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Ludwig Bechsteins Märchenbuch · 10 von 43

Die Goldmaria und die Pechmaria

Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter, eine rechte Tochter und eine Stieftochter; beide hießen Maria. Die rechte Tochter war nicht gut und fromm, dagegen war die Stieftochter ein bescheidenes, sittiges Mädchen, das aber gar viele Kränkungen und Zurücksetzungen von Mutter und Schwester erdulden mußte. Doch sie war stets freundlich, tat die Küchenarbeiten unverdrossen und weinte nur manchmal heimlich in ihrem Schlafkämmerlein, wenn sie von Mutter und Schwester so viel Unbilliges zu leiden hatte. Aber bald war sie dann wieder und frischen Mutes und sprach zu sich selbst: Sei ruhig, der liebe Gott wird dir schon helfen.“ Dann tat sie fleißig ihre Arbeit und machte alles nett und sauber.

Ihrer Mutter arbeitete sie immer nicht genug; eines Tages sagte diese sogar: „Maria, ich kann dich nicht länger zu Hause behalten, du arbeitest wenig und issest viel, und deine Mutter hat dir kein Vermögen hinterlassen, auch dein Vater nicht, es ist alles mein und ich kann und mag dich nicht länger ernähren, daher du ausgehen mußt, dir einen Dienst bei einer Herrschaft zu suchen.“ Und sie buk von Asche und Milch einen Kuchen, füllte ein Krüglein mit Wasser, gab beides der armen Maria und schickte sie aus dem Hause.

Maria war sehr betrübt ob dieser Härte, doch schritt sie mutig durch die Felder und Wiesen und dachte: es wird dich schon jemand als Magd aufnehmen, und vielleicht sind fremde Menschen gütiger als die eigene Mutter.

Als sie Hunger fühlte, setzte sie sich ins Gras nieder, zog ihren Aschenkuchen hervor und trank aus ihrem Krüglein, und viele Vöglein flatterten herbei, pickten an ihrem Kuchen, und sie goß Wasser in ihre Hand und ließ die munteren Vöglein trinken. Und da verwandelte sich unvermerkt ihr Aschkuchen in eine Torte, ihr Wasser in köstlichen Wein.

Gestärkt und freudig zog die arme Maria weiter und kam, als es dunkel wurde, an ein seltsam gebautes Haus, davor waren zwei Tore, eines sah pechschwarz aus, das andere war von purem Gold. Bescheiden ging Maria durch das minder schöne Tor in den Hof und klopfte an die Haustüre. Ein Mann von schreckbar wildem Ansehen tat die Türe auf und fragte barsch nach ihrem Begehren. Sie sprach zitternd: „Ich wollte nur fragen, ob Ihr nicht so gütig sein möchtet, mich über Nacht zu beherbergen?“ und der Mann brummte: „Komm herein!“ Sie folgte ihm und bebte noch mehr zusammen, als sie drinnen im Zimmer nichts weiter sah und hörte als Hunde und Katzen und deren abscheuliches Geheul. Es war außer dem wilden Türschemann (so hieß dieser Mensch) niemand weiter im ganzen Hause.

Nun brummte der Türschemann der Maria zu: „Bei wem willst du schlafen, bei mir oder bei Hunden und Katzen?“ Maria sprach: „Bei Hunden und Katzen.“ Da mußte sie aber gerade neben ihm schlafen, und er gab ihr ein schönes weiches Bette, daß Maria ganz herrlich und ruhig schlief. Am Morgen brummte Türschemann: „Mit wem willst du frühstücken, mit mir oder mit Hunden und Katzen?“ Sie sprach: „Mit Hunden und Katzen.“ Da mußte sie mit ihm trinken, Kaffee und süßen Rahm. Wie Maria fortgehen wollte, brummte Türschemann abermals: „Zu welchem Tor willst du hinaus, zum Goldtor oder zum Pechtor?“ und sie sprach: „Zum Pechtor.“ Da mußte sie durch’s goldene gehen, und wie sie durchging, saß Türschemann oben darauf und schüttelte so derb, daß das Tor erzitterte, und Maria ganz von Gold überdeckt war, das von dem Goldtore auf sie herabfiel.

Nun ging sie wieder heim, und ins elterliche Haus eintretend, kamen ihre Hühner, die sie sonst immer gefüttert hatte, ihr freudig entgegengeflogen und gelaufen, und der Hahn schrie: Kikeriki, da kommt Goldmarie! Kikeriki!

Und ihre Mutter kam die Treppe herunter und knixte so ehrfurchtsvoll vor der goldenen Dame, als wenn es eine Prinzessin wäre, die ihr die Ehre ihres Besuches schenkte. Aber Maria sprach: „Liebe Mutter, kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin ja die Maria.“

Jetzt kam auch die Schwester ganz erstaunt und verwundert, wie die Mutter, und beide voll Neides, und Maria mußte erzählen, wie wunderbar es ihr ergangen, und wie sie zu dem Golde gekommen war.

Nun nahm sie ihre Mutter wohl auf und hielt sie auch besser wie zuvor, und Maria wurde von jedermann geehrt und geliebt: bald fand sich auch ein braver junger Mann, der Maria als Gattin heimführte und glücklich mit ihr lebte.

Der andern Maria aber wuchs der Neid im Herzen, und sie beschloß, auch fortzugehen und übergoldet wiederzukommen. Ihre Mutter gab ihr süßen Kuchen und Wein mit auf die Reise, und wie Maria davon aß und Vöglein geflogen kamen, um auch mit zu schmausen, jagte sie dieselben ärgerlich fort. Ihr Kuchen aber verwandelte sich unvermerkt in Asche und ihr Wein in mattes Wasser. Am Abend kam Maria ebenfalls an Türschemanns Tor an; sie ging stolz zu dem goldenen hinein und klopfte dann an die Haustüre. Wie Türschemann auftat und nach ihrem Begehren fragte, sagte sie schnippisch: „Nun, ich will hier übernachten.“ Und er brummte: „Komm herein!“ Dann fragte er auch sie: „Bei wem willst du schlafen, bei mir oder bei Hunden und Katzen?“ Sie sagte schnell: „Bei Euch, Herr Türschemann!“ Aber er führte sie in die Stube, wo Hunde und Katzen schliefen und schloß sie hinein. Am Morgen war Mariens Angesicht häßlich zerkratzt und zerbissen. Türschemann brummte wieder: „Mit wem willst du Kaffee trinken, mit mir, oder mit Hunden und Katzen?“ „Ei, mit Euch,“ sagte sie, und mußte nun gerade wieder mit Katzen und Hunden trinken.

Nun wollte sie fort. Türschemann brummte abermals: „Zu welchem Tor willst du hinaus, zum Goldtor oder zum Pechtor?“ und sie sagte: „Zum Goldtor, das versteht sich!“ Aber dieses wurde sogleich verschlossen, und sie mußte zum Pechtor hinaus, und Türschemann saß obendrauf, rüttelte und schüttelte, daß das Tor wackelte, und da fiel so viel Pech auf Marien herunter, daß sie über und über voll wurde.

Als nun Maria voll Wut ob ihres häßlichen Aussehens nach Hause kam, krähte der Gluckhahn ihr entgegen: Kikeriki, da kommt die Pechmarie! Kikeriki! Und ihre Mutter wandte sich voll Abscheu von ihr und konnte nun ihre häßliche Tochter nicht vor den Leuten sehen lassen, die hart gestraft blieb, darum, daß sie so auf Gold erpicht gewesen war.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch
Ludwig Bechstein (gemeinfrei) · Holzschnitte nach Ludwig Richter (gemeinfrei) · aus der Fraktur übertragen von Frank Kemper

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