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Das Siegthal · 7 von 29

Von Beuel nach Blankenberg

Beuel. – Landstrasse-Pützchen. – Weg durchs Siebengebirge. – Heisterbach. – Oberpleis. – Blankenberg. – Siegburg.

Dem Wanderer stehen verschiedene Wege offen, will er vom Rhein aus seine Streifereien durch’s Siegthal antreten. Von Bonn aus bietet ihm die Postverbindung für 9 Sgr. jeden Tag mehrfach Gelegenheit nach Siegburg zu gelangen, das er als den Ausgangspunkt seiner Wanderungen bestimmen kann.

Beuel

Rasch führt ihn, neben der fliegenden Brücke, eine Dampffähre – eine gewiss dankenswerthe Neuerung – von Bonn nach dem gegenüber am Ufer sich hin dehnenden freundlichen Beuel, das schon im 12. Jahrhunderte unter dem Namen Buela, oder Buwela, als theilweise zu den Besitzungen der Stiftskirche zu Schwarz-Rheindorf gehörend, angeführt wird. Es schenkte nämlich der Erzbischof von Köln Arnold II. von Wied (1151—1159), der Erweiterer der baumerkwürdigen romanischen Kirche in Schwarz-Rheindorf, die wir noch zu besuchen gedenken, in Verbindung mit seiner Schwester Hattwiga, Mitstifterin des Klosters, als Äbtissin des Stiftes von Essen 1164 gestorben, Weingüter in Beuel, Honnef, Cadorf und Roisdorf, Höfe in Schweinheim, Mehlem und Soeven, welche Güter Kaiser Friedrich der Rothbart 1156 am 17. Septbr. unter seinen besonderen Schutz nahm.

Beuel, das jetzt circa 900 Einwohner zählt, ist ein sehr verkehrreicher Ort und hat im Segen des Friedens, gleich den meisten kleinen Ortschaften am Niederrhein, ein gar einladendes Äusseres gewonnen. An verschiedenen Punkten überragen die Wahrzeichen unserer Tage, die industrielle Thätigkeit verkündenden obeliskenartigen Schlottfänge die freundlichen Häusergruppen des Ortes, wo dem Wanderer manch gastliches Dach entgegenwinkt.

Landstrasse-Pützchen

Äusserst bequem und gut unterhalten ist die Landstrasse bis Siegburg. Auf der rechten Seite gewährt sie die Aussicht auf die schön gruppirte Nordseite des Siebengebirgs, und führt am sogenannten Pützchen, niederrheinisch so viel als Brünnlein, vorbei, wo schon seit dem zehnten Jahrhundert ein Heilbörnlein quillt, das noch jährlich am zweiten Sonntage im September Tausende zu einem am Niederrhein berühmten Marktfeste versammelt. Die heil. Adelheid, Äbtissin des von ihren Eltern, dem Grafen Megingoz und dessen Gemahlin Gerburga schon 996 gestifteten Klosters zu Vilich, hiess durch ihr Gebet, so berichtet die Legende, das Börnlein aus der Erde quillen, als anhaltende Dürre Vieh und Menschen verschmachten liess. Gegen Augenübel brauchen die gläubigen Frommen noch heut zu Tage das Wasser des Adelheidis-Pützchen. Das hier, im Segen reicher Fruchtfelder am Anfange des vorigen Jahrhunderts erbaute Karmeliter-Kloster ward 1802 aufgehoben. Während der letzten Jahrzehende diente das Gebäude zum Asyl gefallener Frauen, als eine sogenannte Besserungs-Anstalt für büssende Magdalenen.

Links von der Landstrasse fällt der Blick auf die Kirche zu Schwarz-Rheindorf und ihre Umgebungen, während sich, den Hintergrund der Landstrasse bildend, vor dem Reisenden die weit ausgedehnten Gebäulichkeiten der Abtei Siegburg, jetzt Provinzial-Irren-Anstalt, erheben, überragend von ihrer drohenden Höhe das zu ihren Füssen liegende Städtchen, und rings die Ebene bis weit hinaus über den Rhein beherrschend.

Eine steinerne Brücke führt jetzt bei Siegburg über die Sieg nach der Stadt, und oberhalb derselben über einen zierlichen Brückenbau neben der Eisenbahn auf dem linken Ufer den Windungen des Flusses folgend, bis nach Halft, wo die Strasse auf das rechte Ufer des Flusses tritt, um bei Au und Hamm, also in der Mitte des Flusslaufes, wieder auf das linke überzugehen. Oberhalb Wissen, wo das Siegthal anfängt sich einzuengen, lenkt die Landstrasse nochmal auf das rechte Ufer und folgt hier schlangenartig den Krümmungen der Sieg bis nach Betzdorf, tritt dann für eine kurze Strecke auf das linke Ufer und folgt bald darauf dem rechten bis Nieder-Schelden und von hier aus auf dem linken Ufer in wildromantischer Umgebung bis nach Siegen.

Weg durchs Siebengebirge

In 5 Stunden erreicht man, von Beuel aus der Landstrasse folgend, Blankenberg. Dem Touristen aber, der seiner selbst und seiner Zeit Herr ist, der Natur sich recht freuen will, möchte ich den Weg durch’s Siebengebirge anempfehlen.

Er mag nun seine Wanderung von Königswinter antreten und über den Petersberg nach dem Thale von Heisterbach ziehen, oder von Dollendorf aus, dem nördlichen Querthale durch’s Gebirge folgen. Der äusserst romantische Weg, durch seinen Wechsel besonders einladend, führt bald durch frischen Hochwald, bald durch liebliche Thalgründe von Ober-Dollendorf bis nach dem Heisterbacher Mantel.

Heisterbach

Hier darf man Halt! machen, wozu die malerisch schöne Ruine der Chorapside der unter der Franzosen-Herrschaft abgerissenen Cisterzienser-Abtei-Kirche in ihrer mehr als malerischen Umgebung jeden Natur- und Kunstfreund einladet, da Jedem die in den Ökonomie-Gebäuden des alten Klosters von dem Hofmann Fr. Heuser unterhaltene Wirthschaft auch zu empfehlen ist.

Der Chorbau in der einsamen Stille des Thales überrascht durch die eigenthümlichen Formen des gothischen Übergangsstyles und lässt uns, nach dem, was von dem Prachtbau übrig geblieben, um so mehr die Barbarei des zerstörenden Vandalismus beklagen. Der Bau fällt in die Jahre 1202 bis 1233 und zeigt in seiner Anlage einen genialen Baukünstler, wahrscheinlich denselben Meister, den Laien Wolbero, der 1209 Sanct Quirin’s Münster in Neuss und, nach meinem Dafürhalten, auch einige Jahre später die bauschöne Pfarrkirche in Sinzig baute.

Der runde Chorschluss der Abteikirche zu Heisterbach hat einen Umgang, der durch nach der Tiefe gekuppelte schlanke Säulen, welche Wulstspitzbogen tragen, von der Schlussmauer geschieden ist. Die äusseren Säulen stehen doppelt übereinander, die innern aber auf einer Brüstungsmauer.

Zwischen den rundbogigen Fenstern sind freistehende Säulchen angebracht, welche, verbunden durch überhöhte Rundbogen, die Rippen des Kloster- oder Kuppelgewölbes tragen, das ausserhalb durch Streben gestützt wird. In der Mauerstärke des Umgangs ist ein Nischenkranz angelegt mit kleinen Blenden, deren Säulchen, wo die Gewölbegurten aufsetzen, verdoppelt sind. An der äusseren Seite des Umgangs sind dem Nischenkranz entsprechende Blenden angebracht. Das aus acht Arkaden oder Jochen gebildete Schiff der ehemaligen Kirche, einer Pfeilerbasilika, hatte am vierten Joche ein nicht über die Seitenmauern des Seitenschiffs hervortretendes Transept. Die Kirche war mit rechteckigen, rippenlosen Kreuzgewölben geschlossen und hatte in Kreisblenden gefasste Achtpassfenster und Kreisfenster mit frühgotischem Maaswerk gefüllt. Die Giebel der Transeptflügel waren von kolossalen Zwölfpasfenstern durchbrochen. Wer möchte in dieser wahrhaft romantischen Umgebung, deren malerische Wirkung gerade in der kunstschönen Ruine ihren Hauptreiz findet, nicht gern ein Stündlein verträumen ?

Oberpleis

Aus dem Heisterbacher Mantel führt ein anmuthiger Weg durch das Thalgehänge zwischen den fleissig betriebenen Steinbrüchen des Stenzelberges, und Weilbergs, durch Ober- und Nieder-Heisterbach, dann über den Limberg durch malerischen Wechsel der Thalgründe, mit Hochwald und Niederwald bestanden, über den Thomasberg und Bellinghausen nach Oberpleis. In (Ober)Pleis (Pleisa), später Oberpleis, bestand schon um das Jahr 944 eine der ältesten geistlichen Stiftungen im Auelgau, welche die spätere „Decania Siegburgensis” (Siegbergen) der Erzdiözese Kölns bildete und den grössten Theil der Landstriche der mittleren und unteren Sieg und der Agger umfasste, gegen Westen den Rhein zur Gränze hatte und sich von Linz hinab nach Lülsdorf erstreckte. Die Erzdiözese war in zwei und zwanzig Dekanate eingetheilt, von denen Siegburg das ein und zwanzigste, bildete.

Nachdem sein Oheim Everhard von Pleisa zur Gründung eines Klosters sein Vermögen bestimmt, gab auch der Erzbischof Kölns Wicfried (925 — 953) seine ganze Habe zu diesem Zwecke, und zog Benediktiner aus der bekannten und berühmten Abtei Corvey nach dieser Waldeinsamkeit.

Die junge Stiftung hatte er mit vielen Gütern der Nachbarschaft beschenkt. Unter Erzbischof Anno II. (1056 — 1076) wurde das Kloster als Propstei mit der von ihm 1064 gegründeten Abtei Siegburg vereinigt, und diente später den angehenden Mönchen Siegburgs als Noviziat; sie hielten in der Propstei ihr Probejahr ab. Unter den Pröpsten, welche derselben vorstanden, werden manche der edelsten Namen unserer Provinz genannt.

Blankenberg

Gar malerisch gruppirt sich von diesem Punkte die nördliche Masse des Siebengebirges, fesselnd durch die Schönheit seiner Linien. Von Oberpleis geht der Weg nach Frohnhardt und Wellersberg bis nach Uckerath, wo derselbe sich theilt, entweder nach Blankenberg, oder nach Eitorf.

Dem Freunde frischer Waldpoesie, über alle Schilderung schön, wie sie im Frühling, im Sommer und im Herbste gerade im Siebengebirge ihre reichste Anmuth entfaltet, würde ich den Weg durchs Siebengebirge nach der Sieg anrathen.

Siegburg

Ohne alle Anstrengung führt derselbe in fünf Stunden nach Siegburg, will der Wanderer seine Siegfahrt nicht von Blankenberg aus beginnen, wohin man übrigens bald von Uckerath gelangt.

Das Siegthal
Ernst Weyden (1865, gemeinfrei) · aus der Fraktur übertragen von Frank Kemper

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