Ausflug nach den Quellen der Lahn, der Sieg und der Eder
Karakter der Gegend. – Weg von Siegen. – Wege von Netphen, Deutz. – Walpersdorf. – Der Lahnhof. – Quelle der Lahn. – Die Stiegelburg. – Fernsichten. – Das Denkmal in der Kirche zu Irmgarteichen. – Die Siegquelle. – Die Ederquelle. – Hohenrode. – Lützel. – Die Kronprinzen-Eiche. – Weg nach Siegen. – Schluß.
Karakter der Gegend
Nichts ist natürlicher, als der Wunsch, auch die Wiege des Flusses kennen zu lernen, dessen Schönheiten wir bewundert, dessen Geschichte wir uns haben erzählen lassen. Führt auch von Siegen ein direkter Fahrweg über Netphen, Deutz, Walpersdorf nach Lahnhof in das Quellengebiet der drei Flüsse, so würde ich dem Touristen aber anrathen, sich auf seiner Bergwanderung dem Zufall zu überlassen, der ihm auf den Höhen, wie in den Gründen die überraschendsten, nie geahnten Wunder erschliesst. Zu Führern wähle er die ihm von den Bergen entgegenhüpfenden Bächlein. Einsam wird er sich nie fühlen in der erhabenen Berg- und Waldeinsamkeit, so reich in ihrer Fülle an poetischen Schönheiten. Wie unendlich schön ist es im Frühlinge, wenn uns der unermüdliche Schlag der Amsel hinauslockt in den grünflammenden Wald, der frische Duft der Nadelhölzer uns nervenstärkend berauscht, die Wiesengründe uns ihren frisch grünen Teppich entgegenbreiten, von den Berghalden uns das Gebrüll der schmucken Rindviehheerden an das Dasein der Menschen mahnt, der süsse Duft der Bergkräuter uns ringsher erquickt. Wie schön ist es im Sommer, stehen die Wälder in vollem Laubschmuck, der im goldigen Sonnenscheine spielt, harrt der üppige Sammtschmelz der Wiesen der Sense, deren Dengeln uns aus den Wiesenthälern entgegenschallt, überrascht uns im einsamen Thalgrunde die festliche Geschäftigkeit einer Heuernte, fröhliche, glückliche Menschen, über welche die Sonne ihr belebendes Gold giesst, oder treiben die Wolkenschatten mit dem Lichte ihr phantastisches Spiel auf den Kuppen, in den oft schauerlich düstern Thälern, oder ballen sich die Wolken an dem bewegten Horizont düster zusammen, braus’t der Sturm vernichtend durch die Kronen des Hochwaldes, Vorbote des hier furchtbar schönen Schauspiels eines Gewitters mit allen Schrecken seiner Majestät, die Erde in ihren Vesten erschütternd, die vor Kurzem so lieblichen Bächlein in reissende Sturzbäche verwandelnd — und dann das Wollustathmen der ganzen Natur, ist die schauerliche Majestät des Gewitters vorübergezogen. Wie reich an Schönheiten ist hier der Herbst, die Hauberge und Forsten in den buntesten Tinten falbend, gehoben durch das Saftgrün der Wiesen; wenn die Waldorgeln tiefergreifend ertönen, streift der Wind klagend durch dieselben, wenn auf den Höhen und in den Gründen der Jagdruf ertönt und der Wiederhall mit dem Gekläff der jagenden Hunde und den fallenden Schüssen spielt, in der entlegensten Abgeschiedenheit die Meiler der Köhler dampfen und mit der frühesten Frühe des Tages der Vogelsteller auf seinem Heerde des Fanges gewärtig ist. Unerschöpflich ist die Natur hier mit ihren Reizen und Schönheiten!
Weg von Siegen
Wir folgen von Siegen aus dem bekannten Wege über Sieghütte, Fickenhütten, Weidenau, Müsenershütte, wo die Sieg ihren Lauf nach Westen wendet, nach Dreisbach durch eine fast zusammenhängende Reihe der freundlichsten, durch ihre Reinlichkeit einladenden Hütten-Dörfer, lachende Wiesenfluren bis nach dem auf dem rechten Siegufer sich hindehnenden Nieder- und Ober-Netphen in einem üppigen Wiesengrunde, auf dem linken Ufer der Sieg von der Obernau und von der Netphe bewässert, die hier in die Sieg münden.
Wege von Netphen, Deutz
Von Ober-Netphen wähle man den Weg über die Höhe und den Hochkopf bis zum Feuerbach, der bis zu dem am rechten Ufer der Sieg 1031 F. über der Nordsee gelegenen Dorfe Deutz führt. Der anmuthigste Wechsel erfreut von diesem Bergpfade nach allen Richtungen das Auge, Hochwald krönt die Gipfel der Berge, mitunter mit ihren düstern Thalgründen wild im Karakter, während in vielen Thälern der gesegneteste Ackerbau, die üppigste Wiesenkultur uns entgegenlacht.
Walpersdorf
Wollen wir nicht auf der Höhe bleiben, von der uns die der Sieg zueilenden Bäche in ihr Thal geleiten über Grissenbach, Nenkersdorf nach dem, am Stunerbach, 1223 F. über der Nordsee liegenden Ober- und Nieder-Walpersdorf.
Der Lahnhof
Durch eine Thalschlucht führt uns der Weg nach dem Lahnhofe, einer königlichen Försterei, wo uns eine empfehlenswerthe Raststätte erwartet, die beste leibliche Erquickung.
Quelle der Lahn
Vom südöstlichen Berghange eilt rieselnd ein bescheidenes Bächlein durch eine Wiesenmatte dahin, es ist die Lahn, deren Wiege 1901 F. über dem Meere, ein unansehnliches Börnlein im Keller des Lahnhofes sprudelt.
Die Stiegelburg
Haben wir uns hier in der gemüthlichen Wohnung des Försters gestärkt, schicken wir uns zur Besteigung der über 2000 F. hohen Stiegelburg an.
Durch den herrlichsten Hochwald, das heilige Dunkel seiner Schatten geht der fast eine Viertelstunde lange Weg zum Gipfel des Berges. Wir haben denselben erreicht, und hoch auf jauchzt die Seele, denn welch’ ein Anblick fesselt das Auge!
Fernsichten
Unbeschreiblich ist das uns umgebende Bergpanorama. Das ganze Siegerland mit seinen Höhen und Thälern, seinem Segen des Ackerbaues und der Wiesenkultur und seiner industriellen Thätigkeit überschauen wir. Nach Osten reicht das Auge bis zu den bewaldeten Firsten des Westerwaldes, nach Süden zu den malerischen Höhen des Taunus und nach Westen bis zum Siebengebirge und den einzelnen Kuppen der Eifel. Auf weitem Plane von unserem Standpunkte erhebt sich der Hohenselbachskopf und die Fischbacher Berge, mehr landeinwärts prangt von seinem Gipfel das Gehöfte Rödgen, früher Stammsitz der Familie von Rode; dem Lauf der Sieg folgend entdecken wir den 1267 F. hohen Lindenberg bei Siegen und das obere Schloss der Stadt. Der Kindelsberg und die Martinshardt begränzen in Nordwesten den Horizont, mehr im Norden die alte Burg bei Affholderbach und nordöstlich schweift der Blick in’s Land der alten Katten, in das Wittgenstein’sche.
Am südlichen Fusse der Stiegelburg liegen die Dörfer Irmgarteichen und Hainchen.
Das Denkmal in der Kirche zu Irmgarteichen
Auf dem Hainchen bei letzterem Dorfe lag das Schloss derer von Hane, Hann oder Hain, von denen die Veste im 14. Jahrhundert an die Familie von Bicken kam. Die Kirche zu Irmgarteichen bewahrt noch ein reiches Grabmonument der Gebrüder Johann († 1555) und Ebert († 1554) von Bicken, beide in voller Rüstung auf einem Löwen neben dem Kreuze in betender Stellung knieend. Ihr Bruder Philipp liess ihnen das Denkmal errichten.
Wie die Sage erzählt, wurden drei Gebrüder von Bicken im Türkenkriege gefangen, aus der Gefangenschaft aber befreit und von Löwen über das mittelländische Meer getragen, da sie gelobet, dem Heilande eine Kirche zu bauen, wenn sie aus der Gefangenschaft befreiet. Einer der Brüder verlor den Glauben und ging unter im Meere, die beiden andern kamen glücklich in die Heimath und erbauten die Kirche zu Irmgarteichen an der Stelle, wo früher eine aus Holz von der h. Irmgarde errichtete Kirche, woher auch der Name des Dorfes, gestanden hatte.
Die Siegquelle
Ungefähr eine halbe Stunde gebrauchen wir vom Lahnhofe, dem Bergrücken in nordöstlicher Richtung folgend, im Schatten des duftigsten Buchenwaldes bis zur Siegquelle.
Aus klarem Börnlein entspringt die Sieg, auf der Sonnspitze etwa 1950 F. über dem Meere unter dem Schutze eines Holzdaches, umrauscht von majestätischem Buchen- und Kieferwalde. Von den Buchen geschützt, wagt sich die Quelle schüchtern aus ihrem Versteck, den Berg westlich hinabrieselnd, aber bald einem üppigen Wiesengrunde Nahrung und Frische spendend. Über der Quelle baut sich im Schatten des Tannenwaldes eine Bretterhütte, dem Wanderer Schutz und Rast bietend, da man beim Förster auf dem Lahnhofe, wo man übrigens auch übernachten kann, den Schlüssel zu der Hütte findet.
Die Ederquelle
Der dritte Besuch gilt der Ederquelle.
Folgen wir dem Höhenzuge, auf dem wir uns befinden, zwischen hohem Buschwerke zur Rechten und laubfrischem Buchenwalde zur Linken, mit malerischem Fernblicke durch seine Lichtungen und überraschender Fernsicht, wo der Buchenwald sein Ende erreicht, auf das Laaspher Schloss, ein Besitzthum des Fürsten von Sayn-Wittgenstein, und nach den Höhen und Thalgründen des Westerwaldes, gelangen wir nach einer Stunde Wegs zu einem Fahrwege, dem wir einige hundert Schritte folgen, um am Minuten-Stein 0,20 links waldeinwärts zu biegen, wo wir nach ein paar hundert Schritten auf die in wilder Öde, in der sogenannten Schwanche sprudelnde Ederquelle stossen. Hier in dieser unwirthbaren Umgebung, 1978 F. über dem Meere, quillt die Eder, sich in nördlicher Richtung bald unter Birkengestrüpp verlierend. Eine unheimliche Stille umgibt uns, nur zuweilen durch des scharfen Windes Stossseufzer unterbrochen. Baut der Köhler hier seine Meiler, so geschieht es oft, dass ein wildes hageres Weib ihn anbettelt, entspricht sein Almosen den Forderungen der Zudringlichen nicht, kann er darauf rechnen, dass er am Morgen seinen Meiler zerstört findet.
Hohenrode
Auf demselben Wege umkehrend, gelangen wir zum Forsthause Hohenrode, wo sich die Strassen nach Lützel und nach Netphen kreuzen, und von dem aus wir das ganze Kesselthal des Lahnhofes überschauen können, die Wasserscheide zwischen Rhein und Weser, die Grenze zwischen Westerwald und Rothhardt-Gebirge. Von der Försterei in südwestlicher Richtung abbiegend, stossen wir in dem anmuthigen Ehelle-Thale auf die mächtige Quelle der Obernau unter dem Schutze dichtbelaubter Buchen. Der Thalschlucht des Baches folgen wir, eine unwirthliche Gegend, bis zu der, auf seinem rechten Ufer sich erhebenden Alten Burg, wo uns ein heiteres, sonniges Querthälchen empfängt, welches uns alle Ungeheuerlichkeiten vergessen lässt, mit denen der Volksglauben die Umgebungen der alten Burg ausstattet. Von dem von einem Zwerge bewahrten Schatze haben wir bereits erzählt. Nur ein Zwillingspaar, welches das rechte Wort gefunden, kann ihn aus der Tiefe des Brunnens heben; wie dies denn auch einmal geschah. Schon sahen die Schatzgräber das helle Gold im Mondscheine am Rande des Brunnens blinken, schon waren sie im Begriffe, den Kessel zu heben, da verweigerten sie dem Schatzwächter die Hälfte des Goldes den Armen zu geben, wie sie gelobet, und da sie auf ihrer Weigerung beharrten, stürzte der schwere Kessel wieder in die Tiefe. Und wer weiss, ob je wieder ein Zwillingspaar das Wort findet, um den Schatz zu heben? In der Gemarkung des an der Strasse liegenden Eschenbach spukt der Leiniges-Mann, ein fürchterliches Gerippe mit menschlichem Kopfe, dessen Anblick schon Manchem die schrecklichste Todesangst eingejagt hat.
Lützel
Mit der Obernau-Strasse erreichen wir Netphen und von hier aus auf dem angegebenen Wege Siegen. Von Hohenrode können wir auch die Strasse nach Lützel einschlagen, wo wir, hat uns der Abend überrascht, eine gute Nachtsherberge finden.
Die Kronprinzen-Eiche
Ein Besuch der Kronprinzen-Eiche an der Strasse im Lützeler Walde lohnt der Mühe. Unser hochseliger König Friedrich Wilhelm IV. pflanzte am 16. Oktober 1833 auf einer Reise von Berleburg nach Müsen diese Eiche. Ein Eisengitter schützt die Erinnerung an einen edlen Fürsten, den Weihebaum, dessen nächste Umgebung zu den jährlichen Schützenfesten der Nachbargemeinden benutzt wird, die auch hier, wie im ganzen Siegerlande, die altherkömmlichen Jahrmärkte verdrängt haben.
Weg nach Siegen
Von der Kronprinzen-Eiche nehmen wir den Affholderbach zum Führer bis zur Netphe, und gelangen mit dieser durch das freundlichste Wiesenthal bald nach Netphen und auf dem bekannten Wege wieder nach Siegen.
Schluß
Vollendet ist unsere Siegfahrt. Auf dem Heimwege zum Rheine können wir die einzelnen Punkte besuchen, die wir siegaufwärts ziehend, nicht berührten, die Wege wählen, welche der Führer auf dem Hinwege blos angedeutet hat.
Nicht unbefriedigt kehren wir heim. Die manchfaltigsten Bilder und Erinnerungen lässt der Besuch des schönen Siegthales, des romantischen Siegerlandes der Seele zurück, und wenn sich dieselbe in spätern Tagen noch an ihnen erlabt, jauchzt sie, von edlem Stolze gehoben, wonnetrunken auf:
Wie schön bist du, o Deutschland, Vaterland!