende Hütten- und Hammer- Ordnung vollständig umgestaltet zu sehen, von Seiten der Regierung nachkommen da dieselbe bei der Umgestaltung des gesammten Hütten- und Hammer-Wesens nicht mehr zeitgemäss, den Fortschritt der Industrie, den freien Betrieb zu sehr hemmend beschränkt.
Besuch der Gruben
Eines eigenthümlichen, unheimlichen Gefühls kann sich Niemand, der nie ein Bergwerk befahren, erwehren, sobald er das unterirdische Wunderreich betritt.
Eine neue mystische Welt eröffnet sich dem, sich erst nach und nach an das ungewisse Halbdunkel gewöhnenden Auge. Wer kann die Eindrücke schildern, welche die geheimnissvolle Umgebung auf uns macht, wer den Empfindungen Worte leihen, welche die weiten, kühn in den Fels gesprengten erzschimmernden Hallen und Gänge, das einförmige Treiben und Schaffen der Bergleute in uns erwecken? Das Rauschen der Wasser, die gleich Irrlichtern aus Nah und Fern flimmernden Grubenlichter, spärlichen Schein auf die dunkeln Gestalten der Knappen werfend — Alles so mystisch, die Phantasie in steter Aufregung haltend. Plötzlich rollt ein dumpfer Donner, wie ferner Gewitterschlag durch die Hallen.
Grausen erfasst die Seele; man glaubt den Boden unter den Füssen beben zu fühlen, die wuchtigen Felspfeiler, welche die mächtige Decke stützen, bei den ungewissen Streiflichtern wanken zu sehen. Es ist ein Sprengschuss, der laut wiedertönt und langsam, sich an den Metallwänden brechend, verhallt.
Die ganze Umgebung ist schauerlich schön! Jeder Besucher athmet aber frei auf, wenn er wieder des Himmels Bläue, die Sonne, Baum und Grün begrüsst.
Nach einer fast zweistündigen unterirdischen Fahrt kommen wir am Gipfel der Martinshardt wieder zu Tage, um so überraschender, weil wir von dieser Höhe das weite Revier mit seinem segenreichen Leben, das malerische Berggelände überschauen können. Wir befinden uns 1944 F. über der Nordsee. Gegen Osten erheben sich die Kuppen des Birkhahn’s und des 1998 Fuss hohen Kindelsberges.
Die Sagen vom Kindelsberg und Altenberg
Auch dem Kindelsberge, dem sagenreichen, wird ein Besuch abgestattet, mehr wie lohnend, denn in eigenthümlicher Verschiebung der Linien seiner Berge und Höhen liegt das ganze Siegerland vor uns im reichen Segen seiner Naturschönheiten und seiner Gewerbthätigkeit. Bis zum Westerwalde, den Bergen des mittlern und untern Siegthals bis zum Siebengebirge hinaus schweift das Auge. Unbeschreiblich, magisch schön ist das Panorama bei Sonnenuntergang und bei einbrechender Nacht, wenn ringsher die Werke flammen, glühen und sprühen und dumpf durch die heilige Stille dröhnen.
Die böse Stadt
Von der Kuppe des Kindelsberges soll einst eine Veste gedroht haben, ja die Sage berichtet von einer hier gelegenen Stadt, die zur Strafe des üppigen, gottvergessenen Lebens ihrer Bergbau treibenden Bewohner von der Erde vertilgt ward. Die „böse Stadt” verlegt die Überlieferung im Volksmunde aber bald auf den Kindelsberg, wo die Berggeister auch noch einen ungeheuern Schatz hüten, bald auf den Altenberg. So üppig war das Leben der Bergleute hier einst, dass sie in Wagen, deren Räder aus gediegenem Golde, fuhren, silberne und goldene Kegel schoben, und sich das Geld in Hüten zumassen. In ihrem Übermuthe vergassen sie aber Gott und sein Gebot, und es strafte sie seine rächende Hand, ihre Stadt vertilgend. Noch will man in stillen Nächten tief im Schoosse der Erde das Läuten der Glocken der versunkenen Stadt gehört haben. Die Sage erzählt, eine Sau habe einst eine Glocke aus dem Boden gewühlt. Der Hirt schleppt sie nach Crombach, wird aber des Verbrechens bezüchtigt, die Glocke gestohlen zu haben, und zum Strang verurtheilt. Als das Urtheil vollstreckt werden soll, fängt die Glocke von selbst zu läuten an und verkündet des Hirten Unschuld. Die Glocke, mit den Buchstaben A. M. (Anno millesimo) bezeichnet, hängt noch in der Kirche zu Crombach.
Ähnliche Sagen wie die von der versunkenen Stadt auf dem Kindelsberge oder auf dem Altenberge, finden wir in vielen Bergbaugegenden Deutschlands.
Lässt sich auch die Zeitstellung nicht genau angeben, so ist es doch gewiss, dass sich auf dem Altenberg bei Littfeld wie auf der Martinshardt bei Müsen die ältesten Spuren des Bergbaues im obern Siegerlande nachweisen lassen. Jung-Stilling theilt uns in seiner Selbstbiographie die Sage von der Linde auf dem Kindelsberge mit. Wie die Umgebung, tragen die meisten der hier noch im Volke lebenden Sagen ein ernstes, düsteres Gepräge.
Die Linde auf Schloss Kindelsberg
Ein Fräulein des Schlosses auf Kindelsberg hatte einem Grafen von der Mark Treue und Hand gelobet.
Der Graf zieht in’s heilige Land und gibt seiner Braut ihr Versprechen zurück, wenn, eh’ er heimgekehrt, die Schlosslinde verdorrt sei. Drei Jahre vergingen, nicht zurück kehrte der Geliebte. Da stellte sich ein anderer Freier ein. Das Fräulein wies seine Werbungen zurück, blieb treu dem, ihrem Bräutigam gegebenen Worte. Da fasst der neue Bewerber, ein Ritter von Geisenberg, den Entschluss, bei nächtlicher Weile die Linde fortnehmen und durch eine dürre ersetzen zu lassen. Es geschieht, aber treu bleibt das Fräulein auf dem Kindelsberge ihrem Worte, weis’t den Freier zurück.
Der Geisenberger fuhr auf im Zorn,
Erstach die Maid mit dem Schwert.
Des Abends drauf ist der Graf von der Mark
In’s Schloss zurückgekehrt.
Mit Thränen begrub er am nächsten Tag
Die todte Braut da, wo sie lag,
Und warf die Linde den Berg hinab,
Und pflanzt’ eine Weide auf das Grab.
Der Wind, der kos’t mit der Weide.
L. Wiese.
Der Gasthof zum Kronprinzen von Preusen in Hilchenbach
Wollen wir nicht von Müsen nach Siegen zurückkehren, so können wir unser Nachtquartier in Hilchenbach im „Kronprinzen von Preussen” aufschlagen, um von hier aus am folgenden Tage die zweite Bergfahrt anzutreten. Zwischen Dahlbruch und Allenbach gelangen wir im heiligen Frieden romantischer Waldeinsamkeit, ehe wir Hilchenbach erreichen, zu dem, in einem üppigen, von dem Ferndorfbach bewässerten Wiesenthale gelegenen Stift Keppel.
Das Stift Keppel
Friedrich von Haynchen gründete 1239 hier ein adliges Frauen-Prämonstratenser-Stift für 24 Conventualen. Von der mit dem Stift verbundenen Capella erhielt dasselbe den Namen. Graf Johann der Ältere verwandelte das Stift 1567 in ein weltliches Fräuleinstift. Die ursprüngliche weisse Ordenskleidung nebst Schleier wurde jetzt schwarz mit weissem Schleier. Im Jahre 1626 erhielt das Jesuiten-Collegium in Siegen die Güter und Renten des Stiftes. Nachdem die Jesuiten aber 1654 aus Siegen verwiesen, wurde das Stift wieder hergestellt, aus einer Äbtissin und vier katholischen und vier reformirten Stiftsfräulein bestehend. Das Stift ward 1811 unter bergischer Herrschaft aufgehoben, seine Güter und Renten eingezogen, dieselben aber, nachdem Preussen in Besitz des Siegerlandes gelangt, seit 1815 zur Unterstützung der Töchter verdienter Staatsbeamten verwandt. Das Stift, jetzt in eine Ökonomie umgeschaffen, ist nicht mehr von Conventualinen bewohnt.
Rückkehr nach Siegen
Auf dem angegebenen Wege kehren wir nach Siegen zurück, zieht man nicht vor, in Hilchenbach zu übernachten und am folgenden Tage über Lützel die Quelle der Sieg zu besuchen.