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Ludwig Bechsteins Märchenbuch · 9 von 43

Das Rebhuhn

Es war ein reicher Jude, der reiste durch ein Königreich und trug mit sich einen großen Schatz an Geld und Gut. Da ihn nun sein Weg durch einen großen Wald führen sollte, fürchtete er sich, daß er um seines Geldes willen darin etwa sein Leben lassen müsse, und ging daher zu dem Könige des Landes, reichte ihm sein Geschenk dar und bat, daß der König ihm einen sicheren Mann mitgebe zum Geleite durch den Wald und durch sein ganzes Reich. Da gebot der König dem Schenken, dem Juden das Geleit zu geben, und dieser tat, was ihm geboten war und geleitete den Juden.

Als nun diese beiden in den Wald gekommen waren, da gelüstete es dem Schenken nach dem Schatz des Juden, und er stand still auf dem Weg und sprach zu ihm: „Gehe voran!“ Der Jude erschrak, ahnte des Schenken böse Absicht und wollte nicht vorangehen. Der Schenke zog alsbald sein Schwert aus der Scheide und rief: „Jud, so mußt du hier von meiner Hand sterben!“ — „O lieber Schenke, tut das nicht!“ rief der Jude; „solche Mordtat an mir würde nicht verborgen bleiben! Und ob heimlicher Mord von allen Menschen ungesehen vollzogen wird, so werden ihn die Vögel offenbaren, die unter dem Himmel fliegen!“

Wie der Jude das noch sprach, flog eben ein Rebhuhn im Walde auf und über ihnen beiden hin. Da hohnlachte der Schenke und sprach spöttisch: „Hab Acht, Jude, das Rebhuhn wird’s dem König sicherlich ansagen, daß ich dich hier ermordet habe.“ Und so ermordete der Schenke den Juden im Walde, nahm ihm all sein Geld und seinen Schatz, den er bei sich trug, begrub ihn heimlich und ging wieder zu Hofe.

Und es verging ein ganzes Jahr nach des Schenken ungetreuer Tat, da geschah es, daß dem Könige Rebhühner geschenkt wurden, die gab der Schenke dem Koch, ließ sie wohl bereiten und brachte sie zur Tafel. Und wie er die Rebhühner vor den König hin auf den Tisch stellte, dachte er an den Juden, den er ermordet hatte, und an dessen letzte Rede von den Vögeln und mußte lachen. Der König sah es und fragte, worüber er lache? Der Schenke aber gab dem Könige eine falsche Ursache seines Lachens an.

Nachher über vier Wochen geschah es, daß der König seinen Amtleuten und Dienern ein Gastmahl gab, dabei war auch der Schenke, und der König selbst war sehr fröhlich und heiter, scherzhaft und lustig, und ließ soviel Wein und edle Getränke auftragen, daß etliche seiner Diener trunken wurden. Und da alle so lustig waren, sprach der König zum Schenken: „Lieber Schenk, jetzt sag mir die freie Wahrheit, worüber hast du gelacht unlängst, da du mir die Rebhühner auftrugst, denn du hast mich damals nicht mit wahren Worten berichtet!“ Der Schenk war trunkenen Mutes, denn wenn der Wein eingeht, geht die Wahrheit aus, und sprach: „Ei, mein Herr König, als der Jude schrie, die Vögel würden seinen heimlichen Mord offenbaren, die unter dem Himmel fliegen, da flog eben ein Rebhuhn in die Höhe, dessen mußte ich gedenken und darüber lachen.“

Der König schwieg auf diese Rede still, ließ sich nichts merken und tat, als sei er nicht in seiner Fröhlichkeit gestört. Aber des andern Tages ging er zu Rate mit seinen heimlichen Räten und sprach also zu ihnen: „Was hat der verschuldet, der von des Königs wegen einen durch das Reich sicher geleiten sollte, und hat denselben ermordet und beraubt?“ Darauf antworteten die Räte einstimmig: „Der hat den Galgen verdient.“ Darauf saß der König öffentlich zu Gerichte, bestellte einen Kläger, der den Schenken anklagte, und da er seine Tat vor Zeugen im Rausche erzählt hatte, so mußte er sie auch vor Gericht bekennen und wurde zum Galgen verurteilt. So ward der heimliche Mord durch die Rebhühner kund und offenbar.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch
Ludwig Bechstein (gemeinfrei) · Holzschnitte nach Ludwig Richter (gemeinfrei) · aus der Fraktur übertragen von Frank Kemper

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