Art. 31 GG
Wortlaut
Bundesrecht bricht Landesrecht.
Abschnitt des Gesetzes: Der Bund und die Länder.
Grundlage: 673 Entscheidungen des Bestands nennen diese Norm, 12 wurden ausgewählt, 10 haben einen Rechtssatz zu ihr beigetragen. Zeitraum 2008–2026. Bestand: Abzug vom 28.09.2026. Zitierweise: Art. 31 GG Rn. …
Die Norm in Zahlen
Gemessen über den ganzen Bestand von 665.246 Entscheidungen, nicht über die Auswahl dieser Kommentierung.
| Messwert | Befund |
|---|---|
| Verbreitung | 673 von 665.246 Entscheidungen des Bestands nennen Art. 31 GG — 0,10 % |
| Nennungen | 1.074 insgesamt, also 1,6 je Entscheidung |
| Gerichte | 122 verschiedene Gerichte haben die Norm angewandt |
| Zeitraum | 1962 bis 2026 |
| Verlauf 2015–2026 | ▃▃▅▂▂▂█▂▃▄▃▂ — 32, 35, 48, 20, 17, 23, 84, 19, 34, 37, 33, 18 Entscheidungen je Jahr. Das Jahr 2026 ist unvollständig — der Bestand reicht bis zum 06.10.2026. |
| Instanzen | BVerfG/EuGH: 46 (7 %) · Bundes- und Landesverfassungsgerichte: 131 (19 %) · Obergerichte: 294 (44 %) · erstinstanzliche Kollegialgerichte: 195 (29 %) · Amtsgerichte: 6 (1 %) · Vergabekammern und nicht zugeordnete: 1 (0 %) |
| Streitwert | Median 12.966 € aus 109 von 673 Entscheidungen mit beziffertem Streitwert im Tenor, mittlere Hälfte 5.000 € bis 15.000 € |
| Erfolgsbild | In 76 von 215 Entscheidungen mit bezifferter Kostenquote trug die beklagte Seite einen Teil der Kosten, die Klage drang also mindestens teilweise durch — 35 %. Wo das geschah, trug sie im Median 100 % der Kosten. Grundmenge: 673 Entscheidungen zur Norm. |
Inhaltsübersicht
- A. Allgemeines — Rn. 1
- I. Normzweck und Bedeutung — Rn. 1
- Entwicklung der Rechtsprechung — Rn. 2
- Systematische Stellung — Rn. 5
- B. Begriffe des Wortlauts — Rn. 6
- Bundesrecht — Rn. 7
- bricht — Rn. 8
- Landesrecht — Rn. 9
- C. Art. 31 GG — Rn. 10
- I. Tatbestand — Rn. 11
- Rechtsfolgen — Rn. 12
- Verfahren und Zuständigkeit — Rn. 13
- Konkurrenzen und Verhältnis zu anderen Normen — Rn. 14
- V. Streitstand und offene Fragen — Rn. 15
A. Allgemeines
I. Normzweck und Bedeutung
1 Art. 31 GG begründet einen bundesstaatlichen Geltungsvorrang des Bundesrechts, der umfassend ist [BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06; BVerfG, 29.09.2025 – 2 BvR 934/19]; anders als dieser kann der Anwendungsvorrang des Unionsrechts nicht umfassend sein, sondern reicht nur so weit, wie das Grundgesetz und das Zustimmungsgesetz die Übertragung von Hoheitsrechten erlauben, so bei der Bestimmung der Reichweite des Anwendungsvorrangs des Unionsrechts [BVerfG, 23.07.2024 – 2 BvR 557/19]. Als Kollisionsregel setzt er voraus, dass Bundes- und Landesrecht auf denselben Sachverhalt anwendbar sind und zu verschiedenen Ergebnissen führen; ein Verstoß führt zur Nichtigkeit der landesgesetzlichen Regelung, wie bei den landesrechtlichen Nichtraucherschutzgesetzen im Verhältnis zur Arbeitsstättenverordnung [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. Der Vorrang erstreckt sich auf kollidierende Landesgrundrechte, die durch einfaches Bundesrecht verdrängt werden; dies betrifft die Grundrechtsbindung eines Landesverfassungsgerichts [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Der Landesgesetzgeber darf hinter dem bundesrechtlich gesetzten Standard nicht zurückbleiben, so beim Betreuungsumfang in Kindertageseinrichtungen nach §§ 22, 24 SGB VIII [OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG].
II. Entwicklung der Rechtsprechung
2 2008–2010: Das Bundesverfassungsgericht legt die Grundlagen. Es definiert Art. 31 GG als Kollisionsregel, die bei widersprüchlicher Anwendung von Bundes- und Landesrecht auf denselben Sachverhalt zur Nichtigkeit führt; eine verfassungskonforme Auslegung kann die Kollision vermeiden, so bei den landesrechtlichen Nichtraucherschutzgesetzen [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. Es prägt zugleich den Begriff des umfassenden Geltungsvorrangs in Abgrenzung zum Anwendungsvorrang des Unionsrechts [BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06].
3 2015–2022: Die Fachgerichte konkretisieren das Kollisionserfordernis. Art. 31 GG greift nur bei Widerspruch; beim Klimaschutzgesetz Baden-Württemberg fehlt eine Regelung zum Sofortvollzug, sodass keine Kollision mit §§ 80a, 80 VwGO besteht [VGH Baden-Württ., 06.07.2015 – 8 S 534/15]. Das Bundessozialgericht überträgt den Rechtsgedanken auf Landesverträge nach § 112 SGB V, die bundesrechtliche Vorgaben nicht ändern dürfen; dies betrifft den Landesvertrag Rheinland-Pfalz [BSG, 28.03.2017 – B 1 KR 29/16 R]. Die Bindung des Landesverordnungsgebers an die bundesrechtliche SchAusnahmV und deren Genesenendefinition wird bestätigt [VG Osnabrück, 04.02.2022 – 3 B 4/22].
4 2023–2026: Das Bundesverfassungsgericht erweitert die Verdrängungswirkung auf Landesgrundrechte, soweit diese mit einfachem Bundesrecht kollidieren; maßgeblich ist die Grundrechtsbindung eines Landesverfassungsgerichts [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Die Linie zum Geltungsvorrang wird fortgeführt: Der Anwendungsvorrang des Unionsrechts bleibt begrenzt, so bei der Bestimmung seiner Reichweite [BVerfG, 23.07.2024 – 2 BvR 557/19], und der Geltungsvorrang des Art. 31 GG ist umfassend [BVerfG, 29.09.2025 – 2 BvR 934/19]. Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz formuliert Art. 31 GG als Mindestgarantie, wonach Landesrecht nicht hinter Bundesrecht zurückbleiben darf; dies betrifft den Betreuungsumfang in Kindertageseinrichtungen [OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG]. Der Bundesgerichtshof trennt den Vorrang von der Divergenz nach § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG i.V.m. § 121 Abs. 2 Nr. 1 GVG, wenn ein Oberlandesgericht unter Berufung auf Landesverfassungsrecht abweichen will [BGH, 02.07.2026 – 4 StR 235/25].
III. Systematische Stellung
5 Von der Sperrwirkung des Art. 72 Abs. 1 GG ist Art. 31 GG zu unterscheiden; auch wenn diese nicht eingreift, bleibt der Vorrang des Bundesrechts zu beachten, so bei den landesrechtlichen Nichtraucherschutzgesetzen [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. Dem Anwendungsvorrang des Unionsrechts, der nur im Rahmen der Hoheitsrechtsübertragung nach Art. 23 Abs. 1 GG gilt, stellt Art. 31 GG einen umfassenden Geltungsvorrang gegenüber [BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06; BVerfG, 29.09.2025 – 2 BvR 934/19]; die Begrenzung zeigt sich bei der Bestimmung der Reichweite des Anwendungsvorrangs des Unionsrechts, der nicht umfassend sein kann [BVerfG, 23.07.2024 – 2 BvR 557/19]. Gegenüber Art. 142 GG verdrängt Art. 31 GG kollidierende Landesgrundrechte, soweit einfaches Bundesrecht entgegensteht, etwa bei der Grundrechtsbindung eines Landesverfassungsgerichts [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Als Bindung des Landesgesetz- und -verordnungsgebers an bundesrechtliche Standards wird Art. 31 GG etwa bei der SchAusnahmV hinsichtlich der Genesenendefinition [VG Osnabrück, 04.02.2022 – 3 B 4/22] und beim Betreuungsumfang nach §§ 22, 24 SGB VIII [OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG] angewandt.
B. Begriffe des Wortlauts
6 Die Begriffe in der Reihenfolge des Wortlauts. Belegt aus 17 Stellen, davon 2 aus anderen Normen des GG — dort steht im Satz, woher die Auslegung stammt.
Bundesrecht
7 Bundesrecht im Sinne des Art. 31 GG umfasst alle Normen des Bundesrechts, einschließlich einfacher Bundesgesetze. Ein Grundrecht der Landesverfassung kann durch Art. 31 GG verdrängt werden, soweit sein Regelungsgehalt mit einfachem Bundesrecht kollidiert [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Die Norm begründet für die deutsche Rechtsordnung einen bundesstaatlichen Geltungsvorrang des Bundesrechts, der – anders als der Anwendungsvorrang des Unionsrechts – umfassend ist [BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06; BVerfG, 29.09.2025 – 2 BvR 934/19].
bricht
8 „Bricht“ kennzeichnet Art. 31 GG als Kollisionsnorm. Der Vorrang des Bundesrechts greift nur, wenn Bundesrecht und Landesrecht zueinander in Widerspruch stehen [VGH Baden-Württ., 06.07.2015 – 8 S 534/15]. Eine Normenkollision besteht, wenn Bundes- und Landesrecht auf denselben Sachverhalt anwendbar sind und bei ihrer Anwendung zu verschiedenen Ergebnissen führen [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. „Bricht“ bewirkt dabei einen Geltungsvorrang: Das Bundesrecht bestimmt die Geltung des Landesrechts, nicht nur dessen Anwendung im Einzelfall [BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06].
Landesrecht
9 Landesrecht im Sinne des Art. 31 GG umfasst alle landesrechtlichen Regelungen einschließlich landesverfassungsrechtlicher Grundrechte [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Der Landesgesetzgeber muss den Vorrang des Bundesrechts beachten; ein Verstoß führt zur Nichtigkeit der landesgesetzlichen Regelung [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. Art. 31 GG verwehrt es dem Landesgesetzgeber, mit seiner Regelung hinter dem bundesrechtlich gesetzten Standard zurückzubleiben [OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG]. Die Kollision setzt einen Widerspruch zwischen einer bundesrechtlichen und einer landesrechtlichen Regelung voraus [VGH Baden-Württ., 06.07.2015 – 8 S 534/15].
C. Art. 31 GG
10 10 herangezogene Entscheidungen, davon 5 des Bundesverfassungsgerichts oder des EuGH (Rang 1).
I. Tatbestand
11 Art. 31 GG setzt eine Normenkollision voraus, die dann besteht, wenn Bundes- und Landesrecht auf denselben Sachverhalt anwendbar sind und bei ihrer Anwendung zu verschiedenen Ergebnissen führen [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. Fehlt eine landesrechtliche Regelung zu demselben Gegenstand, liegt keine Kollision vor; so enthält das Klimaschutzgesetz für Baden-Württemberg keine Regelung zum Sofortvollzug immissionsschutzrechtlicher Genehmigungen und steht daher nicht im Widerspruch zu §§ 80a Abs. 1 Nr. 1, 80 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 VwGO [VGH Baden-Württ., 06.07.2015 – 8 S 534/15]. Der Anwendungsbereich wird verfassungsgerichtlich zugleich als umfassender bundesstaatlicher Geltungsvorrang beschrieben [BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06; BVerfG, 23.07.2024 – 2 BvR 557/19; BVerfG, 29.09.2025 – 2 BvR 934/19]. Auch ein nach Art. 142 GG geltendes Landesgrundrecht kann in den Kollisionsbereich fallen, wenn sein Regelungsgehalt mit einfachem Bundesrecht kollidiert; so bei der Frage, welche Grundrechte ein Landesverfassungsgericht seinem Verfahren zugrunde zu legen hat [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Der Landesebene ist gegenüber bundesrechtlichen Vorgaben nur eine ergänzende Ausfüllung, keine abweichende Regelung eröffnet; das gilt etwa für landesvertragliche Regelungen nach § 112 SGB V in Bezug auf die bundesrechtlichen Vorgaben des SGB V und der FPV [BSG, 28.03.2017 – B 1 KR 29/16 R]. Nach jüngerer obergerichtlicher Rechtsprechung darf eine landesgesetzliche Regelung nicht hinter der bundesgesetzlichen Regelung zurückbleiben; Art. 31 GG wirkt insoweit als Mindestgarantie des bundesgesetzlich geregelten Niveaus, so bei einer landesrechtlichen Regelung des Betreuungsumfangs in Kindertageseinrichtungen im Verhältnis zu §§ 22 Abs. 2 Satz 1, 24 Abs. 3 SGB VIII [OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG].
II. Rechtsfolgen
12 Eine Kollision führt zur Nichtigkeit der landesgesetzlichen Regelung [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. Die Nichtigkeit kann durch verfassungskonforme Auslegung vermieden werden, wenn keine ausdrückliche Unberührtheitsklausel besteht; so sind Vorschriften des Berliner Nichtraucherschutzgesetzes dahin auszulegen, dass kein Schutz der Beschäftigten vor Passivrauchbelastung in Raucherräumen herbeigeführt, sondern nur der Nichtraucherschutz außerhalb der Raucherräume sichergestellt werden soll [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. Ein mit einfachem Bundesrecht kollidierendes Landesgrundrecht wird durch Art. 31 GG verdrängt [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Der Landesverordnungsgeber ist an bundesrechtliche Vorgaben gebunden und darf von ihnen nicht abweichen; dies gilt insbesondere für die Genesenendefinition des § 2 Nr. 5 SchAusnahmV [VG Osnabrück, 04.02.2022 – 3 B 4/22]. Landesrecht darf nicht hinter dem bundesrechtlich gesetzten Standard zurückbleiben; eine Unterbrechung der Kindertagesbetreuung zur Mittagszeit widerspricht dem bundesrechtlichen Anspruch auf einen ununterbrochenen Betreuungszeitraum [OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG]. Vertragspartner von Landesverträgen nach § 112 SGB V und an ihrer Stelle die Landesschiedsstelle können bundesrechtliche Vorgaben nicht wirksam ändern, sondern nur ergänzend innerhalb der gesetzlichen und bundesvertraglichen Vorgaben ausfüllen [BSG, 28.03.2017 – B 1 KR 29/16 R]. Der Vorrang des Bundesrechts hindert die Annahme einer Divergenz nach § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG i.V.m. § 121 Abs. 2 Nr. 1 GVG nicht, wenn ein Oberlandesgericht die Reichweite des Rechts auf ein faires Verfahren auf der Grundlage mit Bundesrecht identischen Landesverfassungsrechts abweichend bestimmen will; dies wurde für die beabsichtigte Abweichung von der Rechtsprechung zur Nichtspeicherung von Rohmessdaten bejaht [BGH, 02.07.2026 – 4 StR 235/25].
III. Verfahren und Zuständigkeit
13 Der Vorrang des Bundesrechts nach Art. 31 GG lässt die für die Vorlagepflicht erforderliche Divergenz unberührt; maßgeblich ist allein, dass das Oberlandesgericht eine abweichende Rechtsauffassung vertritt und bundesrechtliche Verfahrensvorschriften abweichend anzuwenden beabsichtigt, so bei der Berufung auf die Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofs des Saarlandes [BGH, 02.07.2026 – 4 StR 235/25]. Für das Verfahren vor einem Landesverfassungsgericht gilt, dass dieses neben den Grundrechten des Grundgesetzes auch die parallel verbürgten Verfassungsrechte der Landesverfassung anzuwenden hat; deren Reichweite endet jedoch dort, wo Art. 142 GG die Übereinstimmung mit dem Grundgesetz voraussetzt und Art. 31 GG die Verdrängung durch kollidierendes einfaches Bundesrecht erlaubt [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Im Übrigen enthält das herangezogene Material zu verfahrensrechtlichen Anforderungen des Art. 31 GG keine Aussage.
IV. Konkurrenzen und Verhältnis zu anderen Normen
14 Art. 31 GG ist von der Sperrwirkung des Art. 72 Abs. 1 GG zu unterscheiden; auch wenn diese nicht eingreift, bleibt Art. 31 GG zu beachten [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07]. In Verbindung mit Art. 142 GG verdrängt Art. 31 GG inhaltsgleiche Landesgrundrechte, soweit sie mit einfachem Bundesrecht kollidieren [BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20]. Gegenüber dem Unionsrecht besteht ein grundlegender Unterschied: Art. 31 GG begründet einen umfassenden bundesstaatlichen Geltungsvorrang, während der Anwendungsvorrang des Unionsrechts durch Art. 23 Abs. 1 GG und das Zustimmungsgesetz begrenzt ist und nur so weit reicht, wie Hoheitsrechte übertragen sind [BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06; BVerfG, 23.07.2024 – 2 BvR 557/19; BVerfG, 29.09.2025 – 2 BvR 934/19]. Als Rechtsgedanke wird Art. 31 GG zur Bestimmung des Verhältnisses zwischen bundesrechtlichen Vorgaben und landesvertraglichen Regelungen nach § 112 SGB V herangezogen [BSG, 28.03.2017 – B 1 KR 29/16 R]. Gegenüber §§ 80a Abs. 1 Nr. 1, 80 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 VwGO greift Art. 31 GG nicht ein, wenn keine landesrechtliche Regelung zum Sofortvollzug besteht [VGH Baden-Württ., 06.07.2015 – 8 S 534/15]. Gegenüber der bundesrechtlichen SchAusnahmV bindet Art. 31 GG den Landesverordnungsgeber, insbesondere an die Genesenendefinition des § 2 Nr. 5 SchAusnahmV [VG Osnabrück, 04.02.2022 – 3 B 4/22]. Im Verhältnis zu §§ 22, 24 SGB VIII darf das Landesrecht nicht hinter dem bundesrechtlichen Standard zurückbleiben [OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG]. Im Verhältnis zu §§ 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG, 121 Abs. 2 Nr. 1 GVG steht Art. 31 GG der Annahme einer Divergenz nicht entgegen [BGH, 02.07.2026 – 4 StR 235/25].
V. Streitstand und offene Fragen
15 Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz erweitert Art. 31 GG über die vom Bundesverfassungsgericht betonte Kollisionsfunktion hinaus zu einer Mindestgarantie, nach der Landesrecht nicht hinter dem bundesrechtlichen Standard zurückbleiben darf [OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG]; das Bundesverfassungsgericht versteht Art. 31 GG demgegenüber als Kollisionsnorm und umfassenden Geltungsvorrang, ohne diese Erweiterung ausdrücklich aufzugreifen [BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07; BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06; BVerfG, 23.07.2024 – 2 BvR 557/19; BVerfG, 29.09.2025 – 2 BvR 934/19]. Der Widerspruch ist nach Rang und Datum nicht zugunsten der obergerichtlichen Erweiterung aufzulösen; das Bundesverfassungsgericht als höheres Gericht hat die Mindestgarantie nicht bestätigt, das Material enthält insoweit keine weiterführende Aussage. Im Übrigen zeigt das herangezogene Material keinen Widerspruch.
Zur Kommentierung herangezogene Entscheidungen
Diese Entscheidungen tragen die Kommentierung; sie sind ihr vollständiger Quellenbestand. Geordnet nach Rang des Gerichts (1 = BVerfG und EuGH, 2 = Bundesgerichte und Landesverfassungsgerichte, 3 und 4 = Ober- und Instanzgerichte), darin nach Datum.
- BVerfG, 30.07.2008 – 1 BvR 3262/07 · Rang 1 · von 49 fremden Gerichten zitiert — Rauchverbot in Gaststätten. Gaststättenbetreiber wehren sich gegen Rauchverbote; das BVerfG legt Berlins Ausnahmeregelung verfassungskonform aus, um eine Kollision mit Bundesrecht nach Art. 31 GG zu vermeiden.
- BVerfG, 06.07.2010 – 2 BvR 2661/06 · Rang 1 · von 43 fremden Gerichten zitiert — Sachgrundlose Befristung eines Arbeitsvertrags. Im Streit um sachgrundlose Befristung eines Arbeitsvertrags stellt das BVerfG klar, dass der Unionsrechtsvorrang anders als Art. 31 GG nicht umfassend ist.
- BVerfG, 24.08.2023 – 1 BvR 614/20 · Rang 1
- BVerfG, 23.07.2024 – 2 BvR 557/19 · Rang 1 · von 1 fremden Gerichten zitiert — Aufhebung eines Investitionsschiedsspruchs. Verfassungsbeschwerde einer Investorin gegen Aufhebung ihres 22-Mio.-Euro-Schiedsspruchs nicht angenommen; Art. 31 GG nur als Vergleich erwähnt.
- BVerfG, 29.09.2025 – 2 BvR 934/19 · Rang 1
- BSG, 28.03.2017 – B 1 KR 29/16 R · Rang 2 · von 14 fremden Gerichten zitiert — Krankenhausvergütung und Aufwandspauschale. Das BSG wies die Klage des Krankenhauses ab; Landesverträge dürfen bundesrechtliche DRG-Abrechnungsvorgaben nicht ändern (Art. 31 GG).
- BGH, 02.07.2026 – 4 StR 235/25 · Rang 2 · von 1 fremden Gerichten zitiert — Nichtspeicherung von Rohmessdaten. Der BGH entschied, dass die Nichtspeicherung von Rohmessdaten kein Beweisverwertungsverbot begründet, und bejahte trotz Art. 31 GG die Divergenzvorlage.
- VGH Baden-Württ., 06.07.2015 – 8 S 534/15 · Rang 3 · von 22 fremden Gerichten zitiert — Sofortvollzug einer Windenergiegenehmigung. Antragstellerin scheitert mit Beschwerde gegen Ablehnung der Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Genehmigung für 7 WEA; Art. 31 GG nicht einschlägig.
- OVG Rheinland-Pfalz, 14.04.2026 – 6 A 10075/26.OVG · Rang 3
- VG Osnabrück, 04.02.2022 – 3 B 4/22 · Rang 4 · von 26 fremden Gerichten zitiert — Verkürzung des Genesenstatus. Nach Art. 31 GG ist der Landesverordnungsgeber an die bundesrechtliche Genesenendefinition gebunden; die Verkürzung auf drei Monate ist verfassungswidrig.