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Das Siegthal · 6 von 29

Die Sieg

Sieg-Quelle. – Lahn und Eder. – Lauf und Mündung. – Bergbau und Hüttenbetrieb. – Viehzucht. – Köhler-Meiler. – Hauberg-Wirthschaft. – Wiesen-Cultur. – Ackerbau, Weinbau.

Sieg-Quelle

Die Sieg, in den ältesten Urkunden Sigaha, Siga genannt, hat ihre mehr als bescheidene Quelle etwa 2000 Fuss (1958) über der Nordsee am nordöstlichen Abhange des Ederkopfes, der sogenannten Sonnspitze, auf der Scheide des Westerwaldes und Rothlager Gebirges.

[Alle Namen der Nebenflüsse des Rheines endigen ursprünglich auf A, denn A, Aa, Ach bedeute: Wasser, gothisch ahva, altkeltisch ache, althochdeutsch Ach, mittelhochdeutsch ahe, welches man von dem Sanskrit-Stamm ag, aj, agh, bewegen, herleitet.

Angeführt seien nur die Flussnamen: Achera (Agger), Arnapa (Erft), Lonaha (Lahn), Naha, auch Nach (Nahe), Rura (Ruhr), Siga, Sigaha, (Sieg).

Der Name Ahr oder Ar bedeutet das schnellfliessende Wasser, entstanden aus dem altdeutschen ur wild, rasch, unbändig und Aa Wasser. Desselben Stammes das Wort Aar,in der Bedeutung von Adler.]

Lahn und Eder

Im Frieden der Laubdächer des schönsten Buchenwaldes, umrauscht von düsteren Tannen, durch welche selbst im hohen Sommer ein frischer Wind zischt, springen in der Nähe die Quellen der Geschwisterkinder der Sieg, nämlich im Keller des Lahnhofes, 1936 Fuss über dem Meere, die Lahn, und in westlicher Richtung von derselben, 1978 Fuss hoch in der sogenannten Schwanche, auf dem Banff, in öder und wilder Umgebung, aber durchaus ohne alle Anmaßung, die goldführende Eder, um sich nach einem Laufe von fast 18 Meilen in nordöstlicher Richtung mit der Fulda zu vereinigen.

[Die Nachrichten über die Goldwäschereien der Edder oder Eder reichen bis zum Jahre 1308. Graf Philipp II. ließ um 1408, Landgraf Karl von Hessen im Jahre 1677 und Landgraf Friedrich 1775 aus Edergold Dukaten prägen. Die Dukaten des Landgrafen Karl von 1677 führen die Umschrift: „Caroli Hassiae Landgravii etc. moneta prima Äderae aurifluae”; die von 1775 haben die Aufschrift: „Sie fulgent litora Adranae aurilluae”, Oberberghauptmann von Eschwege gründete noch 1832 eine „Edder-Gold-Compagnie” zur Gewinnung des Edergoldes.]

Es stehen die Wiegen dieser Flüsse mitten auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Weser. Dem Naturfreunde lohnen sie den Besuch in mancher Hinsicht, wie wir dies bei unseren Streifereien durchs Siegthal, wo wir diese Bergtöchter in ihrer traulichen Einsamkeit nach Muße zu belauschen gedenken, noch erfahren werden.

Lauf und Mündung

In ihrem etwa 16 bis 17 Meilen langen Laufe folgt die Sieg, liegen auch Quelle und Mündung nur 11 Meilen auseinander, in launenhaften Windungen den Krümmungen ihres Thals, bald zwischen lieblichen Wiesengründen, gut bestellten Äckern und Weinbergen, bald zwischen mit dichtem Laubholz bestandenen, in sanften Linien sich hinziehenden Höhen bis, wo sie bei Siegburg ganz in die Ebene tritt, von Siegen ab in stets westlicher Richtung, und sich, gewöhnlich unbemerkt, schüchtern zwischen Weidenpflanzungen versteckt, bei Bergheim, Grau-Rheindorf gegenüber, in dem Strome des Rheines verliert. Wie alle Bergflüsse kann sie aber auch unbändig, ja so ungestüm werden, dass sie in ihrem unteren Thale oft aller Nothwehr des Menschen spottet, rings die Feldfluren überschwemmt und an ihrer Mündung der Rheinschifffahrt äußerst gefährlich ward durch die ungeheuren Massen von Sand und Geröll welche sie dem Flussbette des Rheines zuführt bei einem Falle von 120 Fuss per Meile, oder 1807 Fuss auf ihrem ganzen Laufe. Wie viele Flösse und Schiffe sind auf diesen wechselnden Sandbänken nicht zu Grunde gegangen, und welche Summen hat die Regierung nicht schon angewandt, um diese Gefahren zu beseitigen, die Schifffahrt zu sichern? Ganz gebändigt ist die launenhafte Tochter der Berge jedoch noch nicht, wie bescheiden und schüchtern sie auch in der größten Zeit des Jahres dem Rheine zuschleicht.

Wenn aber im Sommer plötzlich ein starkes Gewitter sie aus ihrer trügerischen Ruhe aufscheucht, braust sie mit eben dem unbändigen Ungestüm dahin, wie im Frühjahre, wenn die Sonne den Schnee, der viele Monate lang ihre Wiege umlagert, die Bergsäume und Schluchten ihres Bettes bedeckt und füllt, in unzählige Bäche und Bergströme verwandelt, und ihr Thal die von allen Seiten ihr zuströmenden Wassermassen kaum zu fassen vermag.

Die Wiege der Sieg liegt in der Provinz Westfalen, im Regierungsbezirke Arnsberg, im Kreise Siegen, der 11,49 Meilen2 mit etwa 40,000 Einwohner umfasst und an den Kreis Wittgenstein stößt, aus 9,52 Meilen2 bestehend, auf denen 20,000 Menschen wohnen. Das mittlere und untere Siegthal gehört zur Rheinprovinz und zwar zum Regierungsbezirke Coblenz in dem Kreis Altenkirchen mit 11,35 Meilen2 und 33,000 Seelen, aber grösstentheils zum Regierungsbezirke Köln, mit dem Siegkreis, der 14,46 Meilen2 umfasst, mit etwa 70,000 Einwohnern.

Bergbau und Hüttenbetrieb

Das regste Bergmannsleben entfaltet in dem oberen Siegthale seine Thätigkeit, die wenigstens bis ins dreizehnte Jahrhundert hinaufreicht, wenn auch einzelne Gruben, Zweifels ohne, bereits früher in Betrieb waren. Es zählt der Kreis Siegen jetzt allein vier Reviere gewerkschaftlicher Bergwerke, deren Gruben aber nur in höchst seltenen Fällen 70 bis 80 Lachter, zu 6 2/3 Fuss, tiefgehen, und in denen durchschnittlich an 3000 Bergleute Beschäftigung finden. Auf Eisenstein, Bleierze, Kupfererze, Fahlerze, Kobalterze, Zinkblende und Nickelerze wird vorzüglich gebaut. Aller Orten sausen die Gebläse der glühenden Hochöfen und Puddlingswerke, bei denen seit der Eröffnung der Sieg-Ruhr-Bahn Coaks theilweise die Holzkohlen ersetzen. Aller Orten pochen die Hammer- und Walzwerke, schwalchen die Schlotte der Schmelzen und geben dem Siegener Lande einen ganz eigenthümlichen Karakter. Produziert wird vorzüglich: Roheisen, Gusswaaren aus Erzen, Eisengusswaaren, Stabeisen, Rohstahl, Schwarzblech, Weißblech und an Metallen: Silber, Blei, Glätte und Kupfer gewonnen.

Viehzucht

Während in den Thalgründen die Kamine der Hochöfen ihre Feuersäulen gen Himmel senden, die Schlotten schwalchen, bei einbrechender Nacht von einer Höhe gesehen, die ganze Gegend bei dem ununterbrochenen Geräusche der Hammerwerke, einen wahrhaft dämonischen und feierlichen Karakter gewinnt, tönt im oberen Thale besonders auf den Bergen, in ihren Halden und in ihren Thälern, das Horn der Hirten, klingen hier die Glocken der Heerden, überrascht uns ein wahres Alpenleben, so bedeutend ist die Viehzucht. Mit dem Ruf des Kukuks zieht der Siegener Senne jeden Tag aus mit seinen Heerden in die Berge, führt sie allabendlich heim und kehrt erst Anfang October am Michaelistage, wenn die Matten abgetrieben sind, zum Überwintern zurück, eines feierlichen Empfanges gewiss. Die Bewohner der einzelnen Dörfer ziehen ihrem Hirten entgegen, nehmen ihm sein Geläute ab, das als Trophä an einer Stange der heimkehrenden Heerde vorangetragen wird.

Köhler-Meiler

Aus den Forsten schallt die Axt des Holzhauers.

In den Lichtungen baut der Köhler seine Meiler, die an allen Enden dampfen. Der 10 bis 12 Fuss hohe Meiler wird über einer Grube um die, in der Mitte derselben errichtete Quendelstange aus 3 bis 6 Fuss langem Knittelholz erbaut. Wenn der Holzstoß geschichtet, wird derselbe mit Rauchdachen, d. h. mit Rasen und Moos umhüllt und rings um den Meiler ein Mantel von feiner Erde festgestampft. Oben in diesem Mantel sind die Zuglöcher angebracht. Die Quendelstange wird, nachdem der Meiler so vollendet, herausgezogen und das Holzschichtwerk von oben herab angezündet.

Im Durchschnitte werden jährlich 3000 Wagen Kohlen gebrannt, der Wagen Kohlen bis zu 2,600 Pfund schwer.

Die Höhen, welche das Siegthal bilden, sind zum größten Theile mit Eichen und Birken bestanden, zwischen denen jedoch auch Ahorn, Erlen, Espen, Faulbäume, Hambuchen, Haseln und wilde Obstbäume vorkommen. Die Verschiedenartigkeit des Laubes dieser Niederwaldungen gibt den Hängen im Sommer den anmuthigen Wechsel des Grüns, und im Herbste die malerischen Töne in der Färbung der Landschaften.

Hauberg-Wirthschaft

Diese Niederwaldungen führen den Namen: „Hauberge,” und je nach dem Hauptbestand „Eichen-Hauberge” oder „Birken-Hauberge.” Sie werden in bestimmten Fristen, nach der Haubergs-Ordnung von 1834, in 6 bis 7 Jahren bis auf die Wurzel abgetrieben, der Boden um dieselben aufgehackt und mit Buchwaizen oder Roggen bestellt und dann, nach der Ernte, wenn das Jungholz eine gewisse Stärke erreicht hat, als Viehweiden benutzt.

Bedürfnis hat wahrscheinlich diese ganz eigenthümliche‚ Hauberg-Wirthschaft, die wir sonst nur in den Kreisen Altenkirchen und Olpe, im Dillenburgischen und im Odenwalde finden, in’s Leben gerufen, und schon früh nach bestimmter Ordnung geregelt, bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts der Fürst des Siegener Landes Friedrich Wilhelm Adolph, nachdem er sich 1702 mit Elisabeth, Prinzessin von Hessen-Homburg vermählt hatte, der Hauberg-Wirthschaft ein allgemeines Gesetz gab, welches der Volksmund mit dem Namen „goldene Jahn-Ordnung” bezeichnet hat. Nach derselben sind alle Hauberge einer Ortsgemarkung konsolidirt, d. h. in ein Ganzes verschmolzen und in 15 oder 20 Haue oder Schaaren, wie man die Schläge nennt, eingetheilt, von denen jedes Jahr nur einer abgetrieben werden soll. Hinsichtlich der Nutzniessung ist das Ganze in Stammjähne oder gleiche Parzellen abgetheilt, an welchen jeder einzelne Haubergbesitzer nach seinem früheren Alleineigenthum nach Ruthen, Albus, Pfennigen, Bechern und Maassen Antheil hat.

Ende April werden die Haue in Stammjähne getheilt und diese verloost, um, in Jähne getheilt, wieder an die einzelnen Interessenten nach ihren Gerechtsamen verloost zu werden. Nach dieser Verloosung kann derjenige das Stück, das ihm als Loos zugefallen, auf zwei Jahre als Eigenthum benutzen, abholzen und mit Frucht bestellen, nach deren Erndte das Ganze wieder Gesammt-Eigenthum wird, das, wenn die Reihe an den Hau kommt, von Neuem in obiger Weise getheilt wird, wobei zu bemerken, dass die ungetheilten kleinen Stücke, unter dem Namen „Sauf-Ecken”, im Wirthshause an den Meistbietenden der Haubergberechtigten versteigert werden, und der Ertrag in Gemeinschaft verjubelt wird.

Natürlich ist diese Bewirthschaftung der Forsten bestimmten Regeln unterworfen. Zuerst wird in den Haubergen Anfangs März gestraucht oder der Hain geräumt, d. h. die Reiser an den jungen Stämmen abgehauen, zu Schanzen und Wellen gebunden und aus dem Hau geschafft. Nachdem hierauf zu je 15 Schritten die Samenriedel, die stehen bleiben sollen, mit einem Strohseile oder einer Weide bezeichnet sind, wird alles Holz, ausser den, noch nicht 1 1/2 Zoll haltenden Samenloden, bis auf den Boden abgehauen. Mit Ende April muss dies Geschäft beendet sein, nur in den mit Eichen bestandenen Bergen, deren Rinde als Lohe benutzt wird, dauert es bis Ende Mai, da man mit dem Schälen der Stangen erst beginnen kann, wenn der Saft völlig in Umlauf getreten, indem sich dann erst die Schaale leicht vom Splinte löst.

Das Schälen geschieht mit dem Loheisen von unten herauf. Nachdem die Rinde am Stamme getrocknet, wird sie abgerissen und in Bürden gebunden, die, zu 1 1/2 bis 2 Gulden verkauft, den Gerbereien des Siegener Landes das herrlichste Material zu ihren weit berühmten Lohgerbereien liefern, welche mit ihrem Produkte dem Thale im Durchschnitte jährlich 200,000 Thlr. einbringen.

Die gefällten, gewöhnlich zwischen 8 und 10 Fuss langen und von 2 1/2, bis 4 Zoll im Durchmesser haltenden Stangen werden in die Thalgründe geschafft, wo die Köhler ihre Meiler bauen, und hier zu deren Verbrauch aufgestapelt.

Nachdem die Haue vom Holze geräumt, wird der Rasen zwischen den Stöcken mit scharfen Hainhacken vom Boden geschält und in 2 bis 3 Zoll dicken Platten zum Trocknen aufgestellt. Sollen die Haue mit Buchwaizen bestellt werden, verbrennt man die Rasen zu Ende Mai. Ihre Asche dient als Dung für die Mitte Juni vollzogene Aussaat. Bei Roggensaat, die natürlich später erfolgt, werden die Rasen erst Mitte Juli verbrannt und zwar in kegelförmigen Haufen, die man über dem gesammelten kleinen Reisig aufthürmt. Zweimal 24 Stunden dauert der Rasenbrand. Die Aschenhaufen werden vor der Aussaat mit der Hainkratze gleich vertheilt und die Saat selbst auf 1 bis 2 Zoll tief untergehackt. Die mit Buchwaizen bestellten Haine heissen Haidlooshaine, die mit Roggen besäete Kornhaine. Gewöhnlich wird der Roggen auf Tüchern in den Hainen ausgedroschen.

In der Regel können die Haue wieder mit dem sechsten Jahre als Rindvieh-Weiden benutzt werden, bei jüngeren Holzungen und künstlicher Pflanzung oder Saat aber erst nach zehn und zwölf Jahren. Als Viehweiden werden die Hauberge so lange betrieben, bis sie wieder abgeholzt werden.

Sie haben demnach als Holzungen, Fruchtland und Viehweiden dreifachen Nutzen und bilden die Hauptnahrungsquellen der Landbewohner, denn ausser dem zum Kohlenbrennen benutzten Holze, liefern sie im Durchschnitt jährlich 130,000 Bürden Lohe und etwa die Hälfte der jährlichen Kornerndte oder ein Viertel des Fruchtbedarfs, nämlich etwa 3 Millionen Pfund Stroh. Im Kreise Siegen stehen 106,405 Morgen Interessenten-Waldungen und 6466 Morgen Gemeinde-Waldungen unter der Communal- und Haubergs-Oberförsterei, während die Waldungen des Siegkreises zur Oberförsterei Siebengebirge gehören. Sämmtliche Waldungen stehen unter der technischen Leitung eines Regierungs-Forstmeisters.

Nach diesem Systeme der Forstwirthschaft ist im Siegthale an keine Ausrodung der Waldungen zu denken, mithin an keine Umgestaltung des äusseren Karakters in seiner grössten Ausdehnung.

Der Niederwald mildert zudem wesentlich die Rauheit des Klimas dieses hochgelegenen Landstriches, dem blosser Hochwald noch mehr Kälte bringen würde, wie auf der anderen Seite eine durchgreifende Entwaldung der Thalgehänge alle Nachtheile in der Umgestaltung der klimatischen Verhältnisse, wie wir diese in anderen Gegenden und Ländern, denen man unvernünftiger Weise den Segen des Waldschutzes genommen hat, so bitter zu beklagen haben.

Wiesen-Cultur

Längs dem Bette des Flusses erfreut das lieblichste, frischeste Wiesengrün das Auge des Wanderers. Im Hochsommer erklingt hier von der Frühe des Tages das Dengeln der Sensen, die Lieder der Mäherinnen und Mäher begleitend. Jeden müssen die künstlichen Anlagen der üppigsten Wiesengründe, die sich bis hinein in des Flusses Nebenthälchen erstrecken, erfreuen, und Jeder wird den Siegener Wiesenbauern den Preis ihrer praktischen Geschicklichkeit zuerkennen, welche selbst in entfernten Gegenden verdiente Anerkennung gefunden hat, indem sie häufig zur Anlage von Wiesen nach fremden Ländern berufen werden.

Wie beim Bergbau, bei der Haubergwirthschaft, hat auch die Regierung beim Wiesenbau die schützende Überwachung übernommen und im Jahre 1846 eine neue Wiesen-Ordnung erlassen, die noch in Kraft besteht.

Gemeinsam müssen die Kosten zur Anlage der Deiche und Wehre, der Hauptwässerungs- und Abzugs-Kanäle, der Aufräumung der Hauptgräben von den Eigenthümern getragen werden. Die Arbeiten selbst werden von akkordirten Taglöhnern ausgeführt, höchst selten von den Eigenthümern selbst; wo dies geschicht, aber jede Fahrlässigkeit mit Geldstrafen geahndet. Die Wiesen werden in Haupt- und Nebenwiesen getheilt, je nach ihrer Lage zu den Ortschaften, denen sie gehören. Man nennt sie natürliche, bedürfen sie keiner künstlichen Anlagen, und im entgegengesetzten Falle künstliche.

Sind die Wiesen auf den Regen des Himmels angewiesen, nennt man sie Himmelswiesen. Bei der künstlichen Bewässerung hat man die Überrieselungs-Methode durchgeführt, wobei alle Gefälle geebnet und besonders dafür gesorgt wird, dass die Bewässerung eine allgemeine, ohne dass das Wasser stehen bleiben kann. Bei den Anlagen von Bewässerungs-Vorrichtungen gilt das Expropriations-Recht. Bei Einreden entscheidet die Regierung als letzte Instanz. Auf das Schönste sind alle möglichen Umstände, das Gemeinwohl fördernd, durch die letzte Wiesen-Ordnung geregelt.

Der Ertrag der Siegener Wiesen entspricht den zweckmässigen Anlagen und der sorgsamen Unterhaltung derselben, da sie in den besten Lagen selbst bis 60 Centner Heu und Grummet per Morgen liefern, dann durchschnittlich 30 Ctnr. bei guten, in mittlerer Lage 20 Cntr. und in schlechter noch immer 8 bis 10 Cntr., indem in den besten Lagen jährlich viermal gemäht wird, in den folgenden dreimal, dann zweimal, und nur in den schlechten, wie im Wittgensteinschen, einmal.

Ohne die herrliche Wiesenkultur, die uns neben geregeltem Ackerbau allenthalben, aber besonders im oberen Thale erfreut, wäre im Siegthale der im Verhältnisse grosse Viehstand gar nicht denkbar; denn woher wollte man das Winterfutter sonst nehmen? Die Anwohner der Sieg sind nun einmal auf die Viehzucht hingewiesen, wie die Schweizer, denn in den Strichen, wo kein Bergbau betrieben wird, reicht der Ackerbau nach dem Bodengepräge nicht aus, ihnen Beschäftigung zu geben. Schaffen die Hauberge dem kräftigen, wenn auch nicht sehr starken Vieh im Frühjahre und Sommer Futter im Überfluss, so würden die Heerden aber ohne die Wiesen im Winter nicht durchzubringen sein.

Ackerbau, Weinbau

An der Untersieg wird bis dahin, wo das Thal anfängt enger zu werden, etwa bis Blankenberg, an den sonnigen Lagen mit Erfolg Wein gebaut.

Früher sind noch weiter aufwärts Weinberge angelegt gewesen, aber aus Mangel an Ertrag eingegangen. Am Keltersberg bei Eitorf ist im weinberühmten Kometen-Jahre 1811 der letzte Wein gezogen worden. Die Rauheit des Klima lässt an der mittleren und oberen Sieg, deren Thäler im Durchschnitte 900 bis 1000 Fuss Höhe über der Nordsee erreichen, feines Tafelobst nicht gedeihen und an der oberen Sieg selbst nicht einmal Waizen, nur Roggen und Hafer.

Von Hamm aufwärts nimmt das Thal den romantischen Karakter eines durch den vielseitigen Hüttenbetrieb belebten Hochlandes, dessen Berge, ausser den Niederwaldungen in einzelnen Lagen, mit stattlichem Hochwalde, Eichen und Tannen beständet, so dass dieser sich hier zu Wiesen, Äckern und Gärten wie 5 bis 6 zu 1 verhält. Einzelne der Berge und Punkte haben hier eine absolute Höhe von mehr, als 1000 Fuss, so der Giebelwald 1603, der Häusling bei Siegen 1178, der Lindenberg bei Siegen 1267, Deutz an der Sieg 1031, Nieder-Walpersdorf 1223, die Siegquelle 1953, die Lahnquelle 1901, das Gehäu über der Ederquelle 2060, der Jägerhain bei der Siegquelle 2010, die Stigelburg beim Lahnhof 2024 und der Pfaffenhain bei Lützel 2052.

Des Thales Enge wehrt die Bildung bedeutender Zuflüsse. Von einzelnen Felsen sickern die sozenannten Siefen, von den Höhen rinnen auf beiden Seiten der Sieg mancherlei Bächlein, an denen, selbst an den Ufern des Flusses, die Anwohner ihre Heimstätten gegründet haben. Verschiedene dieser Zuflüsse bahnen sich ihren Weg durch anmuthig liebliche Thalgründe, treiben Mühlen, werden aber allenthalben mit grossem Geschick zur Bewässerung des schönen Wiesenflors benutzt, welcher die ganze obere und mittlere Sieg auf beiden Ufern bekränzt.

Im mittleren Thale fällt bei Wissen, nach einem Laufe von sechs Meilen, aus dem Westerwalde kommend, die Nister in die Sieg. Das Bett dieses Zuflusses ist eine wild romantische Bergschlucht, die südlich bis zur Wied hinreicht. Einzelne von den höchsten Höhen des Oberthales entspringende Quellen bilden im Frühjahre an manchen Stellen romantische Sturzbäche und tragen nicht wenig dazu: bei, den äusserst naturschönen, wenn auch mitunter sehr wilden Partieen des oberen Thales über der Siegquelle, den malerischen Karakter der Vorberge der Schweiz zu verleihen, reich an den fesselndsten Vorwürfen und Studien für den Landschafter.

Die Agger (Achera) ist der bedeutendste Zufluss der untern Sieg. Sie entspringt auf dem Sauerländischen Gebirge und mündet, nachdem sie unweit Weierdorf auf ihrem rechten Ufer als Beifluss die Sülz aufgenommen hat, bei Troisdorf, durch die Landstrasse und die Eisenbahn überbrückt, gleich unterhalb Siegburg in die Sieg.

Das friedliche Aggerthal ist in seinem untern Theile belebt durch verschiedene blühend gedeihende industrielle Anlagen. Im Oberlaufe ist die Agger aber reich an idyllischen Schönheiten, besonders für den Freund stiller Abgeschiedenheit, in landschaftlicher Beziehung äusserst lohnend, da zudem der Fluss dem Angelfischer die reichste Beute spendet.

Das Siegthal
Ernst Weyden (1865, gemeinfrei) · aus der Fraktur übertragen von Frank Kemper

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