Das Siegthal
Wir kehren aber zu dem, in dem Wechsel seines Karakters, in seinen landschaftlichen Schönheiten, in seinen historischen Erinnerungen, in der industriellen Thätigkeit seiner Bewohner außerordentlich einladenden Siegthale zurück, das mit seinem ganzen Gebiete etwa 50 Gevierte Meilen umfasst. Schieferformationen bilden den westlichen Theil des Thales, während die Grauwacke im Osten vorherrscht, mannigfaltig von Basalten und Trachiten durchbrochen. Alle geognostischen Erscheinungen, die wir an den nördlichen Abdachungen des Westerwaldes beobachten, finden wir auch in diesem Theile des Thales, überreich an Eisen und verschiedenen andern Metallen.
Wenn auch durch die Fürsorge der königlich preußischen Regierung von einer gut unterhaltenen, bequemen Landstraße durchschnitten, mit guten Communalwegen versehen, ist das Thal dem allgemeinen Verkehr um so mehr erschlossen durch die Anlage der Deutz-Gießener Bahn, die bei Betzdorf nach Wetzlar und Gießen abbiegt, dem Siegflusse folgend aber bis Siegen führt und sich hier an die 14 Meilen lange Ruhr-Sieg-Bahn schließt, deren Bau 10,242,510 Thaler forderte.
Es waren auf der Strecke, besonders in dem romantischen, naturreizenden Lennethal die mannigfachsten Schwierigkeiten zu überwinden, 8 Tunnel mussten durch Felsen getrieben und die Lenne 16 Mal überbrückt werden. Der Bau dieser Bahn ist eben so sehenswerth, wie der der Siegbahn selbst. Jetzt, da man in wenigen Stunden das schöne Thal der Sieg durchfliegen, an einem heitern Sommertage seine Hauptschönheiten genießen kann, nimmt der Besuch desselben mit der schönen Jahreszeit immer mehr zu. Wo man früher nur Geschäftsreisenden begegnete, trifft man jetzt wissbegierige Touristen, welche den Schönheiten des Siegthales nachspüren und neben den Naturreizen auch gar Manches des Wissenswerthen, des Neuen finden. Die Zahl der Städter, welche die einladendsten Punkte des Thales zu ihren Ausflügen, dasselbe zu ihren Vergnügungs-Partieen wählen, wächst auch mit jedem Jahre.
Nicht unwillkommen wird daher Diesen, wie Jenen ein wohlunterrichteter Führer durch das Siegthal sein, der es sich zur Aufgabe gestellt, auf dessen schönste Punkte aufmerksam zu machen, das Wissenswertheste aus seiner Geschichte und der Geschichte der Geschlechter mitzutheilen, die einst auf den Burgen hausten, deren Ruinen noch jetzt seine Höhen krönen, oder in den Burghäusern, welche seine Thalgründe bergen. Ich werde zugleich versuchen, dem Ernste der Geschichte durch die Sagen und Legenden, die noch im Thale leben, den ewigen unvergänglichen Reiz der Poesie zu verleihen.
Wie anziehend das Thal durch seine Naturschönheiten, wie fesselnd die sich an dasselbe knüpfenden Erinnerungen thaten wechselnder Vergangenheit, nicht minder lohnend ist die Kunde seiner Gegenwart über die Verhältnisse der nach den verschiedensten Richtungen äußerst regen Gewerbthätigkeit seiner biederen Bewohner. Auch diese, das industrielle Leben des Thales wird der Führer nicht außer Acht lassen, wenn auch nur in kurzen Andeutungen berühren, aber stets hinreichend für den, der sich zu weiterer Nachforschung über die industriellen Verhältnisse des Thales veranlasst fühlt.
Allenthalben fesselt uns der sichtbare Segen des Friedens, die Emsigkeit einer lebenskräftigen Bevölkerung; allenthalben erfreut uns, wohin wir den Blick wenden, der Wohlstand fördernde Einfluss einer geregelten, musterhaften Verwaltung, welcher sich in allen ihren Zweigen in erfreulichster Weise kund gibt und die Anwohner des Flusses zum aufrichtigsten Danke gegen die Regierung verpflichten muss. Auch dem flüchtigen Beobachter muss es auffallen, wie wohlgeordnet ihm hier das soziale Leben in allen seinen Erscheinungen entgegentritt, und wenn uns auch nur in den östlichen Strichen des Thales ein sichtbarer Wohlstand, ja Reichthum überrascht, so finden wir doch durchschnittlich zufriedene Menschen.