V. Städtisches
Privilegien der Stadt in Bezug auf den Markt und den Verkehr zu Köln
Erzbischof Friedrich hatte den Siegburger Kaufleuten ungehinderten Besuch des Kölner Marktes und Zollfreiheit zu Wasser und zu Lande verliehen und Kaiser Friedrich der Abtei 1174 das Privileg erteilt daß innerhalb 4 Meilen im Umkreise kein neuer Markt entstehen, noch staatlicherseits geduldet werden solle. Diese Vorrechte mußten dem aufblühenden Handel und Verkehre des Städtchens wesentlich zugute kommen und die Geschäftsbeflissenen antreiben, nicht nur das Kölner Privilegium nach Kräften auszunützen, sondern auch die eigenen Marktverhältnisse so zu heben, daß die Nachbaren vom Lande keinen Grund mehr sahen, in weiterer Ferne ihre Produkte abzusetzen und die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Jeden Godestag war Markttag in Siegburg, so unbedeutend auch die Zufuhr noch sein mochte, und dreimal im Jahre durften auswärtige Kaufleute auf dem Markte erscheinen, um selbstverfertigte oder fremde Ware an den Mann zu bringen. Sie hatten sich bei der „Siegburger Maße und Gewichte” zu bedienen und mußten außer dem gesetzmäßigen Zolle auch noch ein kleines Standgeld entrichten, welches nach der Größe des eingenommenen Platzes bemessen wurde.
„Unrechtes” Kaufmannsgut wurde den Besitzern abgenommen und auf dem Hühnermarkte „auf Kummer” gelegt, unverzollte Ware aber doppelt besteuert und der Eigentümer aus der Stadt verwiesen. Die Marktaufseher übten strenges Nachsehen, und Bürgermeister und Schultheiß saßen den ganzen Tag auf der Amtsstube, um vorkommende Ungehörigkeiten zu richten und etwaige Streitigkeiten zum Austrage zu bringen.
Die Tuchverkäufer nahmen ihre Aufstellung vor dem Dinghause, dessen Saal unter Umständen auch als Warenlager benutzt wurde, die Eisenhändler schräg gegenüber am Isermarkt, die Lederfabrikanten an der Bergstraße auf dem „forum corii”, die Schuhmacher in unmittelbarer Nähe, die Töpfer vor der Holzgasse und so ein jeder an der Stelle, die ihm vom Marktaufseher zugewiesen war. Von einem Viehmarkte ist nirgendswo die Rede, obgleich er auch nicht ganz gefehlt haben dürfte. Aber wer den Namen Hühnermarkt mit dem Viehmarkte in Verbindung bringen möchte, der muß bedenken, daß unter den Bürgern Siegburgs allein die Anwohner jenes Platzes eine jährliche Grundsteuer von 2 Hühnern an den Abt zu entrichten hatten und deshalb wohl selbst diese Tiere gezüchtet haben werden. Der Marktplatz bildete ein ausgesuchtes Terrain für ihre Weide.
Der Christihimmelfahrtsmarkt
Am besuchtesten war jedesmal der Christihimmelfahrtsmarkt, nachdem der lange Winter den Verkehr beschränkt und teilweise ganz unmöglich gemacht hatte. Dann fanden sich die Kaufleute von nah und fern ein und namentlich die Kölner benutzten die Gelegenheit, um entweder schöne Geschäfte in Siegburg zu machen oder aber sich ein Vergnügen zu erlauben, da die Wasserstraße viel zur Unterhaltung der Reisenden darbot. Die Wachen an den Thoren wurden alsdann verstärkt und der Eintretende auf sein ehrliches Gesicht und die mitgebrachten Sachen untersucht. Trotzdem gelang es nicht immer, die Schmuggler vom Markte fern zu halten und auch den Langfingern das Handwerk zu legen.
Sebastian Zolner berichtet von einem Diebstahle, der um seines Ausgangs willen hier eine Erwähnung verdient. 1183, so erzählt er, hatte ein armes Mütterchen ein langes Stück Zeug gekauft und es aus Unvorsicht während des Bezahlens etwas beiseite geschoben. Als sie es dann an sich nehmen wollte, war es verschwunden, und der freche Dieb nirgendswo zu entdecken. Da gelobte sie in ihrer Not dem heiligen Anno, zu dessen Ehren der Markt eingerichtet worden war, eine Wachskerze ebenso lang wie das entwendete Stück Zeug, und siehe da! am folgenden Morgen wurde ihr dasselbe wieder zugestellt.
Derselbe Gewährsmann weiß auch schon von dem Siegburger Weinhandel zu berichten, indem er mehrere Herren rheinaufwärts in das Oberland reisen läßt, um bessere Sorten von dem Getränke einzukaufen. Der gewöhnliche Landwein genügte offenbar schon nicht mehr, und die Feinschmecker wollten an den Festtagen wenigstens eine bessere Marke vor sich sehen.
Der Servatiustag
Zu diesen Tagen gehörte vor allen der Servatiustag oder das Patronatsfest. Dann legte jeder seine schönsten Kleider an, welche er im Koffer hatte, und die besten Speisen wurden auf den Tisch gebracht. Aus den Nachbargemeinden erschienen die Geistlichen mit andächtigen Pilgern zu der feierlichen Prozession, welche das hochheilige Sakrament durch das Kölnthor um die Stadt und durch das Holzthor wieder in die Kirche zurück geleitete. Der Magistrat mit dem Schultheißen trug dabei brennende Fackeln und ging zu beiden Seiten des „Venerabile”. Man nannte diesen Tag Gottestrachtstag, nicht zu verwechseln mit dem 1264 durch Papst Urban IV. eingeführten Fronleichnamsfeste, an welchem die Prozession sich auf die Stadt beschränkte. Die fremden Geistlichen erhielten für ihre Mühewaltung ein Geschenk in Geld und wurden von dem Pfarrer auf Stadtkosten bewirtet.
Städtisches Leben und Treiben
Unterdessen tafelte man in den Häusern in entsprechender Weise und fast jeder Bürger hatte seine teuren Gäste. Fleisch und Brot bildeten die Hauptgerichte, Zop mit Gemüse die erwünschten Zuthaten. Man aß mit Löffeln und bediente sich der Finger als Gabeln. Der Hering bildete eine viel gesuchte Kost, nachdem Bokelmann aus Holland eine bessere Verpackungsweise desselben eingeführt und seinen Namen durch das Einpöckeln unsterblich gemacht hatte. Die Kreuzzüge machten die Deutschen mit den Gewürzen bekannt, und die Italiener waren die Spekulanten, welche sie über die Alpen auf den Markt brachten. Man muß aber bei dem Pfeffer, der so massenhaft verbraucht wurde, nicht immer an den asiatischen denken; es war auch sogenanntes Zwetschen- oder Pflaumenkraut, das jeder sich selbst zubereiten konnte und fettübergossen in steinernen Gefäßen aufzubewahren wußte.
Die Kochgeschirre bestanden aus Kupfer und waren in blankgepuztem Zustande eine Zierde der Küche. Die Reinlichkeit war um so sorgfältiger, als jeder mit den Gefahren bekannt war, welche der Grünspan für die Speisen herbeizuführen pflegt. Man setzte die Kessel auf Dreifüße oder hing sie an einem „Hehlhaken” über das Feuer. Seiteneisen mit Füßen dienten zur Lockerlegung der Brandscheiten, und ein Blasrohr oder der Mund, später ein Blasebalg, besorgten die Anfachung der Glut. Bei Nacht wurde das Feuer vorsichtig zugedeckt und mit Steinen umstellt, damit die wärmeliebenden Katzen sich an den Kohlen nicht versengten und ein Unglück im Hause anrichteten. Erlosch die Glut, so mußte der Nachbar aushelfen, durfte aber „Kindern und Unvernünftigen” kein Feuer aushändigen. Der Rauchfang leitete den Dampf entweder in den Schornstein oder durch ein Loch in der Wand aus dem Hause, und wenn man Fleisch zu räuchern hatte, bedurfte es nur des Aufhängens desselben innerhalb seiner Wände, um es haltbar und wohlschmeckend zu machen.
Die Vorratsräume befanden sich in dem oberen Stocke, wo auch die Schlafstuben eingerichtet waren. Man legte sich auf Stroh, mit Federbetten oder Laken überdeckt. Die Bettstellen benutzte man noch kaum, und selten waren die Geschlechter schon geschieden. Das Dienstpersonal legte sich auch wohl auf Bänke, wovon der Name Bankert seine Ableitung haben soll. Er bezeichnet einen unehelich Erzeugten und wurde deshalb sehr ungern gehört.
Die Kleidung des Mannes bestand in einer Hose und einem eng anliegenden, fest zugehakten Rocke. Bei kalter Jahreszeit schlug man noch einen Mantel um die Schultern und zog die Kapuze über den Kopf.
Die Frauen kleidete ein weites Gewand, ähnlich dem Talare der Geistlichen, den man mit Schnüren über den Hüften zusammenzog. Im Sommer bestand es aus Leinen, im Winter aus Wolle und ließ die Arme unbedeckt.
Sollten diese gegen Kälte geschützt werden, so streifte man noch Mauen vor, die allmählich die verschiedenartigsten Gestalten annahmen. Von goldenen und silbernen Geschmeiden ist noch wenig die Rede, bis Amerika seiner Kostbarkeiten beraubt wurde. Pelzkragen und Pelzbesatz unterschieden die Reichen von den Armen, und die Damen wußten sich die Mode recht mannigfach zurechtzulegen.
Zum Kampfe zog man aus mit Lanze, Keule und Schwert; zum Schutze dienten Panzer, Helm und Halskragen, den Schild nicht zu vergessen. Indeß kamen die Siegburger nur selten in die Lage, sich vollständig ausrüsten zu müssen, da der Schirmvogt den Reichskrieg für die Abtei führte, und den Bürgern nur die Verteidigung der Stadt oblag.
Leprosenhäuser – Krankenhäuser
Die Sorge für die Gesundheit machte Vorkehrungen nötig, die man aus Mangel an Ärzten nichts weniger als entbehren konnte.
Dahin gehörten Badeeinrichtungen, Krankenhäuser, Lerosenwohnungen u. dergl. mehr, teils innerhalb teils außerhalb der Stadt gelegen und von Aufsehern überwacht. Im Mittelalter gehörte es zu den Lebensbedürfnissen des Menschen, sich recht oft baden und den Körper abwaschen zu können. Man darf sich daher nicht wundern, wenn so manches letztwillige Vermächtnis auf die Herrichtung von Badeanstalten lautet, und die Benutzung derselben den Armen überwiesen wurde.
Die Leprosenhäuser lagen in Siegburg vor dem Holzthore und wurden ängstlich von den Gesunden gemieden. Cäsarius von Heisterbach unterscheidet vier Arten von Aussatz, die „lepra alopica” oder Fuchskrankheit, welche aus dem Blute stamme und den Ausfall der Haare bewirke; die „lepra leonina” oder Löwenkrankheit, welche den Körper anfresse und von der Galle herrühre; die „lepra elephantia”, welche schwarzer Galle ihren Ursprung verdanke und die Haut auftreibe, und die „lepra tyria”, welche den Körperschleim hervortreten lasse und die Haut schmierig mache.
Wer von dieser Krankheit geheilt wurde, mußte sich in Köln von den Ärzten untersuchen lassen und einen Schein über seine Genesung beibringen, sonst wurde er die Gesellschaft nicht wieder aufgenommen. Die Quacksalber fanden
ein weites Feld für ihre Thätigkeit, und die wunderbarsten Salben und
Medizine wurden zubereitet.
Eine furchtbare Krankheit war auch das sogenannte Antoniusfeuer, welches im 11. und 12. Jahrhundert fast alle Länder Europas durchzog und Tausende von Menschen hinraffte. Die davon Befallenen wurden schwarz wie verbrannt und verloren die angegriffenen Gliedmaßen.
Deshalb gründete ein Herr Gaston aus der Dauphine den Verein der Hospitalsbrüder unter dem Schutze des h. Antonius, damit sie die Kranken pflegten und ihnen womöglich Rettung brächten. In Siegburg fanden sie nur kurze Zeit Beschäftigung (1109) und überließen nach dem Aufhören des Fiebers ihr Gebäude regulären Kanonissinnen unter dem Schutze der heil. Anna. Seitdem existiert die Klause in der Stadt, das spätere Minoritenkloster, welches erst vor wenigen Jahren als baufälliges Hospital von dem Erdboden verschwunden ist. Als Krankenhäuser werden in der frühesten Zeit 2 erwähnt, das zum heil. Paulus am Aufgange des Berges mit einem Kirchhof und das der heil. Katharina, Sen Catheren genannt, welches am Kölnthor lag und wahrscheinlich für weibliche Kranke bestimmt war.
Die Kirche
Die Kirche war mit der Zeit baufällig geworden und zu klein, so daß man an einen Neubau derselben denken mußte. Die Verpflichtung dazu hatte vornehmlich die Abtei als Rechtsnachfolgerin der früheren Burgeigentümer, welche den Hauptanteil an ihr besessen hatten. Dazu mußten nun aber die Bürger ihr Scherflein beitragen und, nach späteren Verhältnissen zu schließen, wenigstens den Turm der Kirche herrichten.
Eine eigentümliche Zumutung stellte damals der Pfarrer Gottfried an die Gemeinde Bergheim, die Siegburger bei der Herstellung des Gotteshauses zu unterstützen und beschritt, als jene sich dessen weigerte, den Rechtsweg vor dem Erzbischofe Philipp von Köln. Dieser ließ beide Parteien am 13. November 1169 vor sich kommen und erklärte nach genauer Prüfung der Sache die Bergheimer zwar von jeder Verpflichtung, Dienstleistung und Arbeit zu dem Baue frei, bestimmte aber unter gegenseitiger Einwilligung der Interessenten, daß die Bergheimer am Vorabende vor Allerheiligen alle Jahre eine Wachskerze im Werte 10 Dortmunder Münzen in die Kirche zu Siegburg liefern und auch gehalten sein sollten, hier der Synode zu folgen. Der Geistliche, welcher ecclescasticus, nicht parochus genannt wird, sollte dem Pfarrer zu Siegburg den gebührenden und üblichen Gehorsam leisten und die Kirche zu Bergheim in religiösen Dingen keinen Schaden erleiden. Gegeben zu Soest.
Nach einem alten Codex besaßen Abt und Convent von Siegburg die Patronate über Strälen, Anrade (Altenrath?), Gymnich, Honnef ad sanctum Petrum in Zülpich, Ludendorf und 14 beneficia; das Kapitel: Bergheim an der Sieg, Lar, wicissim cum praeposito Bonnensi, Menden, Overath, Niederpleis, Ley an der Mosel, Weißkirchen, Geistingen abwechselnd mit dem Herrn von Blankenberg, Hennef abwechselnd mit dem Herrn von Köln, Ergeste b. Schwerte, Happerschoß und Weiler.
Der Bau der Kirche wurde aus Wolsdorfer Steinen ausgeführt und stellte eine dreischiffige Säulenbasilika mit Emporen auf beiden Seiten dar. Die Apsis war von dem Hauptschiffe durch einen großen Bogen getrennt, oder es lag zwischen beiden noch ein Querschiff, wie Sachkenner behaupten wollen. Die Seitenschiffe sprangen in ihrem vorderen Teile fast bis zur Frontlage des Turmes hervor und bildeten neben diesem zwei verschließbare Räume, in denen die Kirchengerätschaften aufbewahrt wurden. Über die Emporen gelangte man nach dem sogenannten Paradiese, vor welchem die Orgel aufgestellt war. Hier pflegten die Ordensfrauen oder sonst angesehene Persönlichkeiten ihren Platz zu nehmen, während die Emporen noch kaum von Andächtigen benutzt wurden. Die Arkaden waren durch Dreibogen mit je zwei Säulchen geblendet und gewährten keine unbeschränkte Aussicht in das mittlere Schiff. Der Hauptaltar stand in der Apsis und war dem heil. Servatius nebst der Muttergottes geweiht. Vor den Seitenschiffen befand sich ein St. Johannis-Altar und links ein St. Agathen-Altar. Was den Turm angeht, der sich trotz mancherlei Zerstörungen in wiederhergestelltem Zustande noch erhalten hat, so erhebt er sich in fünf, stets etwas zurücksetzenden Stockwerken bis zu einer Höhe von 33 Meter und schaut mit seinen fensterartigen, großen Schalllöchern ernst und mahnend auf die Gemeinde herab.
Die Helmspitze hat wieder die ursprüngliche Gestalt bekommen, nachdem sie eine Zeitlang der welschen Haube oder der Zwiebel, wie man sagt, Platz gemacht hatte, und erreicht etwa zwei Drittel der Höhe des Unterbaues. Dieser ist ein Prachtstück, schön gegliedert und in seinen Stockwerken durch starke Gurtgesimse mit Bogenfriesen und Zickzackverzierungen abgestuft. Das große Portal springt etwas aus der Front hervor und ist in seinen Einzelheiten entsprechend ausgebildet.
Die Einführung des St. Nikolausfestes
Der Abt Nikolaus sollte die Fertigstellung der Kirche nicht mehr erleben, da er am 13. Februar 1172 schon starb. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich noch um die Gemeinde durch die Einführung des St. Nikolafestes, das seit 1087 immer mehr Aufnahme am Rheine gefunden hatte und ihm wohl vor allen angenehm war. Sein Nachfolger Gerhard erbaute dem Heiligen eine Kapelle auf dem Berge und bestimmte zur Beleuchtung derselben zwei Mark aus den Erträgen eines Hauses am Kirchhofe, das er selbst einst erworben hatte. Die Bürger der Stadt widmeten dem Wohlthäter ein Standbild auf der Emporkirche.
Zu den kirchlichen Festen, deren es damals recht viele gab, gesellten sich noch immer zwei andere in Siegburg, die ursprünglich einen heidnischen Charakter an sich trugen, aber sehr bald vom Christentume geweiht und in den Dienst der Kirche gestellt wurden.
Die Märtensfeuer
Dahin gehört zunächst das große Herbstfest der Germanen als Dankfest für die glücklich eingebrachte Ernte. Es galt dem Regen und Wärme spendenden Gotte Wodan und ward bald im September bald etwas später gefeiert.
Wie im Frühlinge, wenn der Allvater nach langer Abwesenheit den winterlichen Drachen überwunden und seine Herrschaft wieder angetreten hatte, Freudenfeuer auf Höhen und Bergen aufleuchteten, und die schönsten Feste im Volke gefeiert wurden, so zündete man auch im Herbste, wenn der Winter herannahte, Stroh- und Reisigfeuer auf den Feldern an, um die Umgegend für das nächste Jahr vor Unglück zu feien und dem Gotte des Himmels seine Dankbarkeit zu beweisen. Jung und Alt eilte dann hinaus zu der Flamme, welche weithin durch die Dunkelheit der Nacht leuchtete, und sang und jubelte, scherzte und tanzte um die lodernde Glut, bis der letzte Funken erstickt war. Darauf kehrte man nach Hause zurück und setzte das Vergnügen noch bei einem Mahle fort. Unter die Kinder wurden Nüsse, Birnen, Äpfel und dergl. ausgeteilt, auch wohl Schläge, wenn eines sich unartig gebärdete; die Alten verspeisten eine Gans oder anderes Fleisch, welches man früher dem Wodan zu opfern pflegte. Der Umstand, daß eine Gans den heiligen Martin in seinem Verstecke verraten haben soll, als er zum Bischof von Tours erwählt war, trug viel zur Erhaltung der Sitte bei, nachdem jenes Fest mit ihm in Verbindung gesetzt und so zu einem christlichen umgestempelt war.
Die Siegburger kennen noch jetzt die Martinsgans und lassen sie oft recht weit herkommen, aber die schönen „Märtensfeuer” sind erloschen oder wenigstens dem Aussterben nahe, wofern nicht die Vorstädter sich ihrer annehmen und die alten Sitten und Gebräuche aufrecht zu erhalten suchen.
Das Holzfahrtsfest
Das zweite hier zu erwähnende Fest ist das Holzfahrtsfest oder das Frühlingsfest der wiedererwachten Natur. Es hängt ebenfalls mit dem Wodanskultus zusammen und bekundet die unverhaltene Freude über den Sieg, welchen der Lichtgott Wodan über seinen Gegner, den Gott Holler oder Woller, jährlich davonzutragen pflegt. Diesen dachte man sich in den Wolsbergen, während jener auf dem Siegberge seinen Thron aufgeschlagen hatte. Das Kampfesfeld lag zwischen beiden in der Mitte, und hier mußte der Streit zum Austrage kommen, sobald die Frühlingssonne ihre Macht entfalten und die Gegend vom Banne des Winters lösen konnte. Es ist Thatsache, daß das Siegburger Holzfahrtsfest nicht in dem Lohmarer Walde, sondern unter den Eichen vor dem Wolsberge gefeiert worden ist.
Das spätere Schützenfest giebt uns darüber Aufschluß, und der Umstand, daß jenes so leichten Schrittes in dieses übergehen konnte, läßt die Vermutung aufkommen, daß gewisse Ähnlichkeiten zwischen beiden hinsichtlich ihrer Feier bestanden haben.
Man wählte einen Maikönig, der im Waffenschmuck die Jugend zu Tanz und Kampfesspielen führte, und ihm zur Seite schritt die Königin, das schmuckste Mädchen des Ortes oder die Geliebte des Auserkorenen, um seine Gefährtin zu sein. Entsprechend den Heerkönigen, welche von Gaugrafen umgeben ihre Versammlungen hielten, fand auch er seine Begleiter in den Maigrafen als Kampfes- und Preisrichter. Das Leben und Treiben der Festgenossen ward kritisiert, und hier Belohnung, dort Strafe ausgeteilt. Alle hatten dem Könige zu huldigen und der Königin ihre Verehrung zu bezeugen.
Wenn man dann abends in die Stadt zurückkehrte, so gab es noch ein Tänzchen im grün geschmückten Saale.
Der Maibaum
Der Maibaum mit Eiern, Nüssen und Backwerk ward aufgepflanzt, Wein und Bier zur Stelle geschafft und fröhlich gescherzt bis zum kommenden Morgen. Beim Aufbruche nahmen die Gefeierten die Huldigung noch einmal entgegen und ließen sich von allen Beteiligten nach Hause begleiten. Die Vorstädter haben die alte Form dieses Festes noch lange beizubehalten gesucht und trotz des bergischen Verbotes vom Jahre 1717, welches von dem grünen Maikönige nichts mehr wissen wollte, ihrer Freude Ausdruck gegeben; aber mit der Zeit ist auch jene zerbrochen, und nur noch schwache Anklänge erinnern an die Frühlingsfeier der Naturfreunde von ehemals.
Dahin gehört z. B. das in der Aulgasse und auf dem Driesch noch jetzt am Maitag Sonntag unter den jungen Burschen übliche Versteigern der Mädchen für das folgende Jahr.
Die Liebe allein ist geblieben und treibt noch nach wie vor ihre Blüten. Wie sie verstohlen beginnt, so wird auch noch oft ein gestohlener Maibaum unter das Fenster der Geliebten gesetzt, um die Achtung des Freundes, oder den Wunsch, dieselbe zu besitzen, ihr kund zu geben. Sprödigkeit und verschmähte Liebe werden umgekehrt mit Dornenzweigen oder Hächsel streuen bestraft, und die Betreffende hat dann nichts Eiligeres zu thun, als diese Zeichen vor der Thüre zu entfernen. Die Sitte ist alt und findet sich vielfach in deutschen Gauen. Mag sie zum Scherz noch erhalten bleiben.