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Köln am Rhein vor fünfzig Jahren · 4 von 17

Einleitung

Köln ist nicht mehr Köln! – Jeder geborne Kölner wird sich dieser Redensart als einer stehenden Lieblings-Phrase in dem Munde seiner Großeltern, oder gar seiner Eltern erinnern. Ja, Köln ist nicht mehr Köln, wie es noch der Anfang dieses Jahrhunderts gesehen, wie es noch vor fünfzig Jahren war, ein düsteres, trauriges Denkmal seiner bedeutungsvollen, großen Vergangenheit, deren Monumente in ihrem Verfalle vielberedte Leichensteine. Der lebensfrische Hauch einer neuen Zeit hat den Grabesmoder verweht. Die Stadt hat in ihren Chroniken den Beginn einer neuen Aera verzeichnet; eine neue vielverheißende Lebensperiode hat ihr begonnen.

In ihrer ganzen äußeren Erscheinung, in allen ihren commerciellen und industriellen, und daher in allen ihren socialen Verhältnissen ist die Stadt eine völlig andere geworden. Die Umgestaltung ist aber eine so gewaltig große, eine in allen ihren Elementen so völlige und durchgreifende, daß man kaum begreifen kann, wie dieselbe das Werk von noch nicht fünfzig Jahren.

Bedingt in den Zeitverhältnissen, steht die Zukunft der Stadt Köln fest. Sind jene keiner Umwälzung unterworfen, braucht man eben kein Weissager zu sein, um der Stadt die glänzendste Zukunft vorherzusagen, ein stätiges, noch rascheres und fruchtbareres Entfalten, als das der Glanzepochen, deren sich ihre Geschichte rühmt. Köln lebt in der Uebergangs-Periode, unter Deutschlands Städten wieder eine der ersten Großstädte zu werden. Daß Köln eine Großstadt wird, werden muß, bedeutender, als es in seiner mittelalterlichen Blüthezeit gewesen, ist unter den bestehenden Verhältnissen eine Nothwendigkeit. Hoffen wir, voll treuer Zuversicht, daß dieselbe möglichst unerschütterlich, denn Köln kann bei jeder denkbar politischen Umwälzung nur verlieren.

Wir freuen uns einer lebensthätigen, hoffnungreichen Gegenwart, genießen in der Erwartung einer noch reicheren Zukunft die Früchte des Werdens, und mitwirkend in der allgemeinen Umgestaltung der Dinge und Verhältnisse, haben wir selbst nicht wahrgenommen, mit welchen Riesenschritten sich dieselben um uns her neu gestaltet haben.

Vielleicht, mein geneigter Leser – wenn ich Dich so nennen darf -, ist Deine Phantasie aber noch im Stande, sich ein lebendiges Bild der Stadt Köln zu entwerfen, wie dieselbe vor etwa fünfzig Jahren in ihrem Aeußeren und Inneren, im Wesen und Treiben ihrer Einwohner in die Erscheinung trat.

Ist dies nicht der Fall, reicht Deine Erinnerung nicht so weit, so findest Du doch wohl Gefallen, mit mir einen Rundgang um und durch das damalige Köln zu machen, mitunter einen verstohlenen Blick in das innere Familienleben seiner damaligen Bürger zu thun, sie in ihren traulichen Kreisen, in ihren Freuden und Leiden zu belauschen, Dich mit mir um etwa ein halbes Jahrhundert in die Uebergangs-Periode aus der guten alten Zeit, wie unsere Großeltern die Tage ihrer Jugend nannten, zurückzuversetzen.

Köln am Rhein vor fünfzig Jahren
Ernst Weyden (1862, gemeinfrei) · aus der Fraktur übertragen von Frank Kemper

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