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Der Praxiskommentar GG · 154 von 176

Art. 125b GG

Wortlaut
(1) Recht, das auf Grund des Artikels 75 in der bis zum 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden ist und das auch nach diesem Zeitpunkt als Bundesrecht erlassen werden könnte, gilt als Bundesrecht fort. Befugnisse und Verpflichtungen der Länder zur Gesetzgebung bleiben insoweit bestehen. Auf den in Artikel 72 Abs. 3 Satz 1 genannten Gebieten können die Länder von diesem Recht abweichende Regelungen treffen, auf den Gebieten des Artikels 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2, 5 und 6 jedoch erst, wenn und soweit der Bund ab dem 1. September 2006 von seiner Gesetzgebungszuständigkeit Gebrauch gemacht hat, in den Fällen der Nummern 2 und 5 spätestens ab dem 1. Januar 2010, im Falle der Nummer 6 spätestens ab dem 1. August 2008.
(2) Von bundesgesetzlichen Regelungen, die auf Grund des Artikels 84 Abs. 1 in der vor dem 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden sind, können die Länder abweichende Regelungen treffen, von Regelungen des Verwaltungsverfahrens bis zum 31. Dezember 2008 aber nur dann, wenn ab dem 1. September 2006 in dem jeweiligen Bundesgesetz Regelungen des Verwaltungsverfahrens geändert worden sind.
(3) Auf dem Gebiet des Artikels 72 Absatz 3 Satz 1 Nummer 7 darf abweichendes Landesrecht der Erhebung der Grundsteuer frühestens für Zeiträume ab dem 1. Januar 2025 zugrunde gelegt werden.

Abschnitt des Gesetzes: Übergangs- und Schlußbestimmungen.

Grundlage: 117 Entscheidungen des Bestands nennen diese Norm, 24 wurden ausgewählt, 23 haben einen Rechtssatz zu ihr beigetragen. Zeitraum 2007–2026. Bestand: Abzug vom 28.09.2026. Zitierweise: Art. 125b GG Rn. …

Die Norm in Zahlen

Gemessen über den ganzen Bestand von 665.246 Entscheidungen, nicht über die Auswahl dieser Kommentierung.

Messwert Befund
Verbreitung 117 von 665.246 Entscheidungen des Bestands nennen Art. 125b GG — 0,02 %
Nennungen 225 insgesamt, also 1,9 je Entscheidung
Gerichte 27 verschiedene Gerichte haben die Norm angewandt
Zeitraum 2007 bis 2026
Verlauf 2014–2026 ▃▁▂▁▁▁▁▁▁▂█▁ — 8, 3, 6, 1, 1, 2, 1, 1, 2, 4, 27, 1 Entscheidungen je Jahr. Das Jahr 2026 ist unvollständig — der Bestand reicht bis zum 06.10.2026.
Instanzen BVerfG/EuGH: 5 (4 %) · Bundes- und Landesverfassungsgerichte: 24 (21 %) · Obergerichte: 70 (60 %) · erstinstanzliche Kollegialgerichte: 18 (15 %)
Streitwert Median 5.000 € aus 16 von 117 Entscheidungen mit beziffertem Streitwert im Tenor, mittlere Hälfte 2.500 € bis 65.000 €

Inhaltsübersicht

  • A. Allgemeines — Rn. 1
    • I. Normzweck und Bedeutung — Rn. 1
      1. Entwicklung der Rechtsprechung — Rn. 2
      1. Systematische Stellung — Rn. 10
  • B. Begriffe des Wortlauts — Rn. 11
    • Recht — Rn. 12
    • Grund — Rn. 13
    • geltenden — Rn. 14
    • Fassung — Rn. 15
    • fort — Rn. 16
    • Befugnisse — Rn. 17
    • Verpflichtungen — Rn. 18
    • Länder — Rn. 19
    • Gesetzgebung — Rn. 20
    • insoweit — Rn. 21
    • bestehen — Rn. 22
    • genannten — Rn. 23
  • C. Absatz 1 — Recht, das auf Grund des Artikels 75 in der bis zum 1 — Rn. 25
    • I. Tatbestand — Rn. 26
      1. Rechtsfolgen — Rn. 30
      1. Verfahren und Zuständigkeit — Rn. 33
      1. Konkurrenzen und Verhältnis zu anderen Normen — Rn. 34
    • V. Streitstand und offene Fragen — Rn. 37
  • D. Absatz 2 — Von bundesgesetzlichen Regelungen, die auf Grund des Artikels 84 Abs — Rn. 38
    • I. Tatbestand — Rn. 39
      1. Rechtsfolgen — Rn. 40
      1. Verfahren und Zuständigkeit — Rn. 41
      1. Konkurrenzen und Verhältnis zu anderen Normen — Rn. 42
    • V. Streitstand und offene Fragen — Rn. 43
  • E. Absatz 3 — Auf dem Gebiet des Artikels 72 Absatz 3 Satz 1 Nummer 7 darf … — Rn. 44
    • I. Tatbestand — Rn. 45
      1. Rechtsfolgen — Rn. 46
      1. Verfahren und Zuständigkeit — Rn. 47
      1. Konkurrenzen und Verhältnis zu anderen Normen — Rn. 48
    • V. Streitstand und offene Fragen — Rn. 49

A. Allgemeines

I. Normzweck und Bedeutung

1 Art. 125b GG regelt als Übergangsregelung die Fortgeltung von Bundesrecht, das vor der Föderalismusreform 2006 auf Grund der Rahmenkompetenz des Art. 75 GG a.F. erlassen worden ist, und die von dieser Fortgeltung abhängigen Gesetzgebungsbefugnisse der Länder [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Die Norm ordnet in Abs. 1 die Fortgeltung früheren Rahmenrechts als Bundesrecht an und eröffnet den Ländern unter bestimmten Voraussetzungen und Fristen das Recht, von diesem fortgeltenden Bundesrecht abzuweichen [OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09; BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Abs. 2 erstreckt diese Abweichungsbefugnis auf bundesgesetzliche Regelungen des Verwaltungsverfahrens, die auf Grund des Art. 84 Abs. 1 GG in der vor dem 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden sind, zunächst befristet bis zum 31. Dezember 2008 [LSG NRW, 05.03.2008 – L 10 SB 40/06; BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08]. Abs. 3 ergänzt die Regelung um eine zeitliche Schranke für abweichendes Landesrecht auf dem Gebiet der Grundsteuer nach Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 7 GG [FG Berlin-Brandenburg, 14.01.2026 – 3 K 3156/25; FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24].

II. Entwicklung der Rechtsprechung

2 2007–2009: Grundlegung zur Fortgeltung des Rahmenrechts und zu Art. 125b Abs. 2

3 Die Linie zur Auslegung des nach Art. 125b Abs. 1 GG fortgeltenden Rahmenrechts begründet das Bundesverfassungsgericht: Fortgeltende rahmenrechtliche Vorschriften des HRG sind im Zweifel so auszulegen, dass der Entscheidungsspielraum der Länder erhalten bleibt; die landesrechtlichen Regelungen verstoßen daher nicht gegen vorrangiges Bundesrecht [BVerfG, 07.08.2007 – 1 BvR 2667/05]. Diese Auslegung wird in der Folge bestätigt und konkretisiert: Das fortgeltende Bundesrahmenrecht gilt rang-, inhalts- und wirkungsgleich fort, und die Befugnisse und Verpflichtungen der Länder zur Gesetzgebung bleiben insoweit bestehen [OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09]. Zugleich wird klargestellt, dass Art. 125b Abs. 1 GG nur einschlägig ist, wenn der Bund von seiner früheren Rahmenkompetenz tatsächlich Gebrauch gemacht hat; andernfalls kommt die Überleitungsregelung nicht zur Anwendung [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09]. Für Art. 125b Abs. 2 GG etabliert das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen die zeitliche Sperrwirkung bis zum 31. Dezember 2008 für Abweichungen von bundesgesetzlichen Regelungen des Verwaltungsverfahrens, wobei der sachliche Gehalt einer Vorschrift über ihre Einordnung entscheidet [LSG NRW, 05.03.2008 – L 10 SB 40/06]. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf knüpft daran an und bestimmt, dass sich die Gesetzgebungskompetenz der Länder für Abweichungen im Bereich der landeseigenen Ausführung eines Bundesgesetzes aus Art. 84 Abs. 1 Satz 1 GG, Art. 125b Abs. 2 GG ergibt [VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08]. Dass ein Land nur in den engen Grenzen des Art. 125b Abs. 1 GG zur Gesetzgebung befugt ist, wenn eine fortbestehende Gesetzgebungskompetenz des Bundes besteht, entscheidet das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen [OVG NRW, 18.02.2008 – 6 B 33/08].

4 2011–2014: Differenzierung der Reichweite des Abs. 1 und der Abweichungsbefugnis nach Abs. 2

5 Das Bundesverwaltungsgericht präzisiert 2011, dass auf der Grundlage des Art. 75 Nr. 4 GG a.F. erlassenes Wasserhaushaltsrecht gemäß Art. 125b Abs. 1 Satz 1 GG als Bundesrecht fortgilt und insoweit eine partielle Vollregelung enthalten kann, ohne dass die Norm eine Absenkung der bundesrechtlichen Regelungsdichte bewirkt [BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10]. Im Jahr 2013 stellt das Bundesverfassungsgericht für Art. 125b Abs. 2 GG fest, dass der Landesgesetzgeber nach Ablauf der Übergangsfrist am 31. Dezember 2008 befugt ist, abweichende Regelungen zu treffen; bestätigt er Normen durch Gesetz nach diesem Zeitpunkt, macht er damit von seiner Abweichungsbefugnis Gebrauch [BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08]. Eine Begrenzung dieser Befugnis entwickelt das Bundesverwaltungsgericht 2014: Art. 125b Abs. 2 GG verleiht den Ländern keine Kompetenz zum Erlass einer Gebührenordnung, weil die staatliche Befugnis zur Entgelterhebung nicht dem Verwaltungsverfahren, sondern der jeweiligen Sachmaterie zuzuordnen ist [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13]. Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht bestätigt diese Linie [OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14].

6 2017–2023: Abweichungsbefugnis nach Abs. 1 Satz 3 und deren Grenzen

7 Das Bundesverfassungsgericht entscheidet 2017, dass die Länder nach Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG i.V.m. Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 6 GG seit dem 1. August 2008 vom fortgeltenden Bundesrahmenrecht des HRG abweichen können, ohne dass es einer ausdrücklichen Erklärung oder Zitierung bedarf; eine Kollision nach Art. 31 GG liegt nicht vor, wenn die Länder ihre Abweichungsbefugnis in Anspruch genommen haben [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Der Bayerische Verfassungsgerichtshof bestätigt 2023, dass Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG keine mit der Nichtigkeitsfolge sanktionierte Kennzeichnungspflicht für abweichendes Landesrecht enthält [VerfGH Bayern, 18.10.2023 – Vf. 18-VIII-19, Vf. 19-VII-19]. Die Grenze der Abweichungsbefugnis zieht das Bundesverfassungsgericht 2022: Die Befugnis nach Art. 125b Abs. 1 Satz 2 i.V.m. Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 GG beschränkt sich auf das Sachgebiet der fortgeltenden Norm und verschafft den Ländern keine Gesetzgebungsmöglichkeit in anderen Materien [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21]. Für den Bereich des Hochschulrechts setzt das Verwaltungsgericht Minden diese Linie fort, indem es die Abweichungsbefugnis nach Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG i.V.m. Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 6 GG für nach dem 1. August 2008 erlassene Landesregelungen bejaht [VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23].

8 2025–2026: Art. 125b Abs. 3 als Kompetenznorm für die Grundsteuer und Rückkehr zu Abs. 1

9 Seit 2025 etabliert die Finanzgerichtsbarkeit die Linie, dass Art. 125b Abs. 3 GG eine eigenständige Rechtsetzungsbefugnis der Länder auf dem Gebiet der Grundsteuer begründet; die Norm wird regelmäßig in Verbindung mit Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 7 GG herangezogen, um die formelle Verfassungsmäßigkeit landesrechtlicher Grundsteuergesetze zu tragen [FG Hessen, 23.01.2025 – 3 K 663/24; FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24; FG München, 18.06.2025 – 4 K 702/24; FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25; FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24; FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25]. Das Finanzgericht Berlin-Brandenburg stellt 2026 klar, dass abweichendes Landesrecht nach Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 7 GG der Erhebung der Grundsteuer frühestens für Zeiträume ab dem 1. Januar 2025 zugrunde gelegt werden darf und eine für die ab 1. Januar 2025 zu erhebende Grundsteuer geltende Landesregelung mit Art. 125b Abs. 3 GG vereinbar ist [FG Berlin-Brandenburg, 14.01.2026 – 3 K 3156/25]. Im Bereich des Abs. 1 präzisiert der Bayerische Verwaltungsgerichtshof 2025, dass sich das „insoweit“ in Art. 125b Abs. 1 Satz 2 GG auf das als Rahmenrecht erlassene und nach Satz 1 fortgeltende Recht bezieht und die Länder von diesem fortbestehenden Rahmenrecht – mit Ausnahme des Rechts der Jagdscheine – abweichen dürfen [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898].

III. Systematische Stellung

10 Art. 125b GG wird in der Rechtsprechung regelmäßig in Verbindung mit den Abweichungsbefugnissen des Art. 72 Abs. 3 GG angewandt; die Länder dürfen nach Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG auf den in Art. 72 Abs. 3 Satz 1 GG genannten Gebieten von dem fortgeltenden Bundesrecht abweichen, wobei die Fristen des Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG – etwa der 1. August 2008 für die Nummer 6 – den Zeitpunkt der zulässigen Abweichung bestimmen [VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23; BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14; BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21]. Für Art. 125b Abs. 2 GG ist das Verhältnis zu Art. 84 Abs. 1 GG zentral: Die Abweichungsbefugnis knüpft an bundesgesetzliche Regelungen des Verwaltungsverfahrens an, die auf Grund des Art. 84 Abs. 1 GG in der vor dem 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden sind, und reicht nicht weiter als die fortgeltende Abweichungsbefugnis nach Art. 84 Abs. 1 GG [VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13]. Gegenüber Art. 125b Abs. 2 GG wird die Gebührenerhebung abgegrenzt, die nicht dem Verwaltungsverfahren, sondern der jeweiligen Sachmaterie zuzuordnen ist und daher nicht der Abweichungsbefugnis unterliegt [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14]. Im Bereich der Grundsteuer tritt Art. 125b Abs. 3 GG neben die Länderöffnungsklausel des Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 7 GG und durchbricht die konkurrierende Gesetzgebungszuständigkeit des Bundes aus Art. 105 Abs. 2 Satz 1 GG [FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25; FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25; FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24]. Im Übrigen wird Art. 125b GG gegenüber Art. 31 GG und Art. 70 GG abgegrenzt: Eine Kollision mit fortgeltendem Bundesrecht besteht nicht, wenn die Länder ihre Abweichungsbefugnis wirksam in Anspruch genommen haben [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14; VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23], während nicht gedecktes abweichendes Landesrecht nach Art. 31 GG und Art. 70 GG nichtig ist [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14].

B. Begriffe des Wortlauts

11 Die Begriffe in der Reihenfolge des Wortlauts. Belegt aus 81 Stellen, davon 27 aus anderen Normen des GG — dort steht im Satz, woher die Auslegung stammt.

Recht

12 Recht im Sinne von Art. 125b Abs. 1 Satz 1 GG ist nur solches Recht, das auf Grund des Art. 75 in der bis zum 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden ist und das auch nach diesem Zeitpunkt als Bundesrecht erlassen werden könnte [VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08]. Erfasst ist ausschließlich das als Rahmenrecht erlassene und nach Satz 1 fortgeltende Recht [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Das vor dem 1. September 2006 ergangene Rahmenrecht wird ohne Änderung seines materiellen Gehalts in Bundesrecht überführt und kann punktuell eine Vollregelung darstellen [BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10]. Hat der Bund von der Rahmenkompetenz keinen Gebrauch gemacht, ist für die Überleitungsregelung kein Raum [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09]. Die Fortgeltung erfolgt rang-, inhalts- und wirkungsgleich [OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09].

Grund

13 Die Wendung „auf Grund“ bezeichnet die kompetenzielle Grundlage, auf die eine bundesgesetzliche Regelung gestützt ist [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09]. Erforderlich ist, dass die Regelung tatsächlich auf der jeweiligen Kompetenznorm – Art. 75 a.F. oder Art. 84 Abs. 1 a.F. – beruht [BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08; BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09]. Ohne eine solche Grundlage ist die Überleitung nach Art. 125b GG ausgeschlossen [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09].

geltenden

14 „Geltenden Fassung“ verweist auf die Rechtslage bis zum 1. September 2006 [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09; VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Maßgeblich ist die Fassung, die vor der Föderalismusreform 2006 in Kraft war [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14].

Fassung

15 Der Begriff „Fassung“ benennt die konkrete Normfassung, auf die sich die Überleitungsanordnung des Art. 125b Abs. 1 Satz 1 GG bezieht [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09; VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Er erfasst die bis zum 1. September 2006 geltende Gesetzesfassung [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09].

fort

16 Das Wort „fort“ in „gilt als Bundesrecht fort“ bringt zum Ausdruck, dass das bisherige Rahmenrecht seine Geltung als Bundesrecht behält [BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10]. Es handelt sich um eine Fortgeltungsanordnung, die das vor dem 1. September 2006 erlassene Recht unverändert aufrechterhält [BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10; OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09]. Die Länder dürfen von dem fortgeltenden Recht nach Maßgabe der Sätze 2 und 3 abweichen [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21]. Die Fortgeltung erfolgt rang-, inhalts- und wirkungsgleich [OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09].

Befugnisse

17 Befugnisse zur Gesetzgebung sind die den Ländern verbliebenen Gesetzgebungsrechte auf dem Gebiet des ehemaligen Rahmenrechts [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Sie bleiben bestehen, soweit sie sich auf das fortgeltende Bundesrahmenrecht beziehen [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Sie umfassen das Recht, den Rahmen auszufüllen, ohne dass es insoweit einer Abweichungsbefugnis bedarf [OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09].

Verpflichtungen

18 Verpflichtungen zur Gesetzgebung sind die aus dem fortgeltenden Rahmenrecht folgenden Pflichten der Länder, den bundesrechtlichen Rahmen auszufüllen [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898; OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09]. Sie bleiben neben den Befugnissen bestehen und beziehen sich ebenfalls nur auf das als Rahmenrecht erlassene fortgeltende Recht [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898].

Länder

19 Länder sind die Gliedstaaten der Bundesrepublik, denen Art. 125b GG bestimmte Gesetzgebungsbefugnisse und Abweichungsrechte zuweist [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21; BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Die Abweichungsbefugnis nach Abs. 1 Satz 2 in Verbindung mit Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 GG verschafft den Ländern keine Gesetzgebungsmöglichkeit in Materien, für die sie nicht zuständig sind [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21]. Die Regelung eröffnet den Ländern die Befugnis zu abweichendem Landesrecht auf den genannten Gebieten, etwa bei der Grundsteuer nach Abs. 3 [FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25; FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24]. Sie trägt ferner landesrechtliche Regelungen im Hochschulzulassungsrecht [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14].

Gesetzgebung

20 Gesetzgebung im Sinne des Art. 125b Abs. 1 Satz 2 GG betrifft die Landesgesetzgebung auf den fortgeltenden Rahmenrechtsgebieten [OVG NRW, 18.02.2008 – 6 B 33/08]. Besteht eine fortbestehende Gesetzgebungskompetenz des Bundes, ist das Land nur in den engen Grenzen des Art. 125b Abs. 1 GG zur Gesetzgebung befugt [OVG NRW, 18.02.2008 – 6 B 33/08]. Die Befugnisse und Verpflichtungen der Länder zur Gesetzgebung bleiben bestehen und ermöglichen ihnen, den Rahmen auszufüllen [OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09; VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Die Abweichungsbefugnis beschränkt sich auf das Sachgebiet der fortgeltenden Norm und eröffnet keine Gesetzgebung in bundesrechtlich besetzten Materien [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21].

insoweit

21 Das „insoweit“ in Art. 125b Abs. 1 Satz 2 GG bezieht sich auf das als Rahmenrecht erlassene und nach Satz 1 fortgeltende Recht [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Es begrenzt die fortbestehenden Befugnisse und Verpflichtungen der Länder auf diesen Regelungsgegenstand [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. In Art. 125b Abs. 1 Satz 1 GG kennzeichnet es eine partielle Vollregelung innerhalb des fortgeltenden Wasserhaushaltsrechts [BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10]. Die Abweichungsbefugnis der Länder besteht nur insoweit, als keine verfassungsrechtlich relevante Normenkollision mit fortgeltendem Bundesrahmenrecht vorliegt [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Fällt eine Vorschrift nicht unter die Überleitung, fehlt es insoweit an einer Sperrwirkung für das Land [VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08].

bestehen

22 „Bestehen“ in Art. 125b Abs. 1 Satz 2 GG bedeutet, dass die Befugnisse und Verpflichtungen der Länder zur Gesetzgebung fortgelten und nicht erlöschen [OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09; VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Für eine Normenkollision nach Art. 31 GG genügt das Bestehen der notwendigen Gesetzgebungsbefugnis im Zeitpunkt des Gesetzesbeschlusses [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Nach Ablauf der Übergangsfrist kann ein Bestätigungsgesetz die Abweichungsbefugnis gemäß Art. 125b Abs. 2 GG begründen [BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08].

genannten

23 Die in Art. 125b Abs. 1 Satz 3 genannten Gebiete sind diejenigen des Art. 72 Abs. 3 Satz 1 GG [VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23]. Die Abweichungsbefugnis besteht nur auf diesen Gebieten und unter den dort genannten Fristen, etwa nach dem 1. August 2008 für die Hochschulzulassung [VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23]. Für Art. 125b Abs. 2 GG verweist die Regelung auf die dort genannten weiteren Voraussetzungen [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13].

24 Zu diesen Wörtern des Wortlauts findet der Bestand Stellen, die sie nur verwenden und nicht bestimmen: Artikels, September, erlassen, Zeitpunkt, Bundesrecht, Gebieten.

C. Absatz 1 — Recht, das auf Grund des Artikels 75 in der bis zum 1

25 8 herangezogene Entscheidungen, davon 3 des Bundesverfassungsgerichts oder des EuGH (Rang 1).

I. Tatbestand

26 Die Abweichungsbefugnis der Länder nach Art. 125b Abs. 1 Satz 2 in Verbindung mit Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 GG eröffnet den Ländern keine Gesetzgebungsmöglichkeit in bodenrechtlichen Materien, für die sie nicht zuständig sind; die Abweichungsbefugnis bleibt auf das Sachgebiet der fortgeltenden Norm, hier Naturschutz und Landschaftspflege, beschränkt [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21]. Besteht eine fortbestehende Gesetzgebungskompetenz des Bundes, ist das Land nur in den engen Grenzen des Art. 125b Abs. 1 GG zur Gesetzgebung befugt [OVG NRW, 18.02.2008 – 6 B 33/08].

27 Nach Art. 125b Abs. 1 Satz 1 GG als Bundesrecht fortgeltendes Wasserhaushaltsrecht kann eine partielle Vollregelung enthalten; die Fortgeltungsanordnung überführt das vor dem 1. September 2006 ergangene Rahmenrecht des Bundes in Bundesrecht, ohne dessen materiellen Gehalt zu verändern oder die bundesrechtliche Regelungsdichte abzusenken [BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10]. Zu den Sachgebieten des Art. 125b Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit Art. 72 Abs. 3 Satz 1 GG hat die Rechtsprechung Hochschulzulassungsrecht [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14] und die Befristung von Mitarbeitern im Hochschulrecht [VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23] nach Maßgabe der Fristenregelungen der Nr. 6 geprüft. Als Spezialfall des fortbestehenden Rahmenrechts enthält die Übergangsregelung eine fortbestehende Ausfüllungspflicht der Länder; das „insoweit” in Satz 2 erhält den Ländern die Gesetzgebungskompetenzen nach Art. 75 GG in der bis zum 1. September 2006 geltenden Fassung und erlaubt ihnen, das fortbestehende Rahmenrecht des Bundes auszufüllen, so im Jagdrecht, wo der bayerische Landesgesetzgeber das Rahmengesetz des Bundesjagdgesetzes lediglich ausgefüllt hat [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Soweit der Bund das ehemalige Rahmenrecht nicht in allen Teilen ersetzt hat, behält die Übergangsregelung Bedeutung [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898].

28 Zum Inhalt der Abweichungsbefugnis hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Länder von fortgeltendem Bundesrahmenrecht abweichen können, ohne dass es eines ausdrücklich erklärten Abweichungswillens oder einer Zitierung derjenigen bundesrechtlichen Vorschriften bedarf, von denen abgewichen wird; für das Bestehen der Abweichungsbefugnis genügt das Vorliegen der notwendigen Gesetzgebungsbefugnis im Zeitpunkt des Gesetzesbeschlusses, auch nach dem Stichtag getroffene redaktionelle Anpassungen können eine Abweichung verfassungskonform bestätigen [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Eine Kennzeichnungspflicht für abweichendes Landesrecht ist in Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG mangels Verankerung im Wortlaut nicht vorgesehen; dies folgt im Umkehrschluss zu Art. 80 Abs. 1 Satz 3 GG [VerfGH Bayern, 18.10.2023 – Vf. 18-VIII-19, Vf. 19-VII-19; BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Auf den Gebieten des Art. 72 Abs. 3 Satz 1 GG können die Länder von dem nach Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG fortgeltenden Bundesrecht abweichen, wenn das Landesgesetz nach Ablauf der dort genannten Frist – im Falle des Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 6 GG nach dem 1. August 2008 – erlassen worden ist [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14; VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23]. Die Neuabgrenzung beider Regelungsmaterien markiert die äußerste Grenze der Abweichungsbefugnis: Die Abweichung der Länder von Normen des fortgeltenden Rahmenrechts eröffnet keine Gesetzgebung in einem Sachgebiet, für das die fortgeltende Norm keine Aussage trifft [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21].

29 Zum Rechtscharakter fortgeltender Rahmenvorschriften führt das Bundesverfassungsgericht aus, dass diese nur ausnahmsweise in Einzelheiten gehende oder unmittelbar geltende Regelungen enthalten dürfen; ausfüllungsbedürftige, nicht hinreichend bestimmte Teilregelungen sind von den Ländern im Rahmen ihrer Ausfüllungspflichten zu schließen, und die begrenzte Gesetzgebungsbefugnis des Bundes spricht im Zweifel dafür, dass eine rahmengesetzliche Vorschrift auf Ausfüllung durch den Landesgesetzgeber angelegt ist [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Daneben ist das fortgeltende Rahmenrecht zugunsten des Entscheidungsspielraums der Länder auszulegen; im Zweifel sind die Länder nicht übermäßig gebunden, so bei der Überführung von Bachelor- und Masterstudiengängen in das Regelangebot der Hochschulen [BVerfG, 07.08.2007 – 1 BvR 2667/05].

II. Rechtsfolgen

30 Art. 125b Abs. 1 Satz 1 GG ordnet die Fortgeltung von Recht, das auf Grund des Artikels 75 GG in der bis zum 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden ist, als Bundesrecht an [BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10; BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21; VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Der Vorrang des Bundesrechts nach Art. 31 GG führt im Kollisionsfall grundsätzlich zur Nichtigkeit widersprechenden Landesrechts; eine Kollision besteht jedoch nicht, wenn ein Land von Vorgaben lediglich dispositiven Bundesrechts abweicht oder die landesrechtliche Norm im Einklang mit dem Bundesrahmenrecht auslegbar ist [VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23; BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Nichtig nach Art. 31 GG ist eine landesgesetzliche Regelung, die einer abschließenden Vollregelung fortgeltenden Bundesrahmenrechts widerspricht, so die Einführung eines Kriteriums für Fälle der Ranggleichheit in der Abiturbesten- und der Wartezeitquote durch § 8a BerlHZG gegenüber § 32 Abs. 4 HRG [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14].

31 Eine generelle Heilung einer etwaigen Verfassungswidrigkeit wegen fehlender Gesetzgebungskompetenz eines Landes durch den späteren Hinzutritt der Abweichungsbefugnis tritt mangels einer entsprechenden Regelungswirkung nicht ein, weil dem Bundesrecht widersprechendes Landesrecht nicht lediglich suspendiert, sondern endgültig derogiert wird [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Ob dies auch dann gilt, wenn ein Land von Vorschriften gemäß Art. 72 Abs. 3 GG abweicht, nachdem der Bund eine Materie auf Grundlage seiner konkurrierenden Gesetzgebungszuständigkeit regelt, ist offen [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. „Insoweit” im Sinne des Satzes 2 bleiben die Befugnisse und Verpflichtungen der Länder zur Gesetzgebung im Hinblick auf das als Rahmenrecht erlassene und nach Satz 1 fortgeltende Recht bestehen [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898].

32 Eine nach Ablauf der Abweichungsfrist erlassene landesrechtliche Regelung ist nicht nach Art. 31 GG wegen Verstoßes gegen fortgeltendes Bundesrecht nichtig, sofern die Abweichungsbefugnis nach Art. 72 Abs. 3 Satz 1 GG greift [VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23]. Entspricht die landesrechtliche Regelung in der Sache den Vorgaben des fortgeltenden Bundesrechts, liegt ungeachtet der Abweichungsbefugnis erst recht keine Kollision vor, so die Regelung des § 31 Abs. 6 Satz 2 HG NRW, die den Vorgaben des § 29 Abs. 1 Satz 1 HRG entspricht [VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23]. Ergänzend: Die Abweichungsbefugnis nach Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG findet ihre Grenze am abweichungsfesten Kern des Rechts der Jagdscheine [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Das Jagdrecht ausgenommen dürfen die Länder vom fortbestehenden Bundesrahmenrecht abweichen [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898].

III. Verfahren und Zuständigkeit

33 Die Abweichungsbefugnis der Länder setzt voraus, dass diese zum Zeitpunkt des Gesetzesbeschlusses über die notwendige Gesetzgebungsbefugnis verfügen [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Ein gesonderter Ausspruch über die Inanspruchnahme der Abweichungsbefugnis ist nicht erforderlich; es genügt das Bestehen der Gesetzgebungsbefugnis [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Die Norm ist im Normenkontroll- und Verfassungsbeschwerdeverfahren angewandt worden [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14; BVerfG, 07.08.2007 – 1 BvR 2667/05; BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21], ferner in verwaltungsgerichtlichen Verfahren vor Oberverwaltungsgerichten und Verwaltungsgerichten [OVG NRW, 18.02.2008 – 6 B 33/08; VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23]. Die revisionsgerichtliche Überprüfung von Begriffen, die die Länder wörtlich aus fortgeltendem Bundesrahmenrecht übernommen haben, erfolgt wegen der Qualität dieser Normen als nach Art. 125b Abs. 1 Satz 1 GG fortgeltendes Bundesrecht [BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10].

IV. Konkurrenzen und Verhältnis zu anderen Normen

34 Art. 125b Abs. 1 GG ist Übergangsregelung für die Gesetzgebungsbefugnisse der Länder nach Überführung des ehemaligen Rahmenrechts in den Bereich der konkurrierenden Gesetzgebung [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898]. Die Norm steht im Zusammenhang mit Art. 75 GG in der bis zum 1. September 2006 geltenden Fassung, dessen Sachbereiche sie nachzeichnet [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898; BVerfG, 07.08.2007 – 1 BvR 2667/05]. Die Befugnis der Länder zur Ausfüllung des fortgeltenden Rahmenrechts folgt aus Art. 125b Abs. 1 Satz 2 GG in Verbindung mit der fortbestehenden Zuständigkeitslage; die Rechtsprechung ordnet dies der Fortgeltung rahmenrechtlicher Vorschriften zu, ohne die Abweichungsbefugnis auf andere Gebiete zu erstrecken [VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898; BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21].

35 Das Verhältnis zu Art. 72 Abs. 3 GG wird von der Rechtsprechung dahin bestimmt, dass sich die Abweichungsbefugnis der Länder aus der Verbindung des Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG mit Art. 72 Abs. 3 Satz 1 GG ergibt [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21; VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23]. Die Grenze der Abweichungsbefugnis verläuft dort, wo auf anderen sachlichen Gebieten, insbesondere bodenrechtlichen Materien, keine Zuständigkeit der Länder gegeben ist [BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21]. Im Verhältnis zu Art. 74 Abs. 1 Nr. 27 GG bestehen fortbestehende Abgrenzungsfragen: Ob die von § 128 BRRG geregelten Sachverhalte Statusrechte und -pflichten im Sinne des Art. 74 Abs. 1 Nr. 27 GG sind, wird als bislang nicht abschließend geklärt bezeichnet und offen gelassen [OVG NRW, 18.02.2008 – 6 B 33/08].

36 Die Kollision mit Art. 31 GG wird durch die Abweichungsbefugnis der Länder ausgeschlossen, soweit die Länder inhaltlich die ihnen durch die Kompetenzordnung eingeräumte Abweichungsbefugnis in Anspruch genommen haben; andernfalls führt der verfassungskräftige Vorrang des Bundesrechts zur Nichtigkeit widersprechender Landesnormen [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Eine geltungserhaltende verfassungskonforme Auslegung des Landesrechts ist geboten, soweit dies möglich ist [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]. Das Verhältnis zu Art. 80 Abs. 1 Satz 3 GG ergibt im Umkehrschluss, dass die Zitierpflicht nicht analog auf abweichendes Landesrecht übertragen wird [VerfGH Bayern, 18.10.2023 – Vf. 18-VIII-19, Vf. 19-VII-19].

V. Streitstand und offene Fragen

37 Ein Widerspruch zwischen den Entscheidungen ist nicht ersichtlich, soweit sich die Kernaussagen auf die Fortgeltung rahmenrechtlichen Bundesrechts, die Abweichungsbefugnis und die Kollisionsfolgen beziehen. Offen ist die vom Bundesverfassungsgericht nicht beantwortete Frage, ob eine Kollision abweichend zu beurteilen ist, wenn ein Land von Vorschriften gemäß Art. 72 Abs. 3 GG abweicht, nachdem der Bund eine Materie auf Grundlage seiner konkurrierenden Gesetzgebungszuständigkeit regelt [BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14]; insoweit äußert sich das Material nicht zu einer abschließenden Klärung. Ebenso offen ist die Übertragung der für Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG verneinten Kennzeichnungspflicht auf Art. 72 Abs. 3 GG; das Bundesverfassungsgericht hat diese Frage offengelassen, der Bayerische Verfassungsgerichtshof bejaht die Übertragung [VerfGH Bayern, 18.10.2023 – Vf. 18-VIII-19, Vf. 19-VII-19]. Ob ein Land dann nach Maßgabe des Art. 125b Abs. 1 GG gesetzgeben dürfte, wenn eine fortbestehende Gesetzgebungskompetenz des Bundes zu bejahen ist, wird in der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfalen ausdrücklich als Prüfungsvoraussetzung benannt, ohne zu einer abschließenden Entscheidung zu gelangen [OVG NRW, 18.02.2008 – 6 B 33/08].

D. Absatz 2 — Von bundesgesetzlichen Regelungen, die auf Grund des Artikels 84 Abs

38 7 herangezogene Entscheidungen, davon 1 des Bundesverfassungsgerichts oder des EuGH (Rang 1).

I. Tatbestand

39 Art. 125b Abs. 2 GG betrifft bundesgesetzliche Regelungen, die auf Grund des Art. 84 Abs. 1 GG in der vor dem 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden sind. Von diesen können die Länder abweichende Regelungen treffen; handelt es sich um Regelungen des Verwaltungsverfahrens, ist eine Abweichung bis zum 31. Dezember 2008 nur dann zulässig, wenn ab dem 1. September 2006 in dem jeweiligen Bundesgesetz Regelungen des Verwaltungsverfahrens geändert worden sind. Die Vorschrift sperrt damit die Abweichungsbefugnis der Länder von bundesgesetzlichen Verwaltungsverfahrensregelungen zeitlich bis zum 31. Dezember 2008 [LSG NRW, 05.03.2008 – L 10 SB 40/06]. Maßgeblich für die Einordnung einer Vorschrift als Regelung des Verwaltungsverfahrens ist ihr sachlicher Gehalt und nicht ihre äußere Bezeichnung [LSG NRW, 05.03.2008 – L 10 SB 40/06]; Regelungen über Dienst- und Fachaufsicht können hiernach dem Verwaltungsverfahren zuzuordnen sein [LSG NRW, 05.03.2008 – L 10 SB 40/06]. Nach Ablauf der Übergangsfrist am 31. Dezember 2008 ist der Landesgesetzgeber befugt, von solchen verfahrensbezogenen Vorgaben des Bundesrechts abzuweichen; bestätigt er die betroffenen Normen durch Gesetz nach dem 31. Dezember 2008, macht er damit jedenfalls nach Fristablauf von der Abweichungsbefugnis Gebrauch [BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08]. Die Abweichungsbefugnis erfasst nur solches Recht, das auch nach dem 1. September 2006 als Bundesrecht hätte erlassen werden können; der Kreis der erfassten Regelungen ist an die fortbestehende Bundesgesetzgebungskompetenz gekoppelt [VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08].

II. Rechtsfolgen

40 Die Rechtsfolge des Art. 125b Abs. 2 GG ist die Eröffnung der Landesgesetzgebungskompetenz für Abweichungen von bundesgesetzlichen Regelungen des Verwaltungsverfahrens; die Landeskompetenz ergibt sich insoweit aus Art. 84 Abs. 1 Satz 1 GG in Verbindung mit Art. 125b Abs. 2 GG [VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08]. Die Abweichungsbefugnis reicht nicht weiter als die fortgeltende Abweichungsbefugnis nach Art. 84 Abs. 1 GG und setzt voraus, dass die bundesgesetzliche Regelung, von der abgewichen werden soll, dem Verwaltungsverfahren zuzuordnen ist [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14]. Für die Abweichung müssen zudem die Voraussetzungen des Art. 84 Abs. 1 Satz 2 GG vorliegen [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13]. Die staatliche Befugnis, ein Entgelt für Verwaltungsleistungen zu erheben, ist nicht dem Verwaltungsverfahren, sondern der jeweiligen Sachmaterie zuzuordnen und unterliegt daher nicht der Abweichungsbefugnis; eine gleichwohl ergangene landesrechtliche Gebührenregelung verstößt gegen Bundesrecht und ist gemäß Art. 31 GG und Art. 70 GG nichtig [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14]. Ein Verstoß gegen Art. 125b Abs. 2 GG berührt nach Auffassung des Bundesarbeitsgerichts den Bestand eines hiervon unabhängigen Rechtsverhältnisses nicht; die Personalgestellung eines Arbeitnehmers an einen Landschaftsverband ist deshalb nicht rechtsunwirksam, wenn die zugrunde liegende Aufgabenübertragung gegen Art. 85 Abs. 1 GG bzw. Art. 125b Abs. 2 GG in Verbindung mit §§ 1, 3, 4 ErrG verstoßen sollte [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09]. Das Bundesverfassungsgericht hat offengelassen, ob bestimmte landesrechtliche Regelungen allein den Bestimmungen über die Einrichtung von Behörden zuzurechnen sind oder auch Vorgaben für das Verwaltungsverfahren enthalten, von denen der Landesgesetzgeber gemäß Art. 125b Abs. 2 GG bis zum 31. Dezember 2008 nicht hätte abweichen dürfen [BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08].

III. Verfahren und Zuständigkeit

41 Für die Beurteilung der Zulässigkeit einer landesrechtlichen Abweichung ist bei gerichtlichen Sachentscheidungen der Zeitpunkt der Entscheidung des jeweils zuständigen Gerichts maßgeblich; für das Landessozialgericht kommt es daher auf die Rechtslage zum Zeitpunkt seiner Sachentscheidung an [BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08]. Das Bundesverfassungsgericht knüpft insoweit an die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts an [BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08]. Das Bundesarbeitsgericht befasst sich mit der Vorlage des Landessozialgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen nach Art. 100 Abs. 1 GG [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09]. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf leitet die Landesgesetzgebungskompetenz im Bereich der landeseigenen Ausführung eines Bundesgesetzes aus Art. 84 Abs. 1 Satz 1 GG in Verbindung mit Art. 125b Abs. 2 GG ab [VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08]. Das Bundesverwaltungsgericht und das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht entscheiden über Normenkontrollanträge gegen landesrechtliche Gebührenordnungen und prüfen diese am Maßstab des Art. 84 Abs. 1 GG in Verbindung mit Art. 125b Abs. 2 GG [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14].

IV. Konkurrenzen und Verhältnis zu anderen Normen

42 Art. 125b Abs. 2 GG steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Art. 84 Abs. 1 GG: Die Abweichungsbefugnis knüpft an bundesgesetzliche Regelungen an, die auf Grund des Art. 84 Abs. 1 GG in der vor dem 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden sind, und reicht nicht weiter als die fortgeltende Abweichungsbefugnis nach Art. 84 Abs. 1 GG [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14]. Die Abweichungsbefugnis setzt voraus, dass die Voraussetzungen des Art. 84 Abs. 1 Satz 2 GG für eine Abweichung von Bundesrecht vorliegen [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14]. Von Art. 125b Abs. 2 GG abzugrenzen ist Art. 125b Abs. 1 GG, der nur für Recht gilt, das auf Grund des Art. 75 GG in der bis zum 1. September 2006 geltenden Fassung erlassen worden ist; hat der Bund von der Rahmenkompetenz nach Art. 75 Abs. 1 Nr. 1 GG keinen Gebrauch gemacht, ist für die Überleitungsregelung des Art. 125b Abs. 1 GG kein Raum, und die Befugnis des Landes zur Regelung einer gesetzlichen Überleitung folgt aus Art. 70 Abs. 1 GG [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09]. Soweit eine abweichende landesrechtliche Regelung nicht von der Abweichungsbefugnis gedeckt ist, verstößt sie gegen Bundesrecht und ist gemäß Art. 31 GG und Art. 70 GG nichtig [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14]. § 128 BRRG fällt nicht unter Art. 125b GG, weil er insoweit nicht mehr als Bundesrecht hätte erlassen werden können; die Abweichung des Personalfolgengesetzes von § 128 BRRG ist daher nach der Änderung von Art. 74 Abs. 1 Nr. 27 GG vom Land gedeckt [VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08]. Die Durchführung des Schwerbehindertenrechts nach §§ 69, 145 SGB IX ist von Art. 125b GG zu unterscheiden; die Befugnis des Landes, insoweit seit dem 1. Mai 2004 von allen Vorschriften des ErrG abzuweichen, folgt aus § 69 Abs. 1 Satz 7 SGB IX und nicht aus Art. 125b GG [LSG NRW, 05.03.2008 – L 10 SB 40/06].

V. Streitstand und offene Fragen

43 Zwischen dem Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen und mehreren Senaten des Bundessozialgerichts bestand Streit über die Frage, ob das Land nach Art. 125b Abs. 2 GG erst ab dem 1. Januar 2009 von bundesrechtlichen Verfahrensregelungen abweichen durfte und deshalb nicht berechtigt war, Aufgaben zum 1. Januar 2008 zu übertragen; das Landessozialgericht hielt §§ 1, 4 VersÄmtEinglG wegen Verstoßes gegen §§ 1, 3, 4 ErrG in Verbindung mit Art. 84, 125b Abs. 2 GG für unvereinbar, während mehrere Senate des Bundessozialgerichts dieser Auffassung entgegengetreten sind [BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09]. Das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen weicht zudem von der Auffassung des 6. Senats desselben Gerichts ab [LSG NRW, 05.03.2008 – L 10 SB 40/06]. Das Bundesverfassungsgericht hat die Frage, ob bestimmte landesrechtliche Regelungen Vorgaben für das Verwaltungsverfahren enthalten, von denen der Landesgesetzgeber gemäß Art. 125b Abs. 2 GG bis zum 31. Dezember 2008 nicht hätte abweichen dürfen, ausdrücklich dahingestellt, weil der Landesgesetzgeber die zur Prüfung gestellten Normen nach Fristablauf bestätigt und damit jedenfalls von der Abweichungsbefugnis Gebrauch gemacht hatte; auch die Abgrenzung zwischen organisatorischen Regelungen und solchen des Verwaltungsverfahrens im Verhältnis zur Organisationsgewalt der Länder nach Art. 84 Abs. 1 GG lässt das Gericht dahinstehen [BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08]. Keinen Widerspruch bildet die Rechtsprechung zur Gebührenerhebung: Das Bundesverwaltungsgericht und das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht stützen sich übereinstimmend auf die ständige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, wonach die staatliche Befugnis, ein Entgelt für Verwaltungsleistungen zu erheben, nicht dem Verwaltungsverfahren, sondern der jeweiligen Sachmaterie zuzuordnen und daher nicht von der Abweichungsbefugnis nach Art. 125b Abs. 2 GG erfasst ist [BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13; BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13; OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14].

E. Absatz 3 — Auf dem Gebiet des Artikels 72 Absatz 3 Satz 1 Nummer 7 darf …

44 8 herangezogene Entscheidungen, davon 0 des Bundesverfassungsgerichts oder des EuGH (Rang 1).

I. Tatbestand

45 Art. 125b Abs. 3 GG setzt voraus, dass es sich um abweichendes Landesrecht auf dem Gebiet des Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 7 GG (Grundsteuer) handelt. Die Norm enthält die zeitliche Schranke, dass abweichendes Landesrecht der Erhebung der Grundsteuer frühestens für Zeiträume ab dem 1. Januar 2025 zugrunde gelegt werden darf. Eine landesgesetzliche Regelung, die für die ab dem 01.01.2025 zu erhebende Grundsteuer gilt, ist mit Art. 125b Abs. 3 GG vereinbar; so entschieden für § 1 Abs. 1 BlnGrStMG, der abweichende Steuermesszahlen für im Land Berlin belegene Grundstücke vorsieht [FG Berlin-Brandenburg, 14.01.2026 – 3 K 3156/25]. In der finanzgerichtlichen Rechtsprechung wird die zeitliche Schranke überwiegend nicht erörtert, weil die Norm dort lediglich als Kompetenzgrundlage herangezogen wird [FG Hessen, 23.01.2025 – 3 K 663/24; FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24; FG München, 18.06.2025 – 4 K 702/24; FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25; FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25]. Eine Entscheidung nennt die zeitliche Schranke als Merkmal, ohne sie weiter zu entfalten [FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24].

II. Rechtsfolgen

46 Art. 125b Abs. 3 GG eröffnet den Ländern die Befugnis, auf dem Gebiet des Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 7 GG abweichendes Landesrecht zur Grundsteuer zu erlassen [FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24; FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25; FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25]. Die Rechtsetzungsbefugnis des Landes für ein eigenes Grundsteuergesetz ergibt sich aus Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 7 GG in Verbindung mit Art. 125b Abs. 3 GG; das auf dieser Grundlage erlassene Landesrecht ist formell verfassungsgemäß [FG Hessen, 23.01.2025 – 3 K 663/24; FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24; FG München, 18.06.2025 – 4 K 702/24; FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24; FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25]. Bejaht wurde dies für das Hessische Grundsteuergesetz [FG Hessen, 23.01.2025 – 3 K 663/24] sowie für die Vorschriften des Bayerischen Grundsteuergesetzes zu den Äquivalenzbeträgen der Grundsteuer B [FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24; FG München, 18.06.2025 – 4 K 702/24; FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25; FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24; FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25]. Abweichendes Landesrecht darf der Erhebung der Grundsteuer frühestens für Zeiträume ab dem 01.01.2025 zugrunde gelegt werden [FG Berlin-Brandenburg, 14.01.2026 – 3 K 3156/25].

III. Verfahren und Zuständigkeit

47 Das herangezogene Material enthält hierzu keine Aussage.

IV. Konkurrenzen und Verhältnis zu anderen Normen

48 Art. 125b Abs. 3 GG wird in Verbindung mit Art. 72 Abs. 3 Satz 1 Nr. 7 GG angewandt; beide Normen zusammen begründen die Rechtsetzungsbefugnis der Länder für abweichendes Landesrecht auf dem Gebiet der Grundsteuer [FG Hessen, 23.01.2025 – 3 K 663/24; FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24; FG München, 18.06.2025 – 4 K 702/24; FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25; FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24; FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25]. Die Norm wird als Länderöffnungsklausel verstanden, die die konkurrierende Gesetzgebungszuständigkeit des Bundes aus Art. 105 Abs. 2 Satz 1 GG durchbricht [FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25; FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24; FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25; FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24]. Im Verhältnis zu Art. 72 Abs. 3 Satz 3 GG geht auf den Gebieten des Art. 72 Abs. 3 Satz 1 GG das jeweils spätere Gesetz vor; § 1 Abs. 1 BlnGrStMG ist im Verhältnis zu § 15 Abs. 1 GrStG das spätere Gesetz und geht vor [FG Berlin-Brandenburg, 14.01.2026 – 3 K 3156/25]. Die Entscheidung zu Art. 125b Abs. 1 GG [OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09] betrifft die Fortgeltung von Bundesrahmenrecht und enthält keine Aussage zu Art. 125b Abs. 3 GG.

V. Streitstand und offene Fragen

49 Die finanzgerichtliche Rechtsprechung stimmt im Grundsatz überein, dass Art. 125b Abs. 3 GG den Ländern die Befugnis zu abweichendem Landesrecht auf dem Gebiet der Grundsteuer eröffnet. Die zeitliche Schranke für Zeiträume ab dem 1. Januar 2025 wird jedoch nur vereinzelt erörtert [FG Berlin-Brandenburg, 14.01.2026 – 3 K 3156/25]; die übrigen Entscheidungen behandeln die Norm lediglich als Kompetenzgrundlage, ohne ihre Grenzen zu entfalten [FG Hessen, 23.01.2025 – 3 K 663/24; FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24; FG München, 18.06.2025 – 4 K 702/24; FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25; FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25]. Das herangezogene Material enthält keine Aussage zu weiteren Fragen, insbesondere nicht zur Abgrenzung des zulässigen Abweichens vom Bundesrecht oder zur Rückwirkung für Zeiträume vor dem 1. Januar 2025.

Zur Kommentierung herangezogene Entscheidungen

Diese Entscheidungen tragen die Kommentierung; sie sind ihr vollständiger Quellenbestand. Geordnet nach Rang des Gerichts (1 = BVerfG und EuGH, 2 = Bundesgerichte und Landesverfassungsgerichte, 3 und 4 = Ober- und Instanzgerichte), darin nach Datum.

  • BVerfG, 07.08.2007 – 1 BvR 2667/05 · Rang 1 · von 12 fremden Gerichten zitiert — Umstellung auf Bachelor-/Masterstudiengänge. Die Fakultät scheitert mit ihrer Beschwerde gegen die Bachelor/Master-Pflicht; die Landesnormen sind mit nach Art. 125b GG fortgeltendem Rahmenrecht vereinbar.
  • BVerfG, 17.04.2013 – 2 BvL 20/08 · Rang 1 · von 2 fremden Gerichten zitiert — Kommunalisierung der Versorgungsverwaltung. Das LSG legte die Kommunalisierung nach Art. 125b Abs. 2 GG vor; das BVerfG erklärte die Vorlage für unzulässig, weil das Land nach Fristablauf abweichen durfte.
  • BVerfG, 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14 · Rang 1
  • BVerfG, 27.09.2022 – 1 BvR 2661/21 · Rang 1 · von 18 fremden Gerichten zitiert — Windenergie-Verbot auf Waldflächen. Eigentümer gegen absolutes Windenergie-Verbot im Wald: BVerfG erklärt § 10 Abs. 1 S. 2 ThürWaldG für nichtig; Art. 125b GG trägt keine Kompetenz.
  • BVerwG, 27.01.2011 – 7 C 3/10 · Rang 2 · von 11 fremden Gerichten zitiert — Unterhaltungspflicht für verrohrte Alte Saale. Der Verband wehrte sich gegen die Instandsetzung der verrohrten Alten Saale; das BVerwG bejahte die revisionsgerichtliche Prüfung wegen Art. 125b Abs. 1 Satz 1 GG.
  • BAG, 23.03.2011 – 10 AZR 374/09 · Rang 2 — Personalgestellung nach Versorgungsämterauflösung. Kläger streitet über Personalgestellung; BAG weist Revision zurück und hält Gestellung trotz möglichen Verstoßes der Aufgabenübertragung gegen Art. 125b Abs. 2 GG für wirksam.
  • BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 2/13 · Rang 2
  • BVerwG, 26.06.2014 – 3 CN 4/13 · Rang 2 · von 1 fremden Gerichten zitiert — Gebührenordnung für übermäßige Straßenbenutzung. Die Antragstellerin focht die Gebührenordnung an; das OVG erklärte sie für unwirksam, Art. 125b Abs. 2 GG gebe keine Abweichungskompetenz.
  • VerfGH Bayern, 18.10.2023 – Vf. 18-VIII-19 , Vf. 19-VII-19 · Rang 2
  • OVG NRW, 18.02.2008 – 6 B 33/08 · Rang 3 · von 3 fremden Gerichten zitiert
  • LSG NRW, 05.03.2008 – L 10 SB 40/06 · Rang 3 · von 4 fremden Gerichten zitiert — Abweichung des Eingliederungsgesetzes vom ErrG. Art. 125b Abs. 2 GG deckte Abweichungen des Eingliederungsgesetzes vom ErrG nicht; für §§ 69, 145 SGB IX ließ § 69 Abs. 1 S. 7 SGB IX sie ab 01.05.2004 zu.
  • OVG M-V, 21.10.2009 – 4 K 11/09 · Rang 3 · von 1 fremden Gerichten zitiert — Erweiterung jagdrechtlicher Verbote. Das Gericht: Bundesjagdgesetz gilt nach Art. 125b Abs. 1 GG als Bundesrahmenrecht fort; Landesrecht darf den Rahmen erweitern, aber keine neuen Verbote schaffen.
  • OVG Niedersachsen, 05.05.2015 – 12 KN 174/14 · Rang 3 — Gebührenordnung für übermäßige Straßennutzung. Normenkontrollantrag gegen Gebührenordnung für übermäßige Straßennutzung erfolgreich; Art. 125b Abs. 2 GG gibt Ländern keine solche Kompetenz.
  • FG Hessen, 23.01.2025 – 3 K 663/24 · Rang 3 — Grundsteuermessbetragsbescheid 2022. Klage gegen den Grundsteuermessbetragsbescheid auf den 01.01.2022 erfolglos; Rechtsetzungsbefugnis des Landes aus Art. 125b Abs. 3 GG bejaht.
  • FG München, 30.04.2025 – 4 K 1312/24 · Rang 3 — Äquivalenzbeträge der Grundsteuer B. Eigentümerin eines mit Zahnarztpraxis bebauten Grundstücks klagte gegen das BayGrStG; das FG wies die Klage ab und bejahte Länderkompetenz aus Art. 125b GG.
  • FG München, 18.06.2025 – 4 K 702/24 · Rang 3
  • FG München, 25.06.2025 – 4 K 113/25 · Rang 3 — Grundsteueräquivalenzbeträge und -messbetrag. Die Grundstückseigentümerin klagte gegen Grundsteueräquivalenzbeträge und -messbetrag; das FG wies die Klage ab und bejahte die Länderbefugnis nach Art. 125b GG.
  • FG München, 25.06.2025 – 4 K 2077/24 · Rang 3
  • FG München, 13.08.2025 – 4 K 164/25 · Rang 3 · von 2 fremden Gerichten zitiert — Grundsteueräquivalenzbeträge nach dem BayGrStG. Die Klage von Grundstückseigentümern gegen Äquivalenzbeträge und Messbetrag nach dem BayGrStG wies das FG ab; die Regelung sei über Art. 125b Abs. 3 GG gedeckt.
  • VGH Bayern, 16.12.2025 – 19 B 24.1898 · Rang 3 — Gemeinsamer Gamswildabschussplan. Der Senat stellte die Rechtswidrigkeit eines Gamswildabschussplans fest und bejahte die fortbestehende Landesgesetzgebungsbefugnis nach Art. 125b GG.
  • FG Berlin-Brandenburg, 14.01.2026 – 3 K 3156/25 · Rang 3 · von 1 fremden Gerichten zitiert — Berliner Grundsteuermesszahlen. Klage gegen abweichende Berliner Grundsteuermesszahlen; das FG hielt die Regelung ab 2025 anwendbar und mit Art. 125b Abs. 3 GG vereinbar.
  • VG Düsseldorf, 06.02.2009 – 13 K 5850/08 · Rang 4 · von 1 fremden Gerichten zitiert — Zuordnung bei Kommunalisierung von Umweltaufgaben. Beamter gegen Zuordnung bei Kommunalisierung von Umweltaufgaben; Gericht bejaht Fortbestand des Beamtenverhältnisses zum Land, Art. 125b GG nicht auf § 128 BRRG.
  • VG Minden, 20.12.2023 – 10 Nc 7/23 · Rang 4 — Vergabe außerkapazitärer Medizinstudienplätze. Antragstellerin scheitert mit vorläufiger Medizin-Zulassung per Losverfahren; VG verneint Kollision § 31 Abs. 6 S. 2 HG NRW mit Art. 125b GG fortgeltendem HRG.

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