Fusswanderungen durch das Siegthal
Derjenige, welcher die Schönheiten einer Gegend aber nach Musse, in der Fülle seiner Herzenslust geniessen will, der nehme den Wanderstab zur Hand, der durchschlendere dieselbe zu Fuss. Er ist sein eigener Herr, in dem Thal, das wir durchwandern wollen, fast eben so frei, wie der das blaue Wolkenmeer durchschiffende Vogel, denn er stösst auf keine Hemmnisse, welche der rüstige Fussgänger nicht leicht besiegen könnte.
Jede Moosbank, jeden Baumschatten begrüsst der Wanderer als eine willkommene Rast. Über ihn wölbt der blaue Himmel sein ewiges Zelt, weht des Baumes Schatten ihm Kühlung. Neben ihm plaudern die von den Höhen herabrieselnden Bächlein, aus der Tiefe des Thalgrundes plappert die unermüdliche Mühle, des Wehres Brausen übertönend.
Was weiss die Waldeinsamkeit dem Wanderer nicht Alles zu erzählen von dem geheimnissvollen Leben, das ihre Stille durchweht? Jeder Fels, jede Steinbildung, jeder Mooswald, jede Blume weiss ihm Etwas zu berichten aus der heiligen Werkstätte der Natur. Wonnetrunken jauchzt die Seele auf bei jedem neuen Bilde, das in dem lieblichen Thale ihm des Weges Mühen mit reichem Wechsel lohnt, ihn durch seine malerischen Schönheiten überrascht, seinen staunenden Blick fesselt.
Wie selig lässt sich auf diesen Höhen träumen, wo der herrlichste Hochwald den Wanderer umrauscht, oder frischer Niederwald ihn umduftet, während von den Berghalden der Heerden Glocken zu ihm hinüber klingen, und aus den Thalgründen die rauchenden Meiler der Köhler, das Pochen der Hammerwerke ihn mahnt an den emsigen Fleiss ihrer Bewohner, eben so thätig geschäftig in der Tiefe der Gruben, als über der Erde.
Staunend schweift das Auge des Wanderers von den höchsten Punkten über das nach allen Richtungen sich hindehnende Bergmeer, in welchem idyllische Anmuth mit der wildesten Romantik wechselt, die lieblichsten Thalgründe und ihre Wiesenpracht mit majestätischen Forsten und phantastischen Felsbildungen, an die ungeheuern Prozesse mahnend, welche die Erdrinde in der Urzeit umgestalteten, derselben ihr jetziges Gepräge gaben. Voller Bewunderung sehen wir die Wirkungen ungeheurer Kräfte; aber nicht enträthseln können wir die Endursachen der Wirkungen dieser Kräfte.
So grossartig schön, bewundrungheischend die wilde Natur in dem höchsten Theile des Thals, so erfreuend sind eben hier die Werke der Menschenhand; so reich der Segen menschlichen Fleisses in den Thalgründen.
Wer nun alle diese Schönheiten des Siegthales geniessen, recht geniessen will, der schicke sich mit mir zur fröhlichen, genussreichen Wanderung an, welche ihm mehr des Schönen bieten wird, als er erwartet, und gewiss noch gar Manches, welches dem Führer selbst entgangen ist.